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Felix Körner: Kirche im Angesicht des Islam : Eine dreifache Erfahrung der Schwäche

Bild: Kohlhammer

Der jesuitische Theologe Felix Körner hat sich mit dem interreligiösen Dialog zwischen Christen und Muslimen befasst. Eine Einheit in der Vielfalt der Weltdeutungen hält er für unmöglich. Im Dialog mit dem Islam kann der Christ die Grundlagen seines Glaubens jedoch besser kennenlernen.

          Keiner kann sich mehr um den Dialog mit dem Islam drücken und noch weniger um den Dialog mit den Muslimen. Denn sie leben unter uns, und in vielen Ländern der Welt leben unter ihnen Christen. Eine Alternative zu einer friedlichen Koexistenz kann es nicht geben. Solche Koexistenz wird über den Dialog hergestellt, und der findet auf zwei Ebenen statt: Theologen führen ihn auf einer abstrakten Ebene; meist verläuft er unbefriedigend und bleibt ohne große Wirkung auf die Laien. Die Laien wiederum führen ihn im Alltag: Der Nachbar will wissen, weshalb man denn Christ sei und was das konkret bedeute.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Gerade interreligiöse Gespräche dieser Art sind eine Herausforderung. Denn muslimische Laien sind theologisch meist besser beschlagen als christliche, und ausgestattet mit einem Kanon scheinbar schlagender Argumente führen sie das Gespräch: Der Islam sei die Urform der monotheistischen Religionen, die frühen Christen hätten Gottes Botschaft entstellt, Gott zeuge keinen Sohn, das Neue Testament habe Mohammed als Propheten angekündigt.

          Glaubensgespräche in der Nachbarschaft

          Felix Körner hat solche Argumente über fünf Jahre gehört und sich mit ihnen jeden Tag auseinandergesetzt. Als Jesuit hat er in Ankara gelebt, bevor er in diesem Sommer als Dozent an die Päpstliche Universität Gregoriana berufen wurde. Seinen Lehrauftrag an der Frankfurter Hochschule Sankt Georgen nimmt er weiterhin wahr. In Ankara wussten die frommen und praktizierenden Muslime seiner Nachbarschaft, dass er Christ ist und Geistlicher. Körner spricht Türkisch, und als ausgebildeter Islamwissenschaftler ist er mit der Theologie des Islams vertraut. Über fünf Jahre wollten Muslime von ihm etwas über das Christentum erfahren. Seine Zuhörer formulierten ihre Fragen nicht aggressiv, aber in der Gewissheit, selbst im Besitz der wahren Religion zu sein.

          Das vorliegende Buch ist die Frucht dieser Auseinandersetzung und eine Reflexion des täglichen Gesprächs mit Muslimen über das Christentum – in Szenen des Alltags mit Nachbarn und in den akademischen Debatten mit den Professoren der Fakultät für islamische Theologie in Ankara. Das theologisch anspruchsvolle Buch ist voller Szenen, die jeder kennt, der unter Muslimen lebt. Da fragt eine junge Schülerin, die im muslimischen Religionsunterricht ihrer Klasse die Kirche der Jesuiten besucht, zur Dreifaltigkeit: „Wieso glauben Christen, dass Maria in der Dreifaltigkeit ist? Hat Gott eine Frau?“ Körner: „Hat Gott eine Frau? Er will jeden Menschen zu seinem Partner erwählen. Wenn wir ja sagen, dann kann Gott auf die Welt kommen.“

          Der andere als Erkenntnisquelle

          Körner hat eine Skepsis entwickelt gegenüber Versuchen, den anderen zu widerlegen. Denn ein Glaube versuche die gesamte Wirklichkeit in den Blick zu bekommen, und dieser werde von Debatten eher überdeckt, wenn es nur um Widerlegung und scheinbare Überlegenheit geht. Mehr Verständnis hat Körner für das, was er Coram-Theologie nennt, das Zeugnis „angesichts des Nichtchristen“. Dabei greift er die Infragestellung des anderen als gute Fragen auf, die ihn zu einer klareren Sicht und Formulierung des eigenen christlichen Glaubens führen. Die Wahrnehmung des anderen erweise sich als Erkenntnisquelle.

          Der Christ mache dabei eine dreifache Erfahrung der „Schwäche“: Schwäche des schlagenden Arguments, des Scheiterns der Gotteszeugen in der Geschichte und die eigene Unzulänglichkeit. Zeugnisgeben sei die Urform heilsgeschichtlichen Redens. Damit ermögliche das Zeugnisgeben als „Redeform“ einen Dialog und ein vernünftiges Sprechen auch mit jenen, deren Theologie in einem ganz anderen Rahmen verankert sei. „Christliches Leben ist bezeugend, indem es das Präsentierte auch repräsentiert.“

          Gott wollte Vielfalt

          Körner schreitet damit einen Weg aus, der sich im interreligiösen Dialog abzeichnet. Gerade unter Papst Benedikt XVI. verlagert sich die Haltung der katholischen Kirche zum Islam weg von der Suche nach Gemeinsamkeiten und weg von einem Harmoniedenken, das sich mit einem Minimalkonsens begnügt. Er führt hin zur bewussten Unterscheidung. Ziel dieses Wegs ist nicht, allein den Dissens zu benennen. Er soll auch die Einsicht schaffen, dass Glaubende, die so grundsätzlich anders glauben, friedlich miteinander leben und fruchtbar miteinander reden können. Schließlich hat die Geschichte vom Turmbau zu Babel die Urgeschichte der Bibel nicht mit dem Auftrag beendet, die Einheitlichkeit wiederherzustellen; vielmehr führte sie zum Pfingsten der verschiedenen Geist-Zungen. Gott wollte offenbar Vielfalt, und er wollte nicht, dass einer über alle herrsche und alle gleich seien.

          Worin unterscheidet sich das christliche Zeugnis vom islamischen Glauben? Körner formuliert drei Sätze, die ein Christ sagen müsse, ein Muslim aber nicht sagen könne. Der erste Satz: „Gott riskiert seine Gottheit in der Geschichte.“ Gott geht also ein Risiko ein, indem er die Menschen in die Freiheit entlässt und es dem freien Menschen überlässt, ihn anzuerkennen. Gott will freie Menschen und nicht solche, die ihn knechtisch anbeten. Da sich Gott an Ereignisse in der Geschichte bindet, könne das Christentum aus diesem Geschehenen heraus bezeugt werden.

          Fruchtbarer Dialog

          Der zweite Satz: „Der Mensch hat eine Bestimmung, der er nicht aus eigener Kraft gerecht werden kann.“ Der Christ glaubt also, er sei zu schwach, um seine Bestimmung zu erfüllen, und er fühle sich von dem überfordert, was Gott von ihm fordere. Das Projekt Mensch könne also scheitern. In dem Satz steckt der Kern zur Selbstkritik und damit zur Weiterentwicklung. Der Muslim hingegen glaubt, im Koran sei ihm eine Rechtleitung zuteil worden, die jeder erfüllen könne. Und Körners dritter Satz: „Personen kommen im andern zu sich.“ Demzufolge ist weder Selbstdurchsetzung noch Ent-Werdung die Erfüllung menschlichen oder göttlichen Lebens. Vielmehr beruhe „wahres Leben“ darauf, sich wie Jesus auf den andern zu „verlassen“.

          Körner nutzt den Dialog, um Unterschiede zu benennen und sich so größere Klarheit über das Christsein zu verschaffen. Damit legt er das Fundament für eine neue Runde des interreligiösen Gesprächs. Eine Einheit kann es bei der Verschiedenheit der Weltdeutungen nicht geben. Körner zeigