https://www.faz.net/-gr3-95jpi

Flucht und Migration : Humanitarismus allein wird kaum reichen

  • -Aktualisiert am

Ein Slogan, der zwar aus den neunziger Jahren stammt, es aber erst 2015 zum „Anglizismus des Jahres“ brachte, hier etwas erweitert auf einem Aufkleber in Freiburg. Bild: Imago

In politischer Mission: Der Historiker Philipp Ther will aus der Geschichte des Elends von Flucht und Vertreibung Lehren für die Gegenwart ziehen. Doch: Wer neue Denkanstöße erwartet, wird enttäuscht sein.

          Der Osteuropa-Historiker Philipp Ther hat in seinem Buch über „Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa“ eine Fülle historischer Erkenntnisse zusammengetragen, die das Elend von Flucht und Vertreibung der zurückliegenden fünf Jahrhunderte nochmals vor Augen führt. In den Text eingewoben sind Biographien prominenter und unbekannter Flüchtlinge, die den jeweiligen Kontext illustrieren sollen. Drei Viertel des Buches sind in erster Linie den Flüchtlingen vor religiöser Intoleranz, Flucht aufgrund „ethnischer Säuberungen“ und politischen Flüchtlingen gewidmet. Regional reichen die Darstellungen über Europa hinaus bis ins Osmanische Reich, die Sowjetunion, nach Syrien und Israel. Unübersehbar ist dabei vor allem, dass die von Ther geschilderte Aufnahme von Flüchtlingen in fundamental anderen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhängen stattfand, als das heute der Fall ist. Unbesiedelte Weiten, absolutistische Monarchien, agrarisch geprägte Gesellschaften ließen unvergleichbar andere Handlungsoptionen zu – sowohl seitens der Migranten als auch seitens der jeweiligen Herrscher.

          Philipp Ther ist ein linksliberaler Historiker mit politischer Mission. Geschichtsschreibung dient ihm als Arsenal pädagogisch dienlicher Lehrstücke. So hebt er immer wieder hervor, dass die Vertreibung von Bevölkerungsgruppen – wie den Hugenotten aus Frankreich, den politischen Gegnern der Bolschewisten oder den Juden aus Deutschland und den von ihm besetzten Gebieten – einen erheblichen und lang anhaltenden Gewinn für die Aufnahmeländer bedeutete. Das gilt insbesondere für die klassischen Einwanderungsländer, die selbst Flüchtlinge häufig nach Kriterien der „Nützlichkeit“ auswählten und dies auch heute noch tun.

          Inhaltlich schwächster Teil des Buches

          Bezüge zur Gegenwart sind dann gerechtfertigt, wenn sie inhaltlich plausibel sind und die moralisierende Attitüde nicht überhandnimmt. Tatsächlich wirken bei Ther die häufigen Querverweise zu aktuellen Gegebenheiten in vielen Fällen assoziativ und inhaltlich nicht haltbar. So werden die Verteilungsquoten zwischen den deutschen Ländern („Königsteiner Schlüssel“) mit den freiwilligen Zusagen zur Aufnahme ungarischer Flüchtlinge 1956 und der mangelnden Bereitschaft vieler EU-Mitgliedstaaten in Zeiten der Flüchtlingskrise 2015 in Zusammenhang gebracht, was eher zur Verwirrung als zur Klärung von Zusammenhängen beiträgt. Je näher der Historiker der Gegenwart kommt, desto unsicherer wird das Terrain, auf dem er sich bewegt. Der „Asylkompromiss“ der Jahre 1992/93 sei „nichts anderes (...) als ein Kompromiss zur Abwehr von Flüchtlingen“ gewesen. Das ist zumindest eine sehr einseitige Sichtweise. Mit Art. 16a Abs. 5 des Grundgesetzes und der daraus folgenden gegenseitigen Anerkennung von Asylentscheidungen anderer Mitgliedstaaten als gleichwertig machte der deutsche Gesetzgeber immerhin den Weg frei für eine europäische Gesamtregelung und damit zum „Gemeinsamen Europäischen Asylsystem“.

          Der erhobene Zeigefinger scheint allgegenwärtig und geht selbst in das häufig beklagte Stammtischniveau über: „All jene (...), die spätestens seit der Kölner Silvesternacht 2015/16 auf der ‚Willkommenskultur‘ herumhacken, müssen sich fragen lassen, welche Ziele sie eigentlich anstreben. Soll in Umkehrung des Jahres 2015 eine ‚Unwillkommenskultur‘ geschaffen werden?“ Auch die unvermeidliche Reduktion von Komplexität kann solche polemischen Trivialisierungen nicht rechtfertigen. Die kollektiven sexuellen Übergriffe in Köln durch überwiegend aus Nordafrika stammende, alkoholisierte Migranten haben die Schattenseiten und unbeabsichtigten Nebenwirkungen unkontrollierter Zuwanderung ins Bewusstsein gehoben und zu einer Ernüchterung nach der Euphorie des Jahres 2015 beigetragen – nicht mehr und nicht weniger.

