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Frantz Fanon : Rettet die Verdammten dieser Erde!

  • -Aktualisiert am

Frantz Fanon schildert, wie Gewalt von kolonisierten Menschen erlitten wird. Bild: F.A.Z.

Ein Psychiater gegen den Kolonialismus: Frédéric Ciriez und Romain Lamy schreiben die Biographie Frantz Fanons in Form einer Graphic Novel.

          3 Min.

          Die Bedeutung des vor sechzig Jahren verstorbenen Frantz Fanon für antikoloniale und nationale Befreiungsbewegungen ist unbestritten, ebenso seine Rolle für die Definition und Ausgestaltung postkolonialen Denkens. Sein seit einigen Jahren wieder viel diskutiertes Werk zeichnet sich durch eine Mischung von außergewöhnlicher, zuweilen geradezu prophetischer Luzidität und einer recht essenzialistischen Deutung der kolonialen Situation aus. Zugleich lehnte er in seinen Schriften jede kulturalistische und identitäre Interpretation des Politischen ab, argumentierte gegen plakative ethnische und rassistische Zuschreibungen und warnte vor den über Generationen reichenden psychologischen Folgen von Folter und anderen Formen von Gewalt.

          Auf der von Frankreich kolonial beherrschten Karibikinsel Martinique geboren, studierte Fanon nach dem Zweiten Weltkrieg in Lyon und ging zu Beginn der Fünfzigerjahre nach Algerien, wo er einige Jahre als Chefarzt in einer psychiatrischen Klinik arbeitete. Nach dem Ausbruch des algerischen Unabhängigkeitskrieges schloss er sich dem Front de Libération Nationale an, für den er zeitweilig als Gesandter unterwegs war. Die Unabhängigkeit Algeriens erlebte er jedoch nicht mehr. Nur drei Tage nach der Veröffentlichung seines Klassikers „Die Verdammten dieser Erde“ starb Fanon im Dezember 1961 an Leukämie.

          Mit düsterem Humor begabt

          Die von dem Schriftsteller Frédéric Ciriez verfasste und dem Journalisten und Illustrator Romain Lamy gezeichnete Graphic Novel mit dem schlichten Titel „Frantz Fanon“ bietet vor dem Hintergrund aktueller Debatten über Rassismus und soziale Gerechtigkeit einen ungewöhnlichen wie innovativen Einstieg in Fanons Biographie, seine Ideen und Positionen. Sie ist ein vorzügliches Beispiel für die Möglichkeiten, in Gestalt dieses hierzulande noch immer unterschätzten Genres in komplexe Sachverhalte einzuführen. Den Rahmen des Buches bildet die in weiten Teilen imaginierte Reinszenierung einer Debatte, die Frantz Fanon im August 1961 in einer römischen Hotelbar über drei Tage mit Jean-Paul Sartre geführt hat, der ihn mit den Worten begrüßte: „Der meistgehasste Philosoph Frankreichs freut sich, seinen größten Revolutionär zu treffen.“ Das Treffen fiel in einen markanten Moment der Geschichte: Die Dekolonisation war weit fortgeschritten, das Ende des algerischen Unabhängigkeitskrieges stand kurz bevor, und in Berlin wurde gerade die Mauer errichtet.

          Frédéric Ciriez und Romain Lamy: „Frantz Fanon“.
          Frédéric Ciriez und Romain Lamy: „Frantz Fanon“. : Bild: Hamburger Edition

          Anwesend bei diesem Gespräch waren überdies Simone de Beauvoir sowie der Filmemacher Claude Lanzmann, seinerzeit zudem Herausgeber der einflussreichen Zeitschrift Les Temps Modernes. Fanon freilich, so berichtete seine Biographin Alice Cherki, hätte Sartre lieber allein getroffen: „Aber Simone war allgegenwärtig, sie hat uns nicht unter vier Augen sein lassen.“ De Beauvoir wiederum beschrieb Fanon in ihren Memoiren „Der Lauf der Dinge“ als „von scharfem Verstand, außerordentlich lebendig, mit einem düsteren Humor begabt . . . Alles, was er erzählte, war so plastisch, dass man es hätte mit den Händen greifen können.“ Von dessen Krankheit wusste sie zum Zeitpunkt der Begegnung nichts.

          Große Wirkung auf Sartre

          Das Buch ist in drei Teile gegliedert. „Freitag“ beschäftigt sich vor allem mit der algerischen Revolution und der Vielschichtigkeit der diesbezüglichen Debatten auf beiden Seiten des Mittelmeers. „Samstag“, der umfassendste Abschnitt, legt den Schwerpunkt auf Fanons Herkunft und sein wachsendes politisches Bewusstsein. „Sonntag“ schließlich umfasst eine intensive Diskussion über Panafrikanismus, Solidarität und Einigkeit im Kampf gegen Kolonialismus und Unterdrückung.

          Besonders gut ist es dem Autorenduo gelungen, das langsame politische Erwachen Fanons mit spezifischen historischen Erfahrungen zu verbinden: der europäischen Siedlerherrschaft, der auf Rassismus beruhenden Stratifikation der Gesellschaft, wie sie Fanon etwa als Soldat der französischen Kolonialarmee erfahren hat, seiner Hinwendung vom Studium der Philosophie zu seinem vertieften Interesse an psychiatrischen Erkrankungen, seinem Leben als Student in Lyon, schließlich seiner Entscheidung, als Psychiater in der Nähe von Algier zu praktizieren, wo er glaubte, seine Tätigkeit könnte von größerem Nutzen sein als in Frankreich oder der Karibik.

          Für Fanon zählte Sartre zu den wenigen französischen Intellektuellen, deren Meinung ihm wichtig war. Zu Lanzmann soll er gesagt haben, er würde zwanzigtausend Francs täglich dafür zahlen, „um mich vierzehn Tage lang mit Sartre von morgens bis abends unterhalten zu können“. Das Buch von Ciriez und Lamy lässt aber auch keinen Zweifel an der großen Wirkung, die Fanon auf Sar­tre ausgeübt hat. Sartre hielt sein Versprechen, ein Vorwort zu den „Verdammten dieser Erde“ zu schreiben. Darin heißt es: „Einen Europäer erschlagen heißt zwei Fliegen auf einmal treffen . . . Was übrigbleibt, ist ein toter Mensch und ein freier Mensch.“ Diese Zeilen führten zu einer lange Zeit dominanten, arg verengten Interpretation von Fanons Buch als Manifest der Gewalt. Inzwischen wird Fanon differenzierter gelesen.

          Frédéric Ciriez und Romain Lamy: „Frantz Fanon“. Aus dem Französischen von Michael Adrian. Hamburger Edition, Hamburg, 2021. 240 S., Abb., geb., 25,– €.

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