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Fredrik Sjöberg: Der Rosinenkönig : Sich forschend vom Hundertsten ins Tausendste bewegen

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Bild: Verlag

Ein lebenskluges Buch über die Poesie des Sammelns: Fredrik Sjöbergs faszinierender Essay rankt sich um das Leben von Gustaf Eisen, einem vergessenen Universalgenie, mit dem er die Welt entdeckt.

          Das Leben eines allenfalls in Spezialistenkreisen noch bekannten Naturwissenschaftlers scheint kaum ein Thema zu sein, für das ein breiteres Publikum sich interessieren müsste. Anders liegt der Fall, wenn sich der schwedische Biologe, Schriftsteller, Journalist und Literaturkritiker Fredrik Sjöberg der Sache annimmt, wie zumindest die Leser seines wundervollen, 2008 auf deutsch erschienenen Buches „Die Fliegenfalle“ wissen. Dort hatte der Autor dem vergessenen Stockholmer Insektenforscher René Malaise nachgespürt und die Spurenlese auf den Fersen dieses naturkundlichen Abenteurers mit seiner eigenen Biografie als Fliegensammler und Inselbewohner durchmischt - sowie mit einer Fülle von Reflexionen darüber, was das denn alles bedeutet: zu sammeln, sich eine Insel als Lebensort zu wählen, sich forschend vom Hundertsten ins Tausendste und wieder zurück treiben zu lassen.

          Nun ist es ein gewisser Gustaf Eisen, der von 1847 bis 1940 lebte, ein Baum von einem Wissenschaftler gleichsam, um den sich Sjöbergs neuer biographisch-autobiographischer Essay rankt, und man muss sagen, Werk und Wirken dieses Mannes böten an sich schon Stoff für eine üppige Lebensschilderung. Nach frühen botanischen Studien in seiner schwedischen Heimat wandert der junge Forscher nach Kalifornien aus, wo er bald federführend für die Akademie der Wissenschaften tätig wird - unter anderem als Archäologe, Ethnologe und Biologe.

          Von Abbrüchen und Neuanfängen

          Der „Gott der Regenwurmforschung“, dessen Systematik auch Darwin beeindruckt (mit dem er Briefe wechselt), belässt es freilich nicht beim Studium wirbelloser Tiere - oder etwa der Untersuchung der Anopheles-Mücke, die schließlich zur Identifizierung des Malariaerregers führt. Darüber hinaus betätigt er sich als Pionier der Wein-, Rosinen-, Gartenbau- und Feigenindustrie (seine Bücher „The Fig“ und „The Raisin Industry“ gelten noch heute als Standardwerke), führt die Avocado in Kalifornien ein, reist mit Friedrich Ratzel, dem Begründer der Kulturgeografie, fünfmal durch die Sierra Nevada und setzt die Gründung des Sequoia-Nationalparks durch. Ganz zu schweigen von seinen Innovationen in der Mikroskoptechnik, seinen Erfolgen als Porträtfotograf und dem Aufbau der größten Sammlung antiker Mayatextilien.

          Fasziniert folgt der Leser dem Rhythmus von Abbrüchen und Neuanfängen, den Sjöberg aus dieser Fülle ganz unterschiedlicher Leistungen herausliest. Beim Erdbeben und großen Brand von San Francisco im April 1906 fallen fast Eisens gesamte Sammlungen, Archive und Korrespondenzen den Flammen zum Opfer. Was macht so einer dann, mit fast sechzig Jahren? Er fängt noch einmal von vorne an. Eisen widmet sich nun dem Studium von Glasperlen, um zehn Jahre später auch auf diesem Gebiet als Koryphäe dazustehen. Er ersinnt Datierungsmethoden für das in allen Kulturschichten anzutreffende Schmuckstück, verfasst ein umfangreiches Werk zum Thema - und er malt seine Glasperlen.

          Taxonomischer Ehrgeiz

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