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Geschichte der NZZ : Abschied vom Freisinn

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Lange Geschichte, skurrile Geschichten: Eine Druckplatte in der Druckerei der Neuen Zürcher Zeitung. Bild: Picture-Alliance

Die Herren Redaktoren wissen Missliebiges zu verhindern: Friedemann Bartu lässt in seinem Sachbuch „Umbruch“ die jüngere Geschichte der „Neuen Zürcher Zeitung“ Revue passieren.

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          Eine stolze Tradition, ein hohes Maß an Kompetenz und Sprachbewusstsein, eine große Eigenständigkeit spezialisierter Redakteure, Ressorts als selbstherrliche Fürstentümer; dann mit dem Wegbrechen von Auflage und Anzeigen die strukturelle Krise, der holprige Einstieg ins Internet, die Gründung einer Sonntagszeitung, sieben Sparrunden und Kündigungswellen, die Abschaffung von Beilagen und Rubriken und die umstrittene Personalrekrutierung aus einer linksalternativen Zeitung: Der Leser wird es bereits bemerkt haben – es geht um die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ). Auch das 1780 gegründete publizistische Flaggschiff der Schweiz ist seit 2001 ins Schlingern gekommen, und ihr ehemaliger Korrespondent und Redakteur, nein: Redaktor (in der Schweiz mag man keine Germanismen), Friedemann Bartu schildert diesen nicht wirklich originell betitelten „Umbruch“ aus der kritischen Nahdistanz.

          Das Platzen der Dotcom-Blase 2001, die Finanzkrise 2008 und der strukturelle, durch die immer mächtiger werdende Online-Welt bedingte Umsatzeinbruch sind kein Spezifikum der jüngsten Geschichte der NZZ. Hier kommt aber eine schmerzhafte Teil-Ablösung von der Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP) hinzu. Was hierzulande allenfalls bei Regionalzeitungen von der sozialdemokratischen Beteiligungsgesellschaft ddvg bekannt ist, bei den großen überregionalen Tageszeitungen aber undenkbar wäre, eine Verflechtung mit einer politischen Partei, war im Falle der NZZ und der FDP statutarisch fixiert und wirkt weiter fort. Bis 1995 konnte niemand Aktionär der NZZ werden, der nicht FDP-Mitglied war. Seither darf man als Anteilseigner zumindest nicht Mitglied einer anderen Partei sein. Im Verwaltungsrat und in der Redaktion tummelten sich Partei- und Nationalratsmitglieder. Gleichwohl oder deswegen war die NZZ als liberale und im Ausland als neutrale, aber unter den legendären Chefredaktoren Willy Bretscher (1933 bis 1967) und Fred Luchsinger (1968 bis 1984) auch dezidiert antitotalitäre Stimme weithin respektiert, zunächst als eisern antinationalsozialistisches, dann als ebenso deutlich antikommunistisches Blatt. Die Hufeisentheorie war im totalitären Zeitalter noch nicht in Verruf geraten.

          Bitte das Internet ausdrucken

          Der Freisinn kam mit Affären und dem Bankrott der Swissair im Jahr 2001 ins Trudeln. Symbol der Verquickung von Freisinn und NZZ war damals der Präsident des Verwaltungsrates der Muttergesellschaft der Swissair und der NZZ, der FDP-Mann Eric Honegger, der nun beide Posten aufgeben musste. Die NZZ kündigte nach der aktionärsrechtlichen auch die inhaltliche Treue zum Freisinn auf, hielt aber eine liberale Grundlinie bei.

          Als das Flaggschiff noch nicht schlingerte: Leserin der NZZ um 1937.

          War früher der Chefredaktor als Vorsitzender der Geschäftsleitung nahezu allmächtig, so wurde ihm 2006 ein CEO vor die Nase gesetzt, der gemeinsam mit dem Verwaltungsrat die Weichen stellt. Nachdem sich unter Chefredaktor Markus Spillmann (2006 bis 2014) inhaltliche Beliebigkeit breitgemacht hatte, scheiterte 2014 aber deren Versuch, Markus Somm von der „Basler Zeitung“ als Nachfolger zu installieren. Somm war zwar FDP-Mitglied, aber auch Vertrauter des nationalkonservativen Patrons der Schweizerischen Volkspartei (SVP) Christoph Blocher. Wie weiland beim „Stern“, als die Redaktion 1983 Johannes Gross und Peter Scholl-Latour als neue Chefredakteure verhinderte, wehrten sich nun sämtliche Korrespondenten und 183 Redaktoren der NZZ erfolgreich gegen Somm.

          Ein zweiter Krisenherd in der Falkenstraße war das Verhältnis zwischen der Print- und der Online-Mannschaft. Zwar brach die NZZ früh in die digitale Welt auf, aber dem Netzauftritt war weder personell noch finanziell Stetigkeit beschieden. Chefredaktor Hugo Bütler (1985 bis 2006) benutzte keinen Computer und bat darum, wenn er den eigenen Online-Auftritt verfolgen wollte, ihm bitte „das Internet“ auszudrucken.

          Skurriles aus dem Herrenclub

          Dem Vernehmen nach gehörte auch Friedemann Bartu zu den Kritikern der Onliner. Jetzt erzählt er von deren fehlenden Sachkompetenz und dem Primat der Schnelligkeit. Wie in anderen großen Häusern versuchte man, die auseinanderdriftenden Welten wieder zusammenzuführen. Konvergenz lautete das Stichwort in Zürich. Allein, gespart werden musste weiter, und auch die einst so stupende Entwicklung der noblen Aktie kehrte sich um.

          Bartu erzählt viel Skurriles aus einer Hochburg der Käuze (wir sprechen immer noch von Zürich), wo früher bisweilen schon morgens Weißweinflaschen entkorkt wurden. Die NZZ war ein Herrenklub. Gleichwohl berichtete Emilie Hüni schon Ende des neunzehnten Jahrhunderts aus Frankreich, freilich unter dem Kürzel E. H., das auf Nachfrage als „Emil Hüni“ aufgelöst wurde, sicher ist sicher. Erst 1910 wurde die weibliche Identität entschleiert, wie bereits Thomas Maissen in seiner NZZ-Geschichte berichtet hat. 1985 wurde endlich der erste Leitartikel von einer Frau verfasst, bezeichnenderweise über die Reform des Sexualstrafrechts.

          Friedemann Bartu: „Umbruch“. Die Neue Zürcher Zeitung. Ein kritisches Porträt. Orell Füssli Verlag, Zürich 2020. 288 S., geb., 25,– €.

          Wichtiger war Bretscher zuvor, dass am Empfang die sogenannte Bedienung keine Hosen trug. Groß war der Schock, als nach der Jahrtausendwende zwei so junge wie mächtige Art-Direktorinnen installiert wurden. Deren Bildaufmachung erhielt in der ehemaligen Bleiwüste das Primat. Das konnte nicht gutgehen und endete mit einem Sieg der Redaktion.

          Bartu gelingt es, die letzten zwanzig Jahre der Veränderungen seiner Zeitung mit Sympathie, aber auch viel Kritik an falschen Entscheidungen zu erzählen. Dabei greift er immer wieder weit in die Geschichte der Zeitung zurück. Einblicke in die Schweizer Kulturgeschichte, wie die anhaltende Auseinandersetzung mit Max Frisch, erinnern an Literaturdebatten in benachbarten Ländern. Einige Abbildungen und vor allem Chronologien mit den wichtigsten Personalia hätten der Textwüste dabei sicher gutgetan.

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