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Franz Ferdinand von Österreich-Este: Die Eingeborenen machten keinen besonders günstigen Eindruck : Mit Gmunden kann Borneo nicht mithalten

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Bild: Kremayr & Scheriau

Eine verdorbene Natur in verdorbener Zeit? Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand erweist sich in seinen Tagebüchern als weltreisender Massentiermörder - und als schillernder Kapitalismuskritiker.

          Der Mann war ein Schlächter. Die Zahlen sind kaum nachvollziehbar: Im Lauf seines gut fünfzigjährigen Lebens hat er 274.899 Tiere umgebracht, das macht pro Lebenstag knapp fünfzehn Tötungen. Er schoss auf alles, was bei „drei“ nicht auf den Bäumen war, falsch, auch von den Bäumen schoss und hieb er die Tiere herunter, der verhinderte österreichische Thronfolger Franz Ferdinand, ehe er 1914 in Sarajevo von dem Attentäter Gavrilo Princip dann selbst erschossen wurde.

          An Tausenden seiner Abschüsse und Abschlachtungen ließ FF, wie Franz Ferdinand seinen Namen selbst abkürzte, seine Zeitgenossen teilhaben. 1895 publizierte er das „Tagebuch meiner Reise um die Erde 1892-1893“. Auf 1100 Seiten beschrieb er seine „Wanderung“ - über weite Strecken an Bord des Torpedo-Rammkreuzers „Kaiserin Elisabeth“, des damals modernsten Kriegsschiffes der Habsburger-Monarchie mit vierhundert Mann Besatzung und einer zwanzigköpfigen Reisegesellschaft von Offizieren - als einen einzigen Jagdausflug.

          Selbst vom Schiffsdeck aus ballert er auf Delphine und fliegende Fische, weil ihn angeblich die Jagd „unausgesetzt in unmittelbare Berührung mit ursprünglichem Naturleben“ bringt. Als der Neunundzwanzigjährige gegen Ende der Reise, nun auf einem Passagierdampfer, Wale sichtet, bedauert er „lebhaft, nicht mehr an Bord der ,Elisabeth‘ zu sein“, da er mit „deren Schnellfeuerkanonen (...) als Walfischjäger debütieren“ hätte können.

          Jagdlüstern im Reich des Maharadschas

          Der voluminöse Reisebericht wurde nun von dem deutschen Journalisten Frank Gerbert eingedampft. Auch in der Kurzfassung pflastern noch Tausende Tierleichen Franz Ferdinands Weg um den Globus: „Ich näherte mich der Eidechse wie Sanct Georg dem Drachen und hieb auf den Kopf des Wurmes ein, der mit seinem langen, stacheligen Schweife wüthend um sich schlug und den Boden aufwühlte.“ In Indien beteiligt er sich an einem „Pigsticking, einem Lanzenstechen zu Pferde auf Wildschweine“.

          Stets ist er „jagdlüstern“ und „bis an die Zähne bewaffnet“, denn er hofft, „auch ein bis zwei Nilgaus zu schießen, deren Tödtung im Reiche des Maharadschas wegen ihrer angeblichen Ähnlichkeit mit den heiligen Kühen streng verpönt ist“.

          Mit Stöcken und Steinen

          Der Thronfolger schießt drei dieser Antilopen und macht am nächsten Tag „eine Pürsche mit dem Eisenbahnzuge“, die er nur jedermann bestens empfehlen kann: „In voller Fahrt erlegte ich von der Plattform meines Coupés aus noch einen streichenden Riesenstorch und einen fischenden Metallstorch.“ Aber das ist Kleinvieh, das bloß Mist macht, gemessen an dem Triumph zehn Tage später: „Meine Freude über den ersten Tiger, den ich erlegt, vermag ich nicht zu schildern; (...) Mein Jäger musste einen herzhaften ,Juchezer‘ schreien.“

          Dann schießt er wieder aus dem fahrenden Zug: „Diese äußerst anregende Jagdweise lieferte eine Beute von 130 Stücken.“ Es folgt eine Treibjagd auf Wildschweine, er fischt mit Dynamit, er erlegt in Australien vom Pferdewagen aus Känguruhs - „zwei der Weibchen trugen in den Taschen je ein Junges“ - und Faultiere - „das von mir erlegte Thier hatte ein Junges, welches ihm beim Sturze“ vom Baum aus dem Beutel gefallen war - und erschlägt in Amerika im Yellowstone Nationalpark mit Stöcken und Steinen ein Stinktier - „eine sehr heitere Jagd“ -, mehrere Streifenhörnchen und ein Stachelschwein.

