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: Festhalten, ohne gefangen zu werden

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Fritz Stern ist einer der guten Geister der Bundesrepublik. Seine Lebensgeschichte ist politisches Memento mori und Zeichen ausbalancierter Hoffnung zugleich. Er ist einer der herausragenden Historiker der westlichen Welt, und er ist zugleich politischer, zeitgeschichtlicher Beobachter und Berater, der immer mehr sieht und weiß, als er sagt.

          Fritz Stern ist einer der guten Geister der Bundesrepublik. Seine Lebensgeschichte ist politisches Memento mori und Zeichen ausbalancierter Hoffnung zugleich. Er ist einer der herausragenden Historiker der westlichen Welt, und er ist zugleich politischer, zeitgeschichtlicher Beobachter und Berater, der immer mehr sieht und weiß, als er sagt. Er stand eine Zeitlang, nach der deutschen Vereinigung, in den Kulissen des großen politischen Welttheaters (in der amerikanischen Garderobe), und es gelang ihm im Umgang mit den sogenannten Großen dieser Welt, die tückische diplomatische Bühne ab und an in einen Salon zu verwandeln, in dem niemand wörtlich und im übertragenen Sinn angeherrscht oder hintergangen, sondern durch das Vorbild der Einsichtsfähigkeit, der Argumente und nicht zuletzt der gewitzten, geistreichen Bemerkungen zum Nach- und Überdenken angeregt wurde.

          Nun hat Fritz Stern seine Erinnerungen vorgelegt. Schon der Titel, "Fünf Deutschland und ein Leben", zeigt an, wie sehr er die Verbindung gehalten hat: nicht nur zu jenem Land, aus dem er und seine Familie gerade noch rechtzeitig in die Vereinigten Staaten emigrieren konnten, sondern auch zum Deutschland der Weimarer Republik, der DDR, der Bundesrepublik und zum Deutschland nach 1989.

          Weist man darauf hin, dass Fritz Stern die Verbindungen zu einem Vaterland hielt, das seine Söhne nicht mehr kennen oder genauer: erkennen und vernichten wollte, dann ist damit noch wenig gesagt. Gewiss, es ist einer der vielen berückenden Augenblicke bei der Lektüre, wenn der Leser zu jenen Seiten kommt, auf denen Fritz Stern schildert, wie er als kleiner Junge in New York zurechtkommen muss, der Schreiber der Familie wird, das Haushaltsbuch führt und unermüdlich - schreibmaschinensüchtig geworden nach einer Verletzung des Handgelenks - Briefe an Freunde, Verwandte und Bekannte in Europa schreibt. Er hält damit im eigentlichen Sinn seine Welt schreibend zusammen. Es wäre allerdings ein Fehler, seine Erinnerungen, wie es naheliegen muss, nur retrospektiv zu lesen.

          Nein, man spürt es beim Lesen auf fast jeder Seite: Das eigentliche Thema dieser höchst lesenswerten Erinnerungen, das Thema, das ihnen Spannkraft verleiht, ist das allenthalben greifbare, in Erlebnissen geronnene, manchmal nur in Nebenbemerkungen notierte Problem der Zugehörigkeit, des Dazugehörens. Das klassische jüdische Thema, mag man einwenden, nichts Besonderes und im Übrigen auch das aller Diaspora-Gesellschaften. Sicher, aber hier ist es doch etwas anderes: Denn die Zugehörigkeit war in der Familie Stern ja keineswegs fraglich: liberale, nationalbewusste Bürger Breslaus. Fritz wird geboren im Jahr 1926, seine Eltern sind befreundet mit dem Chemiker Fritz Haber, der dann auch Pate wird. Auch Fritz Haber begreift sich als deutscher Patriot, macht im Ersten Weltkrieg das Giftgas kriegstechnisch einsatzfähig - und seine Frau erschießt sich, während er den ersten Gaseinsatz an der Westfront inspiziert, zu Hause mit seiner Dienstwaffe. Wem kann man da noch angehören, wenn die Vaterlandsliebe die eigene Frau umbringt?

          Und dann die Zeit, in der der junge Stern bemerken muss, dass Breslau nicht mehr seine Heimat sein soll, dass er und seine Familie unerwünscht sind. Wie so viele andere wurden die Sterns dazu verdammt (oder hatten noch das Glück), sich in einer vollständig fremden Welt neu einrichten zu müssen, ohne Blick zurück. Was man hinter sich lassen musste, wurde unerreichbar, verstellt durch kalten Vernichtungs- und Erlösungswahn. Bis hierhin ist das die individuelle Geschichte einer Zwangsemigration aus dem nationalsozialistischen Deutschland.

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