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Traumland Deutschland? : In der Mühle der Integrations-Bürokratie

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Eine Erinnerung: Syrische Flüchtlinge in Bayern halten nach dem Anschlag in Ansbach Zettel vor die Kameras. Bild: dpa

Über die Flucht von Migranten wird viel berichtet. Doch wie sieht die Integration hier aus? Die Autorin Antonie Rietzschel beschreibt das Leben zweier syrischer Brüder nach der Flucht .

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          Die Flüchtlingskrise beschert den Buchverlagen Hochkonjunktur. Ob Navid Kermani, Heribert Prantl, Patrick Kingsley oder Anja Reschke – sie alle und viele mehr haben im vergangenen Jahr Bücher zum Thema veröffentlicht. Jetzt wirft Antonie Rietzschel, Journalistin bei der „Süddeutschen Zeitung“, ihren Hut in den Ring. Ähnlich wie bei Kingsley und Kermani handelt es sich auch bei ihrem Beitrag um eine Reportage in Buchform, anders als ihre männlichen Kollegen legt Rietzschel ihren Fokus jedoch nicht primär auf die Beschreibung der Flucht und der Fluchtursachen ihrer Protagonisten. Stattdessen schildert sie, wie die beiden syrischen Brüder Yousef und Mohanad ihr Traumland nach erfolgreicher Flucht kennenlernen.

          Rietzschel gelingt es dabei nicht nur, den Alltag zwischen Flüchtlingsunterkunft, Sprachkurs und Sozialamt einzufangen, sie gewährt auch einen Einblick in den Integrationsbetrieb, den nur wenige von innen zu Gesicht bekommen. Bemerkenswert und bestürzend sind dabei ihre Schilderungen der schwerfälligen Bürokratie, die, unabhängig von ihrer Notwendigkeit, allen Seiten das Leben schwermachen kann – den Sachbearbeitern, die zwischen dem stetigen Strom von sorgenvollen Nachfragen und einer kaum zu bewältigenden Arbeitslast versuchen, der Lage Herr zu werden, und den Flüchtlingen, die bis zur Annahme des Asylantrags mit der Ungewissheit über die eigene Zukunft leben müssen.

          Tonfall gleicht Bedienungsanleitung

          Wie nervenaufreibend dies sein kann, wird dem Leser plastisch am Beispiel von Mohanad vor Augen geführt. Nachdem der Asylantrag des Syrers abgewiesen wird – zu einem Zeitpunkt, an dem dieser sich bereits seit einigen Monaten in Deutschland eingelebt hat – und er gemäß dem Dublin-Verfahren nach Italien abgeschoben werden soll, versucht sich der junge Mann die Pulsadern aufzuschneiden. Erst kurz zuvor war bei ihm eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden, der Behördenbescheid ist der letzte Tropfen Hoffnungslosigkeit, der das Fass zum Überlaufen bringt. Nur die Geistesgegenwart seines Bruders und eines Ehrenamtlichen bewahrt ihn vor dem Tod.

          Vordergründig auf eine möglichst neutrale Darstellung der ersten Schritte zweier Flüchtlinge in einem neuen Land bedacht, wird das Buch durch solche Szenen auch zum indirekten Plädoyer gegen die Kälte der Asylverfahren. Deutlich wird dies etwa im Abschnitt, in dem Rietzschel die Zustellung der Aufenthaltserlaubnis an einen der Brüder beschreibt: „Ihnen wurde die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt“, zitiert die Journalistin aus dem behördlichen Schreiben, und man wundert sich über einen Tonfall, der mehr dem einer Bedienungsanleitung gleicht als dem eines Schreibens, das für den Betroffenen alles bedeuten kann.

          Schicksale nicht verallgemeinern!

          Eine Frage, die sich im Laufe der Lektüre jedoch immer wieder stellt, ist die nach der professionellen Distanz der Autorin. „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache“ lautet ein vielzitierter Satz des ehemaligen „Tagesthemen“-Moderators und Journalistenschulen-Schutzheiligen Hanns Joachim Friedrichs. Man könnte, durch diese Brille gelesen, Rietzschels Buch den Vorwurf machen, dass es von diesem Ideal abweicht. Es macht sich gemein mit der Sache der Brüder, verliert mehr als einmal den kritisch-distanzierten Blick zugunsten der jungen Männer, die ihr, wie Rietzschel schreibt, zu Brüdern geworden sind.

          Schon im Vorwort erwähnt die Journalistin, dass beider Erfahrungen zwar durchaus repräsentativ für das Schicksal vieler syrischer Flüchtlinge in Deutschland seien, doch keineswegs verallgemeinernd auf alle übertragen werden könnten. Auch erlaubt erst die große Nähe zu den Protagonisten, dass der Leser so direkt von ihren Ängsten, Sorgen und Wünschen erfährt – ein kühl beobachtender Autor wäre hier vermutlich gescheitert.

          Zuletzt sorgen auch zwei handwerkliche Kniffe für einen Ausgleich der Schieflage. Alternierend mit der Geschichte von Mohanad und Yousef sind nach jedem Kapitel informative Zwischenstücke eingearbeitet, zusätzliche Informationen zur politischen Lage oder dem Ablauf eines Asylverfahrens auflisten und so die Einzelschicksale in einen größeren Kontext einbetten. Am Ende des Buches steht zudem ein „Faktencheck“, der mit den wichtigsten Fragen rund um die Flüchtlingsthematik ins Gericht geht und sie einer eingehenden Prüfung unterzieht.

          Es mag sein, dass dieser Ansatz weniger elegant ist als die Verwebung von Erzählung und Hintergrundwissen, wie es der britische Journalist Patrick Kingsley unlängst in seinem Buch „Die neue Odyssee“ (F.A.Z. vom 27. Mai) gezeigt hat. Aber Antonie Rietzschel gibt dem Leser mit ihrer Darstellung die Möglichkeit, die Dinge aus einem anderen, neutralen Blickwinkel zu betrachten. So ist „Dreamland Deutschland?“, auch wenn es stellenweise hastig geschrieben wirkt, durchaus ein Buch, dessen Lektüre sich lohnt.

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