https://www.faz.net/-gr3-winb

: Frischer Waldduft

  • Aktualisiert am

"Spät kommt ihr, doch ihr kommt" - mit diesem allen säumigen Rezensenten geläufigen Schiller-Wort eröffnete Rudolf Gottschall am 5. Mai 1870 in den "Blättern für literarische Unterhaltung" seine Würdigung einer der populärsten Autorinnen ihrer Zeit. Ihre Werke, so der Rezensent, würden gelesen ",soweit ...

          "Spät kommt ihr, doch ihr kommt" - mit diesem allen säumigen Rezensenten geläufigen Schiller-Wort eröffnete Rudolf Gottschall am 5. Mai 1870 in den "Blättern für literarische Unterhaltung" seine Würdigung einer der populärsten Autorinnen ihrer Zeit. Ihre Werke, so der Rezensent, würden gelesen ",soweit die deutsche Zunge klingt', in den fernsten Colonien des innern Russland, an den halbasiatischen Riesenströmen, wie an den Ufern des Mississippi, in Chile und Brasilien. Mancher ferne Auswanderer denkt der anheimelnden deutschen Waldberge . . ., wenn er sich in die Lektüre dieser Erzählungen vertieft, und wenn er dann durch den hochwogenden, lianenumschlungenen Urwald wandelt, so vermißt er mitten in all der üppigen Farbenpracht den frischen Waldduft der harzigen Fichten- und Tannenwälder." Spricht aus diesen Zeilen über die Unterhaltungsschriftstellerin Eugenie Marlitt auch die Sehnsucht nach Weltgeltung und überseeischen Besitzungen für das wenig später proklamierte Kaiserreich? Die von Helmut Kreuzer herausgegebene Dokumentation der deutschsprachigen Literaturkritik zwischen 1870 und 1914 ist zunächst eine Quellensammlung zur Geschichte. Aber für jeden interessierten Leser bietet sie eine höchst aufschlussreiche Sammlung von Rezensionen kanonisierter und längst vergessener Werke. Spannend ist dabei nicht nur der erste Blick von Kritikern wie Brahm, Mehring, Mauthner, Scherer, Spielhagen oder Gustav Freytag auf die Bücher von Raabe, Keller, Conrad Ferdinand Meyer, Fontane, Ibsen oder Zola, interessant ist auch zu sehen, wie die zwölf Blätter, aus denen die Rezensionen stammen, sich nach politischer und literaturästhetischer Überzeugung voneinander abzugrenzen versuchen. Das Bildungsbürgertum jener Jahre stritt vehement über Naturalismus, Expressionismus und die literarische Moderne. Dass es bei einer Gesamtbevölkerung von 39 Millionen kaum mehr als 250 000 Menschen umfasst haben soll, wie Doris Rosenstein in ihrer lesenswerten Einleitung schreibt, mag man heute kaum glauben. ("Deutschsprachige Literaturkritik 1870-1914". Eine Dokumentation. Hrsg. von Helmut Kreuzer. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2007. Vier Bände, geb., zus. ca. 2200 S., 198,- [Euro].) igl

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Gedächtnisschwäche und Meinungsbildung

          TV-Kritik: „Maischberger“ : Gedächtnisschwäche und Meinungsbildung

          Grönland-Debatte, Fleischkonsum oder Greta Thunberg: Schaffen die Medien unsere Wirklichkeit, oder bilden sie diese nur ab? Das war das eigentliche Thema dieses Abends, der an fast vergessene Ereignisse der letzten Wochen erinnerte.

          Topmeldungen

          Ziel geopolitischer Interessen : Die Tragödie der Arktis

          Je schneller das Eis in der Arktis schmilzt, desto größer werden die konkurrierenden Begehrlichkeiten. Man kann an diesem Theater ablesen, wie sich die politischen Interessen verschoben haben.

          TV-Kritik: „Maischberger“ : Gedächtnisschwäche und Meinungsbildung

          Grönland-Debatte, Fleischkonsum oder Greta Thunberg: Schaffen die Medien unsere Wirklichkeit, oder bilden sie diese nur ab? Das war das eigentliche Thema dieses Abends, der an fast vergessene Ereignisse der letzten Wochen erinnerte.
          Glück im Spiel, Pech an der Börse? Gamer auf der Gamescom in Köln

          Gamescom : Gamer haben an der Börse keinen Spaß

          Das vergangene Jahr war für viele Entwicklerfirmen ein schlechtes Jahr. Das lag vor allem an einem Spiel. Warum Analysten trotzdem weiterhin auf die Gaming-Papiere setzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.