          Zu Hause am schönsten

          Doch Franz Ferdinands Reisetagebuch ist mehr als ein Dokument jägerischen Größenwahns. Er hat durchaus Augen für Land und Leute. In China gelingen ihm wunderbare, detailreiche Beschreibungen des Alltagslebens in den Städten Hongkong und Kanton, trotz der mir „recht unsympathischen Chinesen“. Beeindruckenden Landschaftsbildern zollt er Respekt, „unbeschreibliches Entzücken“ erfasst ihn etwa angesichts der Schönheit des Himalaya-Gebirges. So viele hohe Berge aber auch, „dass wir alle nach und nach im Waggon zu jodeln begannen“.

          Er lobt die „erhabenen Naturbilder Javas“, die landschaftlichen Reize der Blauen Berge bei Sydney, die „Pracht der Pflanzenwelt“ auf den Salomon-Inseln, aber als einer seiner Herren vom Stabe ein Fleckchen auf Borneo mit der Umgebung des heimischen Gmundner Sees vergleicht, findet er das „doch etwas kühn“. Denn zu Hause ist es für FF halt am schönsten: „Gleichwohl glaube ich, dass die Gebirgswelt der Rocky Mountains (...) den Vergleich mit unseren Alpen nicht bestehen kann.“

          Ignoranz und Vorurteil

          Der designierte künftige Führer einer Großmacht, eines Vielvölkerstaates mit vierzig Millionen Einwohnern, zeichnet sich freilich durch Ignoranz und Vorurteile aus, wenn er die fremden Völker dieser Welt betrachtet. Das Zitat „Die Eingeborenen machten keinen besonders günstigen Eindruck“ wählte Herausgeber Frank Gerbert wohl auch deshalb als Titel für seine Auswahl. Derlei findet sich in Hülle und Fülle: Die Singhalesen scheinen dem Thronfolger „wenig arbeitsam, dabei aber gutmüthig“, ihr Gesichtsausdruck ist „unschön“. Die Parsen in Indien sind ihm ein „weichliches, verkommenes Volk“, die Inder besitzen eine „Vorliebe für falsches Clarinett- und Flötengewinsel“, und bei den Tibetanern sind sowohl Männer als Weiber „äußerst hässlich“.

          Der Charakter der Chinesen erscheint Franz Ferdinand „misstrauisch und hinterlistig“, dagegen lobt er ausnahmsweise einmal die „gesitteten Javanen“ ob ihrer „Sanftmuth“, ehe ihm wenig später vor den „Austral-Negern“ mit „ihren entsetzlich hässlichen Gesichtszügen“ graut. Die Bewohner der Salomonen machen auf den Reisenden „keineswegs einen anziehenden Eindruck“, denn sie haben eine „breite, semitisch geformte Nase“, auch die Japaner findet er „unschön“, die Japanerinnen hingegen „fast hübsch“.

          Alkohol, Opium und Tätowierungen

          Für Frauen hat Franz Ferdinand ohnehin einen eigenen Blick, etwa wenn er barbusige Ureinwohnerinnen neckisch als „einige der sehr decolletierten Damen“ bezeichnet. Mit nach heutigen Begriffen sexistischen Passagen, schreibt Herausgeber Gerbert, „buhlt er um das verständnisvolle Schmunzeln der männlichen Leser“. Dabei ist schon die Erstausgabe redigiert worden, von seinem Lehrer, dem späteren österreichischen Ministerpräsidenten Max von Beck, der Kraftausdrücke abmilderte, Passagen strich, etwa jene vom erzherzöglichen Rausch während eines Diners in Japan, wo die Kellnerinnen den Betrunkenen auslachten.

          Nein, Franz Ferdinand schont sich nicht. Auf den Molukken erkrankt er an Malaria, in China raucht er Opium - „mundete mir in keiner Beziehung“ -, in Japan erlebt er ein Erdbeben und lässt sich einen Drachen auf den linken Arm tätowieren, was „nicht weniger als 52.000 Stiche erforderte“.

