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: Fragen Sie doch Gesine Cresspahl!

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Als ich Uwe Johnson bei seinem Besuch in Göttingen am 25. Mai 1975, etwa ein Jahr nach seinem Umzug ins englische Sheerness-on-Sea, fragte, wie denn dieses englische Städtchen auf der in der Themsemündung gelegenen Kanalinsel Sheppey sei, in dem er nun lebe, antwortete er: "Keine Ahnung. Fragen Sie meine Frau.

          Als ich Uwe Johnson bei seinem Besuch in Göttingen am 25. Mai 1975, etwa ein Jahr nach seinem Umzug ins englische Sheerness-on-Sea, fragte, wie denn dieses englische Städtchen auf der in der Themsemündung gelegenen Kanalinsel Sheppey sei, in dem er nun lebe, antwortete er: "Keine Ahnung. Fragen Sie meine Frau. Ich sitze im Keller und schreibe."

          In einem Brief an Max Frisch findet sich Johnsons eigene Beschreibung seines Arbeitsplatzes: "Unter der Treppe ein ausgebautes Kellergeschoß, tiefer als die Straße liegend, das hat vorn als Ausblick besten Falles Passanten und Autos in merkwürdiger Verkürzung, nach hinten zwar den Garten. Wer da aber ein komplettes Büro unterbringen könnte und beim Schreiben nicht aus dem Fenster sehen will, dem macht das nichts."

          Ihm machte das nichts. Das komplette Büro ist karg eingerichtet. Ein Foto von 1984 zeigt auf dem nackten Fliesenboden einen gut zwei Meter langen, sperrigen Schreibtisch, rechts davor ein Klapptischchen mit Stövchen, links davor einen kleinen Tisch mit elektrischer Schreibmaschine und breiter Bürolampe; neben der Schreibmaschine links einen Weltempfänger, rechts die aufgeschlagene Agenda; gegenüber dem Schreibplatz an der Wand eine große Bahnhofsuhr mit römischen Ziffern; auf dem Schreibtisch zwei Pfeifen, Pfeifenstopfer und Aschenbecher, verstreut Papiere, Briefe, ein Päckchen, ein offenes Buch.

          So hat Uwe Johnson seinen Schreibplatz hinterlassen, an dem er wohl bis zum 22. Februar 1984 gearbeitet hat, denn die Agenda war bei diesem Tag aufgeschlagen. In dem kleinen Pub, wo er regelmäßig seine Pints trank, wurde er an diesem 22. Februar zum letzten Mal gesehen. Drei Wochen danach, am 13. März, öffnete man das Haus und fand den Schriftsteller tot im Wohnzimmer, vornüber aus dem Ledersessel gefallen, den Kopf am Couchtisch angeschlagen. Er hatte offensichtlich getrunken, wie immer viel getrunken. Er wurde nur 49 Jahre alt.

          Im Wohnzimmer hing, neben einer großen Landkarte und alten Stichen von Mecklenburg, ein Gedicht von Thomas Brasch, ausgeschnitten aus dieser Zeitung und gerahmt. Brasch hatte es anderthalb Jahre zuvor, im Herbst 1982, nach einem Besuch bei Johnson geschrieben und ihm gewidmet; darin die Zeilen: "Und wie in dunkle Gänge / mich in mich selbst verrannt, / verhängt in eigne Stränge / mit meiner eignen Hand."

          Das Gedicht benennt Uwe Johnsons tiefe Depression der letzten Lebensjahre und einen Verfolgungswahn, in den er sich damals so unbedingt hatte fallen lassen - vor allem mittels der fortwährenden Ineinanderspiegelung seiner jahrelangen Schreibhemmung und des angeblichen Verrats seiner Frau Elisabeth an ihm und dem Projekt "Jahrestage". Es ist durchaus denkbar, darin die Instrumentalisierung eines nur vorgeblichen Verrats zur Erklärung der Schreibhemmung zu sehen. In der letzten seiner Frankfurter Poetikvorlesungen, veröffentlicht unter dem Titel "Begleitumstände", hatte Johnson 1979 mitgeteilt, was er als Grund für seine Schreibhemmung gelten und ansehen lassen wollte: Im Juni 1975, als er den letzten Band habe abschließen wollen, sei ihm nämlich eröffnet worden, seine Frau Elisabeth habe über anderthalb Jahrzehnte, seit 1961, während Johnson schon in West-Berlin lebte und sie in Prag noch studierte, ein Verhältnis mit einem "Vertrauten" des tschechoslowakischen Staatssicherheitsdienstes. Später behauptete er gar, die Tochter Katharina sei nicht von ihm.

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