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Fredrik Sjöberg: Die Kunst zu fliehen : Ein hoffnungslos unpraktischer Freund

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Bild: Verlag

Der Schwede Fredrik Sjöberg heftet sich mit leichthändiger Erzählkunst an die Fersen seines fast vergessenen malenden Landsmanns Gunnar Mauritz Widforss.

          Es gibt Tätigkeiten, die Leidenschaft und Entschlossenheit erfordern. Dazu gehören das Reisen und die Kunst. Wenn Fernweh sich mit künstlerischem Trieb paart, gibt es für die Betroffenen oft kein Halten mehr. Zwei, die sich in diesem Sinne gefunden haben, sind der Autor Fredrik Sjöberg und sein Objekt, der schwedische Aquarellmaler Gunnar Mauritz Widforss, der in seiner Heimat fast vergessen ist und den es um die halbe Welt verschlug.

          Fredrik Sjöberg, Bibliomane, Ornithologe, Schwebfliegensammler und Experte im Aufspüren seltsamer Passionen, ist seit seinen Büchern „Die Fliegenfalle“ und „Der Rosinenkönig“ als „Sachensucher“ und Biograph von empfehlenswertem Feingefühl bekannt. Die biografische Wahrheit sei nicht zu haben, schreibt Sigmund Freud, und Sjöberg gibt auch gar nicht vor, dieses Leben, das von 1879 bis 1934 dauerte, vollständig erforscht zu haben und deuten zu können. Er nimmt die Rolle von Widforss’ „bestem Freund“ an und fürchtet, „ein Vertrauen zu enttäuschen, das man mir nicht einmal geschenkt hat, sondern das ich erschlichen und eigenmächtig beim Schopf gepackt habe“. Doch hat er erst einmal zugegriffen, lässt er so schnell nicht wieder los.

          Begabt und schüchtern

          Auf einer Kunstauktion verguckt sich Sjöberg, der offenbar auch ein Experte für schwedische Krüppelkiefern ist, in das Bild einer Krüppelkiefer am Meer. Der Maler: Gunnar Mauritz Widforss. Es ist der Beginn einer wunderbaren neuen Passion. Sjöberg findet heraus, dass der Künstler in den Vereinigten Staaten als „Maler des Grand Canyon“ eine gewisse Berühmtheit erlangt hat und ein Berggipfel im Nationalpark, der Widforss Point, nach ihm benannt ist. Und so folgt er dessen Spuren in nachgelassenen Briefen und leibhaftig durch Nordamerika, dessen Staatsbürger der alte Schwede schließlich geworden war.

          Zu einer Zeit, als die naturalistische Malerei bereits belächelt und die Modernisten gefeiert wurden, blieb Widforss vollkommen unbeeindruckt bei seiner Malweise. Seine Bilder fanden Eingang in Galerien und den öffentlichen Raum, deckten seine Hotelrechungen ab und schmückten als Motiv großformatige Puzzles. Stück für Stück setzt Sjöberg das Leben eines zur Freundschaft begabten, schüchternen, hoffnungslos unpraktischen Mannes und Künstlers zusammen (“Das meiste ist schlecht, aber manches ist gut. Einzelne Bilder sind magisch.“), von dem man vorher nichts wusste und eigentlich auch nichts wissen wollte, bis man, durch Sjöbergs leichthändige Erzählkunst verführt, nicht mehr von ihm lassen mag.

          Von Wrigley und Mauritz

          Denn der Autor zeichnet nicht nur eine Lebensspur nach. „Benebelt von Schatzsucherfreuden“, gerät er ständig auf Seitenpfade mit Aussicht auf immer neue erstaunliche Gestalten und Geschichten, die manchmal, aber meistens eher nicht mit Widforss zu tun haben, um dann in einer beschwingten Volte zu sich selbst und dem Objekt seines ursprünglichen Interesses zurückzukehren.

          So liest man vom Kaugummiproduzenten Wrigley, der Tausende von Vögeln aus aller Welt in Volieren auf seiner Privatinsel hielt, von Mauritz Widforss, dem Vater des Malers, dessen Vorname in einer bekannten Textilhandelskette weiterlebt, etwas über die Kamelbranche, die Wirkung des Tanzens, Schleimpilzkäfer, amerikanische Truthähne, Jacken mit Innentaschen und das Ehepaar Sjöberg, das in einem limettengrünen Ford Mustang V6 Deluxe durch Nevada, Utah, Colorado und Arizona braust.

          Ob Widforss’ Expeditionen durch Südeuropa, Nordafrika, Amerika und fast bis nach Japan seiner Reiselust und der Suche nach spektakulären Motiven geschuldet waren oder doch eher, wie der Titel suggeriert, einer Flucht glichen, weil er in Schweden eine junge Frau geschwängert hatte, kann Sjöberg nicht erhärten. Es scheint auch nicht so wichtig zu sein. „Über den Weg eines Menschen kann niemand etwas Sicheres sagen.“ Forschen ist ebenso gut wie Finden, und schöner als das Ankommen ist das Aus-, Ab- und Umherschweifen.

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