https://www.faz.net/-gr3-xx4n

Franz Josef Wagner: Brief an Deutschland : Vom tastenden Leben zwischen dem ersten und dem letzten Satz

  • -Aktualisiert am

Bild:

Wie einer spät dem Ratschlag Jean-Paul Sartres folgte und ein wirklich gutes Buch schrieb: Der "Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner legt in sorgsam gebildeten Sätzen und angenehm unfertigen Gedanken seine Autobiographie vor.

          3 Min.

          Franz Josef Wagner schreibt Briefe, aber er erwartet keine Antwort. Seine tägliche Kolumne in der „Bild“-Zeitung ist ein Monolog in Korrespondenzform. Das geheime Thema dieser Botschaften ist die Einsamkeit des Verfassers. Auch Montaigne schrieb im letzten Buch seiner Essais, als er schon berühmt war, über seine Einsamkeit: „Wenn jemand dies liest und sich mir verbunden fühlt, möge er mich besuchen kommen. Ich werde ihm die ,Essais' in Fleisch und Blut liefern.“ Doch Wagner ist nicht Montaigne, der sich über jede neue Tür freut und hofft, dahinter noch weitere zu entdecken. Wagner erschrickt und macht nicht auf, wenn es klingelt.

          Die Spinner und Verbrecher

          Er wird seine Gründe haben. Einmal stand sein Chef vor der Haustür. „Was ist, Franz Josef? Warum machst du nicht auf, wenn ich klingele?“, rief Kai Dieckmann in die Gegensprechanlage. Die Szene ließ er zugleich filmen, eine Episode in seinem Videoblog. Dieckmann stand unten, Wagner oben, hinter der verschlossenen Tür mit Klaus-Kinski-Gedenkfrisur und wollte eigentlich arbeiten. Er hatte noch keinen letzten Satz für seinen Brief, der an Franz Beckenbauer gerichtet war. Eigentlich sollte Wagner so ein Brief nicht schwerfallen, denn über Beckenbauer schreibt er seit der Kanzlerschaft Willy Brandts, aber im Dieckmannschen Videoblog sehen wir den Kolumnisten als unglücklichen Menschen, dem keine Schlusspointe einfällt. Neben dem Computer hat er Bücher liegen - Dieckmann staunt, bittet um Erläuterung und lässt gleich die Digitalkamera kreisen, um auch die Fotogalerie seines Kolumnisten abzufilmen. Bilder aus großer Zeit: FJW mit Beckenbauer, mit Loriot, mit FJS.

          Im Journalistenleben des Franz Josef Wagner reihen sich die großen Namen der alten Bundesrepublik aneinander. Er kannte sie alle, war überall dabei. Aber er bezieht aus dieser Nähe keine narzisstische Befriedigung, im Gegenteil. In keinem Genre ist er hemmungsloser als in der Beschreibung des unschönen Anblicks nach tiefem Fall von hohem Ross: „Ein Schumi auf dem Sofa ist wie ein durchgekauter Kaugummi!“ Boris Becker? „Heute ein B- oder C-Promi!“ Und so weiter. Das Vanitasmotiv ist sein liebstes, führt es ihn doch zurück auf seine existentialistischen Ursprünge. In der Zeitung fehlt ihm dafür der Raum, da will der Leser raschen Trost. Also endet jede Meditation mit Affirmation: Je größer die Ratlosigkeit des Autors angesichts der Sinnlosigkeit der Existenz, desto heftiger muss Wagners täglicher „Bild“-Brief das bestätigen, was ohnehin alle „Bild“-Leser denken. Meist kritisiert Wagner die Reichen, die Spinner und die Verbrecher, preist den Papst, die Deutschen von heute und seine eigene Mutter.

          Sorge um den literarischen Sound

          In diesem Buch ist es anders. Der „Brief an Deutschland“ ist eine Autobiographie in sorgsam gebildeten Sätzen und angenehm unfertigen Gedanken. Es hat weder mit dem Genre des Briefromans zu tun noch sonderlich viel mit Deutschland, aber es ist eine berührende und anregende Lektüre, insbesondere dort, wo Wagner den labilen Kern seines Lebens beschreibt, das nach äußerer Stabilität strebende, innen überforderte Elternhaus.