          Der kürzeste und – was schwerer wiegt – inhaltlich schwächste Teil des Buches gilt der Integration. Gleich zu Beginn des Buches befasst sich Ther auf sechs Seiten mit dem Thema. Er kommt allerdings über die Reproduktion kurrenter Phraseologie nicht hinaus. Die Breite und Tiefe der internationalen sozialwissenschaftlichen Forschung zu Integration und Assimilation von Migranten ist ihm offensichtlich nicht präsent. Der Titel des Buches verspricht daher zu diesem Thema wesentlich mehr, als er einlösen kann. Ther bedient sich zudem sprachlicher Manipulationstechniken, indem er die Skepsis hinsichtlich möglicher Integrationserfolge von Zuwanderern durchgängig als irrationale „Ängste“ bezeichnet. Unterstellt wird damit, dass eine rationale Begründung dieser Vorbehalte von vornherein unmöglich sei.

          Die These Philipp Thers, dass Migranten, „historisch betrachtet, fast immer eine Bereicherung für die Länder, die sie aufnahmen, und ein Motor wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen“ gewesen seien, ist zumindest mit Blick auf die Lage in den Nachbarländern Deutschlands (wie Frankreich, Belgien, Niederlande) in ihrer Pauschalität so nicht zutreffend. Hinzu kommt, dass sich Migration auf die sozialen Schichten und Regionen (Stadt/Land, strukturschwach/wirtschaftsstark) höchst unterschiedlich auswirkt und es in den Zielländern von Migration durchaus Verlierer und Gewinner gibt.

          Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

          Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Doch welche Lehren sind aus den zahlreichen Flüchtlingsbewegungen, die Philipp Ther analysiert, zu ziehen? Bei der Analyse der politischen Konflikte auf der Ebene der Europäischen Union sowie der gesellschaftspolitischen Verschiebungen in den Mitgliedstaaten bleibt die Analyse blass. Legt man etwa Ivan Krastevs Essay „Europadämmerung“ neben Thers Buch, wird unübersehbar, wie wenig westeuropäische Linksintellektuelle die tektonischen Verschiebungen im gesellschaftlichen Gefüge vor allem der mittel- und osteuropäischen Staaten erfassen. Die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 spaltet die EU wie kein anderes Thema. Der Vorwurf mangelnder Solidarität, den auch Ther erhebt, greift nicht. Die tief verunsicherten postsozialistischen Transformationsgesellschaften sehen Solidaritätspflichten unter nationalen, ethnischen und religiösen Bezügen. Der kosmopolitische „Humanitarismus“, auf den sich Ther beruft, erscheint ihnen als Bedrohung und als Überforderung. Wer weiterführende, neue Denkanstöße erwartet, wie diese Spaltung überwunden werden kann, wird von diesem Buch Philipp Thers enttäuscht sein.

          Weitere Themen

          Neue Helden Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Spiderman - A New Universe“ : Neue Helden

          Schon wieder Spiderman? - Ja, aber anders. Es geht um die großen Themen, wie immer. Aber die Erzählweise hat sich geändert. Wie das geht und ob sich das auszahlt, hat Elena Witzeck analysiert.

          Topmeldungen

          Sie geht, aber erst später. Theresa May hat ihren Rückzug bis 2022 angekündigt.

          Liveblog zum Misstrauensvotum : Theresa May übersteht Abstimmung

          Misstrauensvotum gegen Premierministerin abgewendet +++ May will vor der nächsten Parlamentswahl abtreten +++ Buchmacher rechnen damit, dass May im Amt bleibt +++ Verfolgen Sie die Brexit-Entwicklungen im FAZ.NET-Liveblog.
          Bundeskanzlerin Angela Merkel beantwortet im Rahmen der Befragung der Bundesregierung die Fragen der Abgeordneten. Dabei gibt sie sich angrifflustiger denn je.

          Regierungsbefragung : Merkel an der Ballwurfmaschine

          Gut eine Stunde lang lässt sich die Kanzlerin im Bundestag befragen und liefert sich mit Linken und Rechten einen rhetorischen Schlagabtausch – so offensiv hat man Merkel selten erlebt. Neue Inhalte wurden dabei gleich mitgeliefert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.