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Franz Maciejewski: Echnaton : Von Freud über Moses zum ödipalen Echnaton

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Sein Aton-Kult machte den Pharao Echnaton zum Religionsstifter, sein Porträt zum körperlich Kranken. Jetzt entdeckt ein Psychoantiker an ihm seelische Defekte und sieht ihn als Opfer machtgieriger Parvenüs.

          Im vergangenen Jahr drohte Echnaton, auch vielen Nicht-Ägyptologen bekannt als der „Ketzerpharao“, zeitweise seiner weltberühmten Gattin Nofretete und seinem Nachfolger Tutanchamun, dem noch einige Grade populäreren „Kind auf dem Pharaonenthron“, ihren Rang streitig zu machen. Schlagzeilen wie „Inzest am Königshof“ oder „Geschwisterliebe der Pharaonen“ schrien nicht nur von den Titelseiten der Regenbogenpresse, sondern auch von denen seriöser archäologischer Magazine. Anlass waren DNA-Untersuchungen an Mumien der 18. Dynastie, den Vor- und Nachfahren Echnatons also, die engste Verwandtschaften bestätigten.

          Was einige Wissenschaftler bisher nur als Möglichkeit angedeutet und Schriftsteller zweifelhafter historischer Romane bis in schlüpfrig aufbereitete Details ausgemalt hatten, scheint nun bestätigt: Echnaton ist aller Wahrscheinlichkeit der Vater des Tutanchamun. Dessen Mutter aber ist nicht, wie bisher angenommen, die Nebenfrau Kija, sondern eine vorläufig noch nicht namentlich identifizierte Schwester Echnatons. Teje wiederum, die dank ihrer hinreißenden Altersporträt-Büste im Berliner Ägyptischen Museum weit über Archäologenkreise hinaus bekannte „Große Gemahlin“ Amenophis III., ist tatsächlich Echnatons Mutter, so wie ihr Mann sich als dessen leiblicher Vater erwiesen hat und beide nun als Großeltern Tutanchamuns feststehen.

          Die Gerüchteküche brodelt

          Wer aber ist Semechkare, der schattenhafte direkte Nachfolger Echnatons, der nach allenfalls zwei Regierungsjahren den Thron für den neunjährigen Tutanchamun räumte? Ein älterer Sohn Echnatons, den er mit seiner oder einer weiteren seiner Schwestern zeugte, behaupten einige wenige Wissenschaftler und viele (mehr oder weniger) gelehrte Laien, die der DNA-Bericht animiert hat, Vielleicht aber auch, so spekulieren andere, war er ein schwächlicher letzter Sohn der gealterten Teje und womöglich gleichfalls Ehemann einer eigenen Schwester.

          Die Gerüchteküche brodelt mehr denn je. Ein idealer Zeitpunkt für ein Buch wie das des Soziologen und Psychoanalytikers Franz Maciejewski, der gleich zu Beginn seiner „Korrektur eines Mythos“ ankündigt, er werde zeigen, „dass die charismatische Prophetie des Echnaton nur vor dem Hintergrund eines sich über mehrere Generationen erstreckenden inzestuösen Familienzusammenhanges verstanden werden kann, der die dynastisch erlaubten Gleise einer Bruder/Schwester-Verbindung verlassen hat“. Und er verspricht nicht zu viel: Einige Seiten weiter verblüfft, ja schockiert seine These, Maketaton, eine der sechs Töchter von Nofretete und Echnaton, sei mit elf Jahren bei der Geburt eines Kindes gestorben, das ihr eigener Vater mit ihr gezeugt habe.

          Forschungen und Schwärmereien

          Doch vor diesem Paukenschlag, der beileibe nicht der einzige bleiben wird, stellt der Autor den Titelhelden seiner Analysen vor. Dabei erweist er sich als gründlicher, sachverständiger und glänzend formulierender Rechercheur, Vermittler und Interpret. Echnaton, vor seiner selbstgewählten Umbenennung zum „ des Aton“ tituliert als Amenophis IV., wird, der modernen Wissenschafts- und Kulturgeschichte Rechnung tragend, eingeführt als erster monotheistischer Religionsstifter, Vorläufer von Moses, Jesus und Mohammed.

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