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Fred Pearce: Land Grabbing : Dies Land war mein Land, dies Land ist dein Land

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Bild: Verlag

Der freie Markt und die letzte Phase der Industrialisierung: Der Journalist Fred Pearce hat Landnehmer drei Jahre rund um die Welt verfolgt, die die Aneignung der letzten Bodenreserven betreiben.

          4 Min.

          Kaufen Sie Land. Es wird keins mehr gemacht“, schrieb einst Mark Twain. Ein passenderes Motto hätte Fred Pearce für sein Buch nicht finden können. „Ackerland ist gegenwärtig eine der besten Kapitalanlagen“, zitiert er den Hedgefonds-Guru George Soros. „Ich denke, natürliche Ressourcen sind begrenzt. Ich muss sie mir aneignen, bevor sie weg sind“, erzählt Doan Nguyen Duc, vietnamesischer Kautschukbaron und Besitzer von 10 000 Hektar Kautschukplantage in Laos und 15 000 Hektar in Kambodscha.

          Land Grabbing, so definiert Pearce, ist jede Form der umstrittenen Aneignung von Landrechten durch Ausländer. Genaue Zahlen liegen nicht vor, denn die Käufer bleiben oft lieber anonym und ein Zentralregister gibt es nicht. Doch Landnahme ist ein weltumspannendes Phänomen.

          Die Weltbank geht von 47 Millionen Hektar im Jahr 2010 aus, Oxfam schätzt, dass 227 Millionen Hektar auf diese Weise den Besitzer gewechselt haben. China erntet Soja in Brasilien, Japan besitzt den größten Mastbetrieb in Australien, die Bennetton-Brüder kaufen ganze Landstriche in Patagonien, eine neuseeländische Milchkooperative investiert in China und chinesische Kleinbauern, die ihr Land verloren haben, ackern in Mali. Wir sind für Pearce Zeuge der letzten Phase der Industrialisierung, die zugleich die letzte Einhegung ist: die letzten nicht eingezäunten Steppen und Grasländer werden gerade verteilt.

          Auf der anderen Seite des Zaunes

          Die reichen Wüstenstaaten am Persischen Golf sorgen sich angesichts des weltweit steigenden Nahrungsmittelbedarfs um die Ernährung ihrer Bevölkerung. Deshalb gehen Saudi-Arabien und seine Nachbarn in großem Stil auf Einkaufstour in alle Welt und bauen in Ägypten, dem Sudan, Kambodscha, Vietnam, Pakistan und auf den Philippinen Reis an. Das kleine Emirat Qatar besitzt inzwischen mehr Land außerhalb als innerhalb seiner Grenzen, von der Türkei über Tadschikistan bis Brasilien und Kenia. Doch mit der Nahrungsmittelsicherheit für die eigene Bevölkerung ist es nicht getan.

          Die Farmen, die China überall auf der Welt zusammenkauft, dienen keineswegs nur der Ernährung der Chinesen. Ihre Produkte werden auf dem Weltmarkt angeboten wie andere auch. Und der Zellulosebrei, zu dem indonesische Firmen den Regenwald Sumatras verarbeiten, könnte gut in dem Papier stecken, mit dem wir unsere Drucker füttern. Der Internationale Währungsfonds empfahl Indonesien, dem Land mit der höchsten Abholzungsrate von Regenwald auf der Welt, die Vergabe von Rodungsrechten noch auszuweiten, um Devisen einzunehmen. Land Grabbing lohnt sich und es ist einfach.

          Pearce nimmt den Leser mit auf eine Weltreise durch die Büros der Nahrungsmittelspekulanten, die gigantischen Plantagen der Landnehmer, die Hütten ihrer Arbeiter und derer, die auf der anderen Seite des Zaunes sitzen und ratlos zusehen, wie ihr angestammtes Land gerodet und mit Monokulturen überzogen wird, von deren Erträgen sie kein Körnchen zu essen bekommen werden.

          Zurück bleibt verwüstetes Land

          Denn Land Grabbing beschreibt keinen Handel unter gleichberechtigten Partnern. Das meiste unberührte, fruchtbare Land befindet sich in armen, oft von korrupten Cliquen regierten Ländern. Und die Landnehmer verstehen das zu nutzen: „Wenn die Nahrungsmittel knapp werden, braucht der Investor einen schwachen Staat, der ihn nicht zwingt, sich an irgendwelche Regeln zu halten“, zitiert Pearce den Investor Philippe Heilberg. Korrupte Politiker verkaufen Land, das ihnen gar nicht gehört, ohne genaue Karten und Flächenangaben. Heilberg hat einen Vertrag über 600 000 Hektar Pachtland im Südsudan; die Provinz, in der das Land liegen soll, ist aber selbst nur gut halb so groß. Und die 90 000 Einwohner wissen von nichts. Pearce nennt die Zustände „post-staatlichen Chaos-Kapitalismus“.

