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: Folter und Kamasutra

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Aus dem Vorabend der Schlacht, die der Perserkönig Xerxes überraschend gegen das winzige Griechenland verlieren wird, überliefert Herodot eine denkwürdige Miniatur. Xerxes hält auf seinem auf einer Anhöhe gelegenen Marmorthron Heerschau. Er preist sich glücklich über die Millionen Männer, die zu ...

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          Aus dem Vorabend der Schlacht, die der Perserkönig Xerxes überraschend gegen das winzige Griechenland verlieren wird, überliefert Herodot eine denkwürdige Miniatur. Xerxes hält auf seinem auf einer Anhöhe gelegenen Marmorthron Heerschau. Er preist sich glücklich über die Millionen Männer, die zu Wasser und zu Lande zusammengeströmt sind, um seinen Rachefeldzug zum Sieg zu führen; aber dann beginnt er zu weinen. Warum er denn plötzlich weine, wird er gefragt, und Xerxes antwortet: Von all diesen Menschen werde in hundert Jahren keiner mehr leben.

          Das abstrakte Menschenmitleid in der Seele eines Barbarenkönigs, der sein Millionenheer zwischen den durchhauenen Hälften des Sohnes eines zu frech gewordenen Förderers hatte durchmarschieren lassen - dieses maßlose Mitleid, das den Griechen so fremd gewesen wäre wie Xerxes' meerespeitschender Zorn, verschafft einem Essayband Titel und Einleitung, der zu den großartigsten der letzten Jahre gehört: "Die Tränen des Xerxes" von Burkhard Müller, der sich damit endgültig in der Thronreihe der deutschsprachigen Essayisten niederlassen kann.

          Wer ist dieser Autor, und wovon handelt sein Buch? Burkhard Müller ist Dozent für Latein in Chemnitz, Literaturkritiker und Verfasser mehrerer gleichermaßen kühner Studien. In einem früheren Buch hat er Darwin, in einem noch früheren Gott widerlegt. "Der König hat geweint", sein Beitrag zum Schiller-Jahr, blieb fast unbeachtet, obwohl er weit aus der Veröffentlichungsflut ragt. In "Tränen des Xerxes" erzählt der Selberdenker und fränkische Querkopf von Geschichte. Nicht von der Geschichte, wie wir sie kennen, als Abfolge von Jahreszahlen, die man sich mit Eselsbrücken merkt, als Grabenkrieg zwischen geistigen Prinzipien oder auch als Rauch vor den Augen eines ewig unzufriedenen Gottes. Eher schon von dem Fühlen mit dem, was gefühlt worden ist, dem "Bangen mit der Bängnis", in dem Rudolf Borchardt die reinste Kost der Geschichte sah. Müller steigt dorthin hinab, wo Geschichte ins Anthropologische zurücksinkt. Für ihn ist Geschichte nichts anderes als unser Stoffwechsel mit den Toten.

          Diese Leitidee wird in neun Kapiteln entfaltet. Sie widmen sich so unterschiedlichen Figuren wie Homer, Canetti und Rilke, Shakespeare, Karl Kraus und Stanislaw Lem, Augustinus, Schnitzler und Wilhelm Busch. Anders als bei seinem Namensvetter, dem Max und Moritz zum Opfer fallen, wird bei diesem Meister aber nichts zermahlen, und nicht fein geschrotet und in Stücken kommt sein Buch daher, sondern wie ein fester runder Laib. Das liegt an dem großen Thema, das die scheindisparaten Teile zusammenhält, es liegt aber auch an Müllers stilistischer und denkerischer Kraft.

          Was diesen Autor auszeichnet, klingt nach wenig, bedeutet aber viel: Er ist vollkommen individuell. Bei Burkhard Müller gibt es nichts Nachgeplappertes und nichts Modisches. Wenn er gegen die opinio communis anschreibt, um so schlimmer für die Kommune. Müller zieht es vor, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Er hat dabei nicht nur den reichen Fundus des Latinisten und den Scharfblick des Philologen, er hat überhaupt den Blick fürs Detail. Wo er den lakonischen Abschiedsbrief eines Selbstmörders zitiert - "das ewige Aufknöpfen und Zuknöpfen" -, unterläßt er es nicht, auf die fehlende Abbreviatur zu verweisen: Das "Auf- und Zuknöpfen" hätte der gleichförmig sich selbst wiederkäuenden depressiven Zeit viel weniger genau entsprochen. Mit ähnlicher, der Komik nicht abgeneigter Akribie begründet er, warum es schlimmer sei, einen Witz schlecht zu erzählen, als ein Lied falsch zu singen.

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