          Kritiker sozialer Missstände

          Ganz selten nur blitzt Selbstironie auf, etwa in der Schilderung seiner Einkäufe. Franz Ferdinand brachte 14.000 Objekte mit nach Hause und übergab sie dem Wiener Völkerkundemuseum (seit kurzem: Weltmuseum). Es muss viel Ramsch dabei gewesen sein. Im Wallfahrtsort Mija-schima - „eine Art Mariazell des südlichen Japans“ - kauft er in den Buden „ganze Wagenladungen hübscher Gegenstände“. In Port Said weiß er, dass er „argen Tand“ einkauft, „mit den nutzlosesten (...) Dingen verließen wir die Bazars“, eine Kaufmanie, wie sie Touristen bis heute befällt, „als gelte es, sich über den Besuch fremder Länder handgreiflich auszuweisen“.

          So viel Selbstreflexion hätte man dem so oft als ignorant erscheinenden Habsburger gar nicht zugetraut. Doch er überrascht noch in einem weiteren Punkt, in seiner Sicht auf die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten: „Millionen der Bevölkerung Indiens verbringen ihr Leben in einer Armut und Dürftigkeit, welche jeder Menschenwürde Hohn spricht.“ Und dieses Elend erscheine umso krasser, als es sich vom üppigen Reichtum an den Höfen der Maharadschas abhebe. Daran habe die von Franz Ferdinand sonst sehr gelobte Kolonialpolitik Großbritanniens bislang nichts ändern können.

          Aus Australien berichtet der Autor von blutigen Überfällen auf weiße Siedler, „doch üben die Wilden nur Repressalien für die (...) oft grausame Art, mit der sie von ihrem Stammlande verdrängt, ja einfach ausgerottet werden“. Und er erzählt von wahren Menschenjagden, die manche Europäer im Namen der „Civilisation“ auf die Ureinwohner Australiens verübt haben.

          Schlimmster wirtschaftlicher Egoismus

          Eine weitere Strategie im Kampf der Kolonialisten gegen die ansässige Bevölkerung erkennt er auf dem Papua-Archipel: „Unter allen Breitengraden haben Feuerwaffen weniger zur dauernden Unterwerfung der Eingeborenen beigetragen als Feuerwasser.“ Und in den Vereinigten Staaten - wo ihm kaum etwas der Kritik würdiger erscheint als das allgegenwärtige Rauchverbot, gleich viermal beklagt er sich darüber - erkennt er dann doch auch, dass „in dem Lande der Freiheit eine Wohlfahrtspflege zugunsten der arbeitenden Classen als völlig entbehrlich betrachtet zu werden scheint“. An Fürsorge im Interesse der Arbeiter mangle es völlig, sie hätten nur die „Freiheit, gegebenen Falles Hungers zu sterben.“

          Das sind fast klassenkämpferische Töne eines zu Hause als Antidemokrat auftretenden Politikers. Als Österreich 1906 mit Billigung des Kaisers das allgemeine Männerwahlrecht einführt, ist der Kronprinz strikt dagegen. „Ob er, wär’ er hinaufgelangt, unfehlbar sich höchst königlich bewährt hätte“, schrieb Karl Kraus 1924 in der „Fackel“ über den von ihm zuweilen auch geschätzten Franz Ferdinand, „mag in verdorbener Zeit bei einer verdorbenen Natur mehr als zweifelhaft sein“.

          In New York schließlich geriert sich der Neffe Kaiser Franz Josefs als scharfer Kapitalismuskritiker: „Ein wüster Tanz um das goldene Kalb“, das in den Vereinigten Staaten die Gestalt des Dollars angenommen habe, fällt ihm auf, heroischer Unternehmergeist sei oft mit beispielloser Rücksichtslosigkeit gepaart, das führe zum Erwerb kolossaler Vermögen, „allerdings nicht selten über Tausende ruinierter Existenzen hinweg“. Schlimmster wirtschaftlicher Egoismus sehe „im Nebenmenschen nur ein Object der Ausnützung“. Wie sich Franz Ferdinand in New York seine Informationen besorgt hat, verrät er nicht. Englisch war ihm fremd.

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