          Doch auch engagiertere Regierungen fallen immer wieder auf die Theorie herein, ausländische Investitionen könnten die Entwicklung eines rückständigen Staates beschleunigen. Leider jedoch zeigt sich weltweit dasselbe, Kapitel für Kapitel wiederkehrende Muster: Die Investoren erhalten umfassende Nutzungsrechte für Land und Wasser. Sie zahlen kaum Pacht, bringen so viele Arbeitskräfte aus ihren Heimatländern mit, wie sie mögen, und verschiffen den gesamten Ertrag außer Landes. Oft genug erhalten die Rechte der Investoren, etwa auf Wasser, Vorrang vor denen der einheimischen Bevölkerung. Und wenn das Projekt scheitert, zieht der Investor ab und die lokale Bevölkerung bleibt auf verwüstetem Land zurück.

          Sorgfältige Urteile

          Das ist Pearce’ wichtigster Punkt: Offenbar hat niemand auf der Rechnung, dass auch Land, das nicht eingezäunt und mit Hochleistungstraktoren bearbeitet wird, nicht unbedingt leeres Land ist. Im 17 000 Hektar großen kenianischen Yala-Sumpf fingen die Anwohner Fische, jagten Wild, schnitten Papyrus und nutzten die trockeneren Gebiete für Gemüseanbau und als Viehweide. Heute sitzen sie in Wellblechhütten hinter dem Zaun, den der Pächter hat errichten lassen, und klagen über gebrochene Versprechen: Sie können keine Tiere mehr halten, das Wasser, das aus der Plantage kommt, ist verschmutzt, von neuen Straßen und Schulen keine Spur, Arbeit gibt es kaum und wenn, ist sie schlecht bezahlt. „Wir stellen die Frauen zum Unkraut jäten an, weil es billiger ist, als Herbizide zu sprühen. Wenn wir ihnen mehr zahlen müssten, hätten wir keinen Vorteil mehr davon. Darüber müssen sie sich im Klaren sein“, zitiert der Autor den Verwalter.

          Pearce wägt seine Urteile sorgfältig. Drei Jahre ist er auf den Spuren der Landnehmer durch die Welt gereist und hat mit allen Parteien gesprochen. Er erkennt an, wenn ausländische Investoren Verbesserungen für die Bevölkerung gebracht haben, berichtet von verantwortungsbewussten Verwaltern. Doch insgesamt kann er im Land Grabbing nur eine verheerende Entwicklung erkennen.

          Revolution der Kleinbauern

          Die meisten Landnehmer zielen auf Landwirtschaft in industriellem Stil. Doch es gibt auch das gegenteilige Extrem, die grüne Landnahme, die Menschen im Namen des Artenschutzes aus ihren angestammten Gebieten vertreibt. Jäger werden als Wilderer diffamiert, Hirten und ihre Tiere für die Zerstörung von Ökosystemen verantwortlich gemacht - und ausgesperrt. Oft, so der Autor, gehe es dabei nicht einmal um Naturschutz, sondern darum, spektakuläre Plätze einzuzäunen, um mit dem Tourismus Geld zu machen. Flüchtlingsorganisationen haben für diese Vertriebenen die Kategorie „Naturschutzflüchtlinge“ geschaffen: zwischen Kommerz und Naturschutz bleibt für die Ärmsten kein Platz.

          Die Mär von der Tragik der Allmende, derzufolge Gemeingüter durch den Egoismus der Nutzer zerstört werden, hat sich längst als falsch erwiesen: Die Massai seien die besten Hüter der afrikanischen Steppen, die in den Urwäldern lebenden Gemeinschaften die besten Schützer des Waldes und die Ziegenhirten Jordaniens nicht schuld am Vordringen der Wüste. Elinor Ostrom, die der Autor erstaunlicherweise nicht erwähnt, bekam für diese Erkenntnis den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften: lokale Organisationsformen sind besser als staatliche Regulierung und besser als der freie Markt in der Lage, Gemeingüter nachhaltig zu nutzen.

          Es sei Unsinn, schließt Pearce aus seinen Recherchen, wenn immer wieder behauptet werde, man müsse auf jedem freien Fleckchen der Erde industrialisierte Landwirtschaft betreiben, um die wachsende Menschheit satt zu bekommen. Tatsächlich sicherten noch immer die Kleinbauern die Versorgung in den ärmeren Regionen, und wer diese Versorgung verbessern und zugleich das Land schützen will, müsse auf eine grüne Revolution der Kleinbauern setzen. Selbst die Weltbank kam 2008 zu dem Schluss, Investitionen in die kleinbäuerliche Landwirtschaft seien der beste Weg, um die Menschen aus der Armut zu führen. Bloß fällt dabei für Investoren kein großer Gewinn ab.

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