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Frank Dikötters „Diktator werden" : Ein Mann, ein Buch, ein Volk

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Aus großer Gegenwart in die strahlende Zukunft: Nordkoreanisches Propagandaplakat aus der Zeit der Herrschaft Kim Il-sungs Bild: F1online

Paraden und magische Fähigkeiten: Frank Dikötter schreibt acht Porträts von Diktatoren des vorigen Jahrhunderts und zeigt, wie man Personenkult inszeniert.

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          Nach 1989/90 konnte man den Eindruck haben, Aufstieg und Fall von Diktatoren seien nur noch von historischem Interesse. Das galt nicht nur für den zusammenbrechenden Ostblock, sondern auch im Hinblick auf die „Dritte Welt“, wo Westen wie Osten vormals eine ansehnliche Zahl von Diktatoren als Garanten für geopolitischen Einfluss unterstützt hatten. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts verschwanden die meisten von ihnen sang- und klanglos von der politischen Bühne: Auf sich allein gestellt, hatten sie sich nicht an der Macht halten können.

          Dass die Geschichte der Diktatoren und ihrer Herrschaftspraktiken wieder zum Thema geworden ist, hat nicht zuletzt mit dem Aufstieg autokratischer Politiker in aller Welt zu tun und der naheliegenden Frage, ob wir für den Umgang mit ihnen aus der Geschichte lernen können. Auch wenn Frank Dikötter sich ausnahmslos mit Diktatoren beschäftigt, die längst tot sind – sei es von ihren Gegnern exekutiert, durch Selbstmord geendet oder eines natürlichen Todes gestorben –, so ist sein Interesse an ihnen, wie das Nachwort zeigt, doch durch die Gegenwart bestimmt, wo von Kim Jong-un und Baschar al Assad, von Erdogan und Xi Jinping die Rede ist, und die Assoziation zu weiteren ist naheliegend. Der Titel der deutschen Ausgabe sucht diese Assoziationen zu befeuern, indem er den im Original fehlenden Begriff des Populismus hinzufügt: Was vergangen schien, ist wieder gegenwärtig. Die Einmannherrschaft ist zurückgekehrt, und in den liberalen Demokratien muss man sich darüber Gedanken machen, wie man mit diesen Männern – es handelt sich nur um Männer – umgehen will.

          Die Massen und die Medien

          Nun sind Diktatoren einander nicht gleich, und ein allgemeines Strukturmuster ihres Aufstiegs und Falls lässt sich kaum entwickeln. Es gab im zwanzigsten Jahrhundert faschistische Diktatoren, die daran scheiterten, dass sie die von ihnen begonnenen Kriege verloren; es gab kommunistische Diktatoren, die sich gänzlich anderen Risiken bei der Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft ausgesetzt sahen; und es gab Diktatoren, deren Aufstieg mit dem Ende der europäischen Kolonialherrschaft begann und die ihre Macht auf ethnische Loyalitäten und familiale Bindungen stützten. Was ist ihnen gemeinsam? Was lässt sich aus der Beschäftigung mit ihren „Karrieren“ für die Gegenwart lernen? Viel hängt hier an der Auswahl der zu beschreibenden Diktatoren, und zwar umso mehr, wenn man sich ihnen über die Biographie und nicht über den strukturierten Vergleich ihres Aufstiegs und ihrer Behauptung an der Macht nähert.

          Frank Dikötter: „Diktator werden“. Populismus, Personenkult und die Wege zur Macht.

          Dikötter hat acht Diktatoren ausgewählt: Mussolini und Hitler als Vertreter des faschistischen Typs, Stalin, Mao Tsetung, Kim Il-sung und Ceauşescu für den kommunistischen Typ sowie François Duvalier (Papa Doc) aus Haiti und Mengistu aus Äthiopien als Vertreter des Diktatorenmodells der Dritten Welt. Über die für diese Wahl maßgeblichen Kriterien äußert er sich nicht; sie dürften von der Vorstellung angeleitet sein, nach Möglichkeit alle Regionen in den Blick zu bekommen. Dennoch dominiert Europa, während Lateinamerika, Afrika und Südostasien unterrepräsentiert sind. Faschistische Diktatoren, die „im Bett“ gestorben sind, wie Franco und Salazar, kommen nicht vor, und die jeweiligen Rahmenbedingungen, die der Entstehung einer Diktatur entgegenkamen, werden nur am Rande gestreift. Insgesamt interessiert sich Dikötter mehr für die Zeit des Aufstiegs als die des Niedergangs in den Karrieren. Im Prinzip handelt es sich um acht nebeneinander gestellte Biographien, bei denen der Personenkult im Zentrum steht. Wie haben sich Diktatoren bei den Massen populär gemacht, und auf welche Medien haben sie dabei gesetzt?

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