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Usedom: Insel der Gegensätze : Zwischen Fachwerk und Futurismus

Usedom von unten: Zwar nicht zwanzigtausend Meilen, aber doch einige Meter tief geht es mit der Tauchgondel bei Zinnowitz in die Ostsee. Bild: Matthias Gründling

Vom Kaiser über Loriot bis zu James Bond waren alle da: Seit mehr als hundert Jahren ist Usedom die „Badewanne Berlins“. Ein neues Fotobuch blättert noch andere Seiten auf.

          3 Min.

          Über Usedom als nordöstlichster Insel Deutschlands mit fließendem Übergang zu Polen zu schreiben, gleicht einem Verrat. Wie so oft bei besonderen Reisezielen zerstört jedes Wort über das Geheimnis die Stille darum, wenn nicht sogar durch Touristenmassen das Ziel selbst. Von der Wilhelminischen Ära bis 1945, als die Eisenbahnhubbrücke Karnin zum Festland von der Wehrmacht gesprengt wurde, war Usedom mit seinen drei Kaiserbädern Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin die Badewanne Berlins. Nun droht die Insel es jetzt wieder zu werden. Obwohl die Anreise mit dem Zug seit der Sprengung erheblich länger dauert, werden sich in Corona-Zeiten wohl Massen auf Usedom ergießen. Vor allem die Strände um die Seebrücke Ahlbeck, die älteste ihrer Art in Deutschland, die Loriot einst bei „Pappa ante portas“ noch nahezu allein für seinen Film hatte, wird einem Menschenteppich gleichen.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Nun ist auch noch ein Buch zur Halbgeheimtippsinsel erschienen („Usedom – Die Entdeckung der Insel“. Fotografien von Matthias Gründling. Text von Jochen Stamm. Edition Braus, Berlin 2020. 19,95 Euro), das weitere Noch-nicht-Usedomisten affizieren könnte. Vielleicht aber dokumentiert es auch ohnehin nur einen Zustand, der so kaum mehr existiert.

          Auf der einen Inselseite die V2, auf der anderen die Kaiserbäder

          Der Band kommt nahezu ohne Worte aus – die wenigen gemachten stammen vom Berliner Verlagsleiter selbst, ebenfalls einem langjährigen Inselgänger. Das schlanke Querformat lebt ganz von den Bildern, die mal erwartbar, mal vollkommen überraschend ausfallen. Selbst langjährige Verehrer der Insel staunen etwa über die bei Peenemünde wie eine Geisterbahn des Kalten Kriegs auf Besucher wartende sowjetische U-461, das größte jemals gebaute Unterwasser-Raketenboot, oder über die Reste der „Vergeltungswaffe 2“ eines Wernher von Braun in der dortigen „Heeresversuchsanstalt“, unter schrecklichem Blutzoll von Zwangsarbeitern gebaut und gegen London gerichtet.

          Überschaubares Paradies: Die Halbinsel vom Ballon aus gesehen. Bilderstrecke

          Wiederholt stellt der Fotograf Matthias Gründling damit brutale Gegensätze wie die Bilder „Frühling im Naturschutzgebiet Südspitze Gnitz“ und „Erdölförderung bei Neuendorf“ übereinander. Doch lässt der malerisch bei Gegenlicht im Sonnenuntergang fotografierte, schwarzeiserne Förderturm eher neugierig werden, schreckt jedenfalls nicht als Umweltsünde im vermeintlichen Paradies ab. Andererseits werden die zwei abgestorbenen Bäume des Naturschutzgebiets Gnitz über dem Ölbohrturm eben auch nicht durch einen einfachen Wechsel der Perspektive ausgeblendet, sondern fallen sofort ins Auge. Vielleicht muss man wie Gründling Intensivmediziner sein, um mit einem scharf sezierenden Blick wie weiland Gottfried Benn in seiner Beschreibungskunst im Hässlichen immer auch Schönes und umgekehrt zu sehen. Vermutlich hilft gegen allfällige Verklärung auch die Herkunft des Fotografen von der Insel.

          Klosterruinen zum Niederknien

          Ein Porträt zweier Fischer auf ihrem Boot mit dem mehr als skeptischen Blick des Vorderen im Ölzeug aufs zunehmend unergiebiger werdende Meer hinaus wirkt mit seinen fahlkühlen Tönen tatsächlich „alles andere als romantisch“, wie die Bildunterschrift besagt. Dafür erzählt der präzis gesehene Moment viel durch Details wie einer liebevoll geschnitzten, neobarocken Gallionsfigur im Rücken des vorderen Fischers, einer ausgestopften Möwe als Talisman zwischen den beiden Schiffsscheinwerfern und der auf Hosenträger und Ölzeug aufgenähten Marke „Ocean“, die zumindest noch die Verheißung auf „Große Freiheit Nummer 7“ verkörpert. In derselben Bildtradition bewegt sich der Schrägblick über einfache „Fischerbuden an der Ahlbecker Strandpromenade“ auf die mondän spätklassizistischen Hotels dahinter.

          Der eigentliche Reiz Usedoms ist somit seine Widersprüchlichkeit: reetgedeckte Fachwerkkaten, daneben futuristisch anmutende Konstruktionen wie die blaue Hebebrücke von Wolgast; Bodenständigkeit gegen „Weltraumraketen“ des Todes; frühe Missionierung im elften Jahrhundert durch Otto von Bamberg, dennoch trotz zahlreicher malerischer Feldsteinkirchen und Klosterruinen zum Niederknien eine heute durchgängig atheistische Landschaft, in der die übertrieben hohen Kirchtürme eher wieder ihre ursprüngliche Funktion als Leuchttürme und Ortsmarke einzunehmen scheinen. Das kaum mehr ertönende Geläut ist sinnigerweise in Glockenstühlen neben den Kirchen ausgelagert, eine norddeutsche Besonderheit.

          Und für Kulturinteressierte wenige Kilometer vom Badestrand entfernt am Achterwasser in Lüttenort, das Wohnhaus des impressionistischen Malers Otto Niemeyer-Holstein, dessen Atelier tatsächlich – wie der Topos es will – so aussieht, „als habe er es gerade verlassen“. Den Kern seines Wohnhauses daneben aber bildet ein ausrangierter Wagen der Berliner S-Bahn, als hätte der Maler die alternative Lebensweise Peter Lustigs aus „Löwenzahn“ lange vorweggenommen. Für Freunde der Hochkunst gibt es auf Usedom aber auch einen soliden, außergewöhnlich prächtig gemeißelten steinernen Kamin der Spätrenaissance mit bemaltem Götterstreitwagenrelief im Wasserschloss Mellenthin, datiert auf das Jahr 1613 – vor dem man dann, darin wieder ganz in der Jetztzeit, selbst gerösteten Kaffee und die besten Waffeln der Insel genießen kann.

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