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Fred Pearce: Land Grabbing : Dies Land war mein Land, dies Land ist dein Land

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Doch auch engagiertere Regierungen fallen immer wieder auf die Theorie herein, ausländische Investitionen könnten die Entwicklung eines rückständigen Staates beschleunigen. Leider jedoch zeigt sich weltweit dasselbe, Kapitel für Kapitel wiederkehrende Muster: Die Investoren erhalten umfassende Nutzungsrechte für Land und Wasser. Sie zahlen kaum Pacht, bringen so viele Arbeitskräfte aus ihren Heimatländern mit, wie sie mögen, und verschiffen den gesamten Ertrag außer Landes. Oft genug erhalten die Rechte der Investoren, etwa auf Wasser, Vorrang vor denen der einheimischen Bevölkerung. Und wenn das Projekt scheitert, zieht der Investor ab und die lokale Bevölkerung bleibt auf verwüstetem Land zurück.

Sorgfältige Urteile

Das ist Pearce’ wichtigster Punkt: Offenbar hat niemand auf der Rechnung, dass auch Land, das nicht eingezäunt und mit Hochleistungstraktoren bearbeitet wird, nicht unbedingt leeres Land ist. Im 17 000 Hektar großen kenianischen Yala-Sumpf fingen die Anwohner Fische, jagten Wild, schnitten Papyrus und nutzten die trockeneren Gebiete für Gemüseanbau und als Viehweide. Heute sitzen sie in Wellblechhütten hinter dem Zaun, den der Pächter hat errichten lassen, und klagen über gebrochene Versprechen: Sie können keine Tiere mehr halten, das Wasser, das aus der Plantage kommt, ist verschmutzt, von neuen Straßen und Schulen keine Spur, Arbeit gibt es kaum und wenn, ist sie schlecht bezahlt. „Wir stellen die Frauen zum Unkraut jäten an, weil es billiger ist, als Herbizide zu sprühen. Wenn wir ihnen mehr zahlen müssten, hätten wir keinen Vorteil mehr davon. Darüber müssen sie sich im Klaren sein“, zitiert der Autor den Verwalter.

Pearce wägt seine Urteile sorgfältig. Drei Jahre ist er auf den Spuren der Landnehmer durch die Welt gereist und hat mit allen Parteien gesprochen. Er erkennt an, wenn ausländische Investoren Verbesserungen für die Bevölkerung gebracht haben, berichtet von verantwortungsbewussten Verwaltern. Doch insgesamt kann er im Land Grabbing nur eine verheerende Entwicklung erkennen.

Revolution der Kleinbauern

Die meisten Landnehmer zielen auf Landwirtschaft in industriellem Stil. Doch es gibt auch das gegenteilige Extrem, die grüne Landnahme, die Menschen im Namen des Artenschutzes aus ihren angestammten Gebieten vertreibt. Jäger werden als Wilderer diffamiert, Hirten und ihre Tiere für die Zerstörung von Ökosystemen verantwortlich gemacht - und ausgesperrt. Oft, so der Autor, gehe es dabei nicht einmal um Naturschutz, sondern darum, spektakuläre Plätze einzuzäunen, um mit dem Tourismus Geld zu machen. Flüchtlingsorganisationen haben für diese Vertriebenen die Kategorie „Naturschutzflüchtlinge“ geschaffen: zwischen Kommerz und Naturschutz bleibt für die Ärmsten kein Platz.

Die Mär von der Tragik der Allmende, derzufolge Gemeingüter durch den Egoismus der Nutzer zerstört werden, hat sich längst als falsch erwiesen: Die Massai seien die besten Hüter der afrikanischen Steppen, die in den Urwäldern lebenden Gemeinschaften die besten Schützer des Waldes und die Ziegenhirten Jordaniens nicht schuld am Vordringen der Wüste. Elinor Ostrom, die der Autor erstaunlicherweise nicht erwähnt, bekam für diese Erkenntnis den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften: lokale Organisationsformen sind besser als staatliche Regulierung und besser als der freie Markt in der Lage, Gemeingüter nachhaltig zu nutzen.

Es sei Unsinn, schließt Pearce aus seinen Recherchen, wenn immer wieder behauptet werde, man müsse auf jedem freien Fleckchen der Erde industrialisierte Landwirtschaft betreiben, um die wachsende Menschheit satt zu bekommen. Tatsächlich sicherten noch immer die Kleinbauern die Versorgung in den ärmeren Regionen, und wer diese Versorgung verbessern und zugleich das Land schützen will, müsse auf eine grüne Revolution der Kleinbauern setzen. Selbst die Weltbank kam 2008 zu dem Schluss, Investitionen in die kleinbäuerliche Landwirtschaft seien der beste Weg, um die Menschen aus der Armut zu führen. Bloß fällt dabei für Investoren kein großer Gewinn ab.

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