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: Finsternisse kennt jeder Stern

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Die Sonne, das ist der Herrscher, der Souverän. Oder er ist ihr Sohn, wie der Pharao Echnaton. Dieser Gedanke ist universal, man findet ihn in der Metapher des "Sonnenkönigs" wie bei den präkolumbianischen Völkern Südamerikas. Was auf der Erde geschieht, kann für das frühe Bewusstsein nichts anderes bedeuten ...

          Die Sonne, das ist der Herrscher, der Souverän. Oder er ist ihr Sohn, wie der Pharao Echnaton. Dieser Gedanke ist universal, man findet ihn in der Metapher des "Sonnenkönigs" wie bei den präkolumbianischen Völkern Südamerikas. Was auf der Erde geschieht, kann für das frühe Bewusstsein nichts anderes bedeuten als eine Projektion des himmlischen Geschehens: Der Logos trat seinen Siegeszug an als Astro-logos. Souverän sein, das heißt vor allem: geben, sich wie die Sonne verausgaben, jenseits aller kleinlich-ökonomischen Berechnungen. Also: Großbauten errichten, Leben und Energie spenden, Maitressenwirtschaft wie bei August dem Starken oder Mobutu. Die Neueren sind geneigt, all diese Äußerungen unter Tyrannenwahn zu verbuchen, als sei der Puritanismus des Zeit- und Geldsparens die Norm schlechthin. Und wenn dann ein demokratisch gewählter Herrscher wie Mitterrand das alte Bild wiederbelebt, reibt man sich verwundert die Augen.

          Der Souverän folgt nicht der Logik des Arbeitens und Sparens, er ist der Herr der Gabe, er verkörpert den exuberanten Überfluss in einer Welt, die ansonsten eben ist, wie man sie nur allzu gut kennt, eng, klein und der Berechnung unterworfen. Es war Georges Bataille, der eine ganze Gesellschaftstheorie auf die Verschwendung und Verausgabung gründen wollte. In den Worten dieses Denkers lautet der erste Satz des solaren Mythos: "Die Sonne gibt, ohne jemals zu empfangen." Das Sonnenzeichen des Löwen - von Dürer wurde der Zusammenhang in einem schönen Stich festgehalten - ist folglich das Lieblingstier der Herrscher.

          Ein Buch über die Geschichte der Sonne im Bewusstsein der Völker ist ein notwendiges und zugleich schwieriges Unternehmen, denn es ist keiner akademischen Disziplin ganz zuzuordnen. Der reine Wissenschaftshistoriker wird sich auf den Kampf des geo- und des heliozentrischen Weltbildes konzentrieren und das mythologische Element verkleinern wollen. Der Philosoph könnte von den antiken Kosmostheorien sprechen, der Literaturwissenschaftler von den Anrufungen der Sonne in der Dichtung. So bleibt, wenn man keinen akademischen Sammelband produzieren will, als Verfasser nur der gebildete Laie, der Sachbuchautor. Dieter Hildebrandt ist das Wagnis eines solchen Buches eingegangen.

          Aber mit dem Titel schon beginnen die Fragen. Kann man wirklich von der "Biographie unseres Sterns" reden? Sofort ist man geneigt, Verständnis für die Vertreterkonferenz bei Hanser aufzubringen, die für ein nicht leicht zu verortendes Buch einen möglichst griffigen, aktuellen Titel suchte. Aber ein Sachbuch hat auch eine Verpflichtung der Sache gegenüber, und die ist in diesem Fall nicht biologisch und nicht biographisch.

          Hildebrandt ist ein Skeptiker, der gelegentlich den Apokalyptiker streift. Den wohltätigen Mythos der Sonne nimmt er auf, aber sofort setzt er ihm die gegenwärtige irdisch-kosmische Angst entgegen. Die Sonne: das kann auch die Katastrophe sein, die Klimaveränderung, die schwindende Ozonschicht. Das so unwahrscheinliche Verhältnis der Erde zur Sonne, die gerade den richtigen Abstand zueinander gefunden haben, ist ihm ein einmaliger kosmischer Zufall, Glücksfall, kein Ergebnis von "intelligent design".

          Hildebrandts Geschichte der Sonne beginnt mit Echnaton, der den Kult der vielen Götter zugunsten des einen Sonnengottes verabschiedete - es war eine frühe Kulturrevolution, die, bei einem so vergeistigten und am Ende schwachen Herrscher nicht überraschend, in einer massiven Reaktion schon bei den unmittelbaren Nachfolgern endete. Dann folgen die ersten babylonischen Rationalisierungsversuche, Berechnungen von Sonnen- und Mondfinsternissen, dann kommen die vorsokratischen Kosmologen. Es ist eine sehr abendländische Geschichte, die hier entworfen wird, für die zeitgenössischen chinesischen Chroniken, die Finsternisse verzeichnen, muss man nach wie vor Willy Hartners glänzende Studien in dem Band "Oriens - Occidens" nachschlagen. Allerdings gibt Hildebrandt eine bündige Geschichte des aztekischen Sonnenopferkultes.

          Zuvor aber stoßen wir auf die Auseinandersetzung des frühen Christentums mit der römischen Soldatenreligion des Mithras. Solar bestimmt war die Geburt des Sonnen-Mithras am 25. Dezember, ungefähr dem Moment, da das Licht wieder zuzunehmen beginnt. Neuere theologische Einwände gegen eine allzu große Annäherung von Christus und Sonnenwende, Sonnengott, wie sie der Wiener Kirchenhistoriker Hans Förster formulierte (F.A.Z. vom 24. Dezember 2007), spielen bei Hildebrandt keine Rolle, er beruft sich in seiner Darstellung auf das Eranos-Jahrbuch von 1943, das die damals plausiblen Deutungen von Psychologen und Altertumswissenschaftlern versammelte.

          Und hier kommt man zu einer etwas grundsätzlichen Nebensache dieses Werks. Ist es eine Beckmesserei, wenn man feststellt, dass das Lektorat bei Hanser seine Pflicht gegenüber Buch und Autor versäumt hat? Thomas von Aquin fand ich durchweg nach Chesterton zitiert, den Empedokles nach einer Parmenides-Ausgabe, Cusanus nach Arthur Koestler, Hildegard von Bingen nach neueren Lebensbeschreibungen, Einstein nach dem Fischer-Lexikon Philosophie, Seneca nach einem populären Brevier, ja selbst Hans Blumenberg nach Sekundärtexten. So entsteht der Eindruck, dass man es mit einer populären Aufbereitung von ihrerseits schon populärwissenschaftlichen Schriften zu tun hat.

          Der Dilettant ist eine liebenswürdige Figur, er soll nicht überstreng beurteilt werden, vor allem dann nicht, wenn er sich, wie Hildebrandt, einer echten und lohnenden Aufgabe am Ende doch mit Gewinn für den Leser gewidmet hat. So mag man die allzu anekdotenreichen Ausführungen zu Thomas von Aquin mit leichter Verstimmung überschlagen, vor allem, wenn sie zu dem Befund führen, aus den Schriften des Heiligen spreche der "Existenzialismus aller Zeiten". Es gibt genug anderes in diesem reichhaltigen Buch, was die Lektüre allemal lohnt.

          Dieter Hildebrandt: "Die Sonne". Biographie unseres Sterns. Hanser Verlag, München 2008.

          389 S., 19 Abb., geb., 23,50 [Euro].

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