          Nach ihren Afghanistan-Einsätzen, so überlegt Wagner, brauchen Soldaten oft posttraumatische Therapien, brauchen Experten und die Fürsorge eines informierten Freundes- und Familienkreises. Sein Vater, der eines Tages als Spätheimkehrer auf dem Hof stand, hatte nichts von alledem, nur die Mutter. Wenn die Familie Wagner ihre lautstarken Konflikte mal im Vorgarten austrug, lachte die Mutter laut und künstlich dazu, um den Nachbarn vorzuspiegeln, es sei alles nur ein Scherz. Wagner reißt von zu Hause aus, meldet sich lange nicht bei den Eltern. Er meidet die Laufbahn, die sein Vater für ihn wünscht. Er wählt den Mittelweg zwischen Schriftsteller und Vagabund und wird Reporter. Im Unterschied zu vielen anderen seiner Generation hat er gegen Springer keine Vorbehalte und lässt sich dauerhaft am rechten Ufer des Meinungsflusses nieder. Er pflegt den Lebensstil eines Bohemien und sorgt sich um den literarischen Sound seiner Artikel.

          Kosmonaut oder Möbelpacker

          Für einen Reporter sehr seltsam ist seine unterentwickelte Neugier. Alles bezieht er auf sich und auf die Literatur. So kommen in diesen Memoiren außer dem Verfasser als jungem Mann nur wenige andere Menschen vor. Einer von ihnen ist Sven Simon, der Sohn Axel Springers, der Wagner beinahe ein Freund war, bevor er sich umbrachte; und es ist ein Zeichen der Qualität dieses Buches, dass Wagner nicht über die Gründe dafür spekuliert. Ein anderer ist Peter Boenisch, der einstige „Bild“-Chef und Regierungssprecher.

          Ein wichtiges Motiv im Buch ist Wagners Suche nach dem perfekten ersten Satz - eine Obsession im Boulevardjournalismus, wo die Leser wenig Zeit haben und der Text eines Artikels mit Schlagzeilen und bunten Bildern von nackter Haut konkurriert. Es ist aber auch eine philosophische Suche, der Wunsch, sich einen Reim zu machen, der leitet und schützt.

          Einmal trifft Wagner, der als junger Mann in Paris als Möbelpacker jobbt, in einem Café Jean-Paul Sartre. Wagner gibt sich als angehender Schriftsteller zu erkennen, der an einem Gedicht über Juri Gagarin schreibe. Sartre gibt ihm lachend den Rat, lieber über Möbelpacker zu schreiben. Die Anekdote scheint Wagner so oft erzählt zu haben, dass er die Qualität dieses Ratschlags übersehen hat: Das Schreiben über Astronauten, Berühmtheiten und Stars führt einen wie Wagner nicht zu literarischen Höhen. Interessant ist das Naheliegende, das Leben, das er heute führt. Wagners idealer Stoff ist Wagner. Weil er so viele Jahrzehnte später, in einer ganz anderen Welt, endlich Sartres Ratschlag befolgen konnte, ist Franz Josef Wagner ein fragiles, tastendes, richtig gutes Buch gelungen.

          Weitere Themen

          Rilke unter der Haut

          Literarische Tattoos : Rilke unter der Haut

          Ob auf dem Unterarm von Brad Pitt, dem Rücken von Evan Rachel Wood oder dem Oberarm von Lady Gaga: Literarische Tattoos eröffnen neue Welten – und einen ganz neuen Blick auf Bücher.

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          Topmeldungen

          737-Max-Flugzeuge von Boeing stehen auf einem Gelände des Unternehmens in Seattle.

          Krise um 737 Max : Immer mehr schlechte Nachrichten für Boeing

          Es steht nicht gut, um den Flugzeugbauer Boeing: Der politische Druck rund um die Ermittlungen zu den beiden Abstürzen der 737-Max-Maschinen wird immer größer – und nun verliert das Unternehmen auch an der Börse immer mehr an Wert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.