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Freud in Italien : Die Kirche ist schön wie eine junge Witwe

Campanile von San Marco in Venedig, nach dem Einsturz 1902. Bild: L`Illustrazione Italiana

Jörg-Dieter Kogel folgt in seinem Buch Sigmund Freud auf dessen Reisen nach Italien. Er entdeckt einen Hedonisten mit Hang zum Luxus, der allerdings eines nicht konnte: allein sein.

          Sigmund Freud und Italien, das ist eine Liebesgeschichte. Einmal abgesehen von Neapel: „Erste Enttäuschung. Vesuv raucht nicht“, schreibt er im August 1902 an die Seinen in Wien, und dann vom „Hundenest u Affenkäfig, in dem es nicht zu leben war“. Kaum in Sorrent, heißt es aber: „Endlich hier ist das Schlaraffenland.“ Jetzt ist er angekommen; denn nichts ist ihm so erfrischend für Leib und Geist wie seine Reisen nach Italien, in sein „gelobtes Land“. Dabei war er nicht gern allein unterwegs, „Alleinsein ist sehr komisch“ steht im September 1898 auf einer Postkarte an seine Frau Martha aus Brescia. Er braucht die Gesellschaft von jemandem, den er schätzt, mit dem er seine Begeisterung und sein Vergnügen teilen kann, der bei seinem enormen Besichtigungspensum mithält.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Sein zehn Jahre jüngerer Bruder Alexander ist so ein Gefährte, der zudem als ein führender Verkehrs- und Bahnexperte der Donaumonarchie ganz pragmatisch organisieren konnte. Sandor Ferenczi, sein Schüler aus Budapest, ist ein weiterer, der ihn, allzeit interessiert und getreulich, begleitet. Da ist Minna Bernays, die jüngere Schwester seiner Frau, die mit den Freuds im Wiener Haushalt lebt. Die Art der Beziehung zu Minna ist bis heute ungeklärt, was immer es bedeuten mag, dass er im Sommer 1898 in das Gästebuch eines Hotels in Maloja für ein Doppelzimmer mit Minna „Dr. Sigm. Freud u Frau“ eingetragen hat. Endlich ist da seine jüngste Tochter Anna, die ihn, auch nach seiner verheerenden Krebsdiagnose 1923, noch einmal nach Rom begleitet.

          In Jörg-Dieter Kogels so unterhaltsamem wie informativem Buch über Sigmund Freud in Italien erfährt man all dies – und noch viel mehr: über die Hintergründe der Fahrten und über ihre Spuren in den Schriften des Erfinders der Psychoanalyse, der da glatt zum Hedonisten mutiert. Denn Kogel folgt Freuds italienischen Itinerarien zwischen 1895 und 1923, er macht die Leser auf Schritt und Tritt zu Augenzeugen, man wähnt sich gleichsam auf Freuds Fährte. Ständig sind in den erzählerischen Text Zitate aus Freuds Korrespondenz eingeflochten, diesen unermüdlichen Botschaften über die unmittelbaren Eindrücke an die Familie und die Vertrauten. Alle Stellen sind belegt in einem Anhang, der den Lesefluss, den Spaß an der Lektüre nicht stört.

          Der Autor kann dabei auf die Edition der Reisebriefe Freuds von 1895 bis 1923 zurückgreifen, die Christfried Tögel 2002 unter dem Titel „Unser Herz zeigt nach dem Süden“ veröffentlicht hat (ebenfalls im Aufbau Verlag). Tögels sorgfältige Ausgabe bildet die Grundlage. Man begreift, dass der Süden für Freud die Gegenwelt zum heimischen Wien ist, wo er mit äußerster Disziplin seinen Arbeitsalltag strukturiert. Entsprechend war Freud, in schöner bürgerlicher Tradition, auf die Reisen penibel vorbereitet: Natürlich mit Goethes „Italienischer Reise“ und mit Jacob Burckhardts „Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens“; ständiger Ratgeber ist ihm der „Baedeker“. Denn Freud verfolgt auch ein synästhetisches Genussprogramm, zu dem die empfohlenen Hotels gehören wie beste Speisen und bester Wein.

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