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: Friedenswasser in die Worte des Propheten

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Vor zehn Jahren erschien im Piper Verlag, München, ein Buch mit dem Titel "Islam", die Autoren waren die Tübinger Professoren für Ökonomische Theologie, Hans Küng, sowie für Orientalistik, Josef van Ess. Van Ess stellte in dem Buch in vier Kapiteln den Islam vor, Küng gab auf diese islamischen Perspektiven jeweils eine christliche Antwort.

          Vor zehn Jahren erschien im Piper Verlag, München, ein Buch mit dem Titel "Islam", die Autoren waren die Tübinger Professoren für Ökonomische Theologie, Hans Küng, sowie für Orientalistik, Josef van Ess. Van Ess stellte in dem Buch in vier Kapiteln den Islam vor, Küng gab auf diese islamischen Perspektiven jeweils eine christliche Antwort. Diese Darstellung des Islam durch den Orientalisten van Ess ist heute noch meisterlich zu nennen, die Antworten des Theologen waren etwas befremdlich. Er forderte zum Beispiel, daß die Christen Muhammad als Propheten anerkennen sollten und die Muslime Jesus als die Offenbarung Gottes. Das zweihundert Seiten umfassende Buch hatte keine Anmerkungen, man verstand es als einen Versuch eines islamisch-christlichen Dialogs - wenn auch ohne Muslime.

          Heute meint Küng, die Orientalisten nicht mehr zu benötigen, und schreibt selbst eine knapp neunhundertseitige Scharteke (mit fast einhundert Seiten gelehrter Anmerkungen) über die Geschichte, die Gegenwart und die Zukunft des Islam. Küng tut das nicht, um der deutschen Leserschaft den Islam genauer zu beschreiben, sondern weil er als Christ mit den Muslimen Frieden schließen will nach dem Motto: "Kein Frieden unter den Religionen ohne den Dialog zwischen den Religionen"; und dieser Dialog sei nur möglich durch eine "Grundlagenforschung in den Religionen".

          Dies führt Küng nun im Hinblick auf den Islam aus, in der Beschreibung seiner Geschichte immer die friedliche Zukunft im Blick. Man ist verwundert: Gibt es nicht genügend grundgelehrte oder auch übersichtliche Darstellungen des Islam von Islamkundlern selbst? Warum muß ein christlicher Theologe meinen, er wüßte alles besser als die Orientalisten? Diese Meinung ist nämlich irrig: Die Islamkundler und Orientalisten sind auf ihrem Gebiet besser als der "Orientalist" Küng.

          An wen wendet sich Küng überhaupt? Er schreibt deutsch, also hofft er auf deutsche Leser, speziell, wie er schreibt, deutsche Muslime und Christen. Wer kein Christ ist, sich jedoch für den Islam interessiert, sollte dieses Buch, das mit einem Gebet endet, nicht lesen, denn es ist so christlich, daß sich ein Nichtchrist nur ärgern würde. Liest ein frommer deutscher Muslim Küngs Forderung an seine nichtmuslimischen Leser, sie sollten Muhammad als Propheten anerkennen, wird sich jener wahrscheinlich nicht zu einem Dialog mit den Christen aufgefordert fühlen, denn er muß vermuten, daß der Autor einer solchen Forderung ein muslimischer Konvertit ist - eine Notwendigkeit zu einem Dialog bestünde damit nicht mehr. Wenn sich ein Deutscher türkischer Abstammung, völlig säkularisiert und unfromm, für die Religion seiner Väter interessiert, sollte er dieses Buch auch nicht lesen, denn es ist in seiner Breite und Detailfreudigkeit, die an vielen Stellen ziemlich überflüssig ist (der Gelehrte Ignaz Goldziher wird mit dem Spinner Roger Garandy verglichen), verwirrend. Man stelle sich vor, ein Mullah in Medina schriebe auf arabisch ein sehr dickes Buch über das Christentum in der Hoffnung, daß Arabisch lesende Christen in Saudi-Arabien nun endlich Frieden mit den dortigen Muslimen schließen - ein utopischer Gedanke, denn die saudischen Wahhabiten würden das Buch wohl kaum lesen wollen.

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