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Friedrich Kittler / Hans Ulrich Gumbrecht: Isolde als Sirene : Verliebte Narren sprechen wahr

  • -Aktualisiert am

Bild: Wilhelm Fink Verlag

Wenn Tristan der Sirene Isolde erliegt und vor Marke Possen spielt: In Friedrich Kittlers Lesart der mittelalterlichen Erzählung von Tristans Narrheit bündeln sich Motive seiner Mediengeschichte.

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          Wir möchten auch Musik und Mathematik erzählen: das Schönste nach der Liebe, das Schwerste nach der Treue.“ So beginnt das Projekt einer Kultur- und Mediengeschichte der Antike und Vormoderne, dem Friedrich Kittler sich in seinen letzten Lebensjahren verschrieben hatte. Wer Kittlers Neigungen kennt, wird nicht ganz überrascht sein über die nun postum edierte kleine Studie, die dem Projekt hätte angehören sollen. Sie ist dem Mythos von Tristan und Isolde gewidmet, genauer: dem kurzen, anonym überlieferten Text „Folie Tristan“. Kittler hat ihn neu übersetzt und ihm einen Essay über „Isolde als Sirene“ zur Seite gestellt.

          Wucht des Liebeswahns

          Dass es Tristan und Isolde sind, mit denen Kittlers Mittelalter anhebt und verklingt, wirkt zwingend. Schon Kittlers „Hellas“-Bücher erzählen ja bereits Wünsche und Träume, die sich in Stimmen, Medien und Maschinen äußern und Wirklichkeiten hervorbringen, die gültige Normen brechen und Gegenkulturen begründen. Und „Folie Tristan“ birgt alles, was Liebe, Helden und Medien verbindet - Grundthemen, die Kittler am Herzen lagen.

          Die altfranzösische Verserzählung - überliefert in der Oxforder Handschrift - entstand um 1200 und wurde meist als Supplement zum „höfischen“ Tristan des Thomas d’Angleterre und als Präludium zur hohen Minne in der Tristan-Fassung Gottfrieds von Straßburg angesehen. Eine andere Version, die Berner Handschrift, wurde hingegen dem schrofferen Tristan eines Béroul beigeordnet. Wozu nun Kittlers neue Lektüre und Übersetzung?

          Kittler geht es um die jähe Wucht des Liebeswahns, den Einbruch des Wilden in das Hofzeremoniell und vor allem um ein „Freilegen“ und Übersetzen von Nymphenstimmen und Lockungen, wie sie in den Rahmen seiner Mediengeschichte Europas gehören, die von Parmenides bis zu Lacan reicht.

          Tristan als Narr

          Was also erzählt die „Folie Tristan“? Kittler sagt es bündig: „Tristan spielt Marke einen ganzen Tag lang den ausgemachten Narren vor, nur um eine ganze Nacht darauf Isoldes Bett zu teilen“. Die Episode spielt an Markes Hof in Tintagel: Tristan ist noch einmal mit Kaufleuten übers Meer gekommen, um Isolde, der er sich nicht nähern darf, zu sehen. Darum inszeniert er eine verkehrte Welt: Er nennt sich Tantris, unterhält in einem Narrenkostüm - kreuzweise tonsuriert, mit Keule und Rotte ausgestattet - den König mit Worten, die Isolde, die Königin, an die Abenteuer der Vergangenheit gemahnen. Es sind Szenen, in denen die beiden durch Listen und Lügen, Verkleidungen und Medien zueinanderfanden. Tristan/Tantris erinnert an das, was längst geschah: sein Sprung über das Mehl, das der „Zwerg“, ein Spion Markes, ausgestreut hatte, um durch Fußspuren das Paar zu überführen; das Stelldichein im Garten, als Tristan rechtzeitig den Schatten Markes erkannte; das Gottesurteil und der gebieterische Schwur Isoldes, keinen anderen Mann jemals zwischen den Schenkeln gehabt zu haben als den Aussätzigen, der sie über die Furt trug - der niemand anders als der maskierte Tristan war.

          All das sind Geheimnisse, um die nur die Liebenden wissen. Isolde jedoch, eine zweite Penelope, errötet zwar, erkennt den Weitgereisten aber nicht. Tatsächlich hält sie den Geliebten nur für den Wahnsinnigen, der er ja doch auch ist. Denn die Narrheit ist, betrachtet man die Geschichte der Folie, auch eine des Wahr-Sagens, so wie das Närrischsein von Ovid bis Barthes die zentrale Figur der Liebe ist und sich mit anderen Figuren, Travestien, Körper-und Medieneinsätzen mischt: Tristan als Pilger, Leprakranker, Jäger, Barbar, Dichter und Spielmann.

          Fiktionsfiktion

          Die Erzählung ist, das wusste man schon, trotz reicher Bilder und Figuren, die der literarischen Tradition entnommen sind, auch wildes Denken, Sagen und Singen. Eine solch freizügige Übersetzung aber wie jene Kittlers, in der das Verlangen bloßgelegt und hochgereizt wird, kannte die Philologie noch nicht. Natürlich ist der Vers „Quant me plaiseit venir a vous“ zunächst Ausdruck des Wunsches, Isolde zu besuchen, und das in höfischen, höflichen Worten. Bei Kittler wird daraus „wenn mich die Lust auf euch ankam“. Denn für ihn zeugt das ganze Bestiarium, das Tristan allegorisch und scherzend vor Marke aufruft - Sohn eines Walfischs zu sein, gesäugt von einer Tigerin -, vom Wissen um die Wucht der Natur, der nicht zu entkommen ist. Als inszenierte Fiktion, als „Fiktionsfiktion“, widerruft es die Macht der Rituale, auf die sich die feudale Ordnung stützt, und sie reißt ja auch, wie man weiß, den Hof ins Verderben.

          Denn für Kittler erliegt Tristan anders als Odysseus dem Gesang der Sirene, selbst wenn von Isoldes Gesang nichts zu lesen steht. Kittler aber möchte in Isolde die Göttin erkennen, der schon Parmenides Folge leistete - und darin schließen sich bei ihm „Hellas“ und Mittelalter, die alten Weisen und Gottfried von Straßburg zusammen. So führt das schmale Buch noch einmal wesentliche Impulse von Kittlers kritischer Kultur- und Mediengeschichte vor Augen.

          Friedrich Kittler / Hans Ulrich Gumbrecht: „Isolde als Sirene. Tristans Narrheit als Wahrheitsereignis. Wilhelm Fink Verlag, München 2012. 107 S., br., 16,90 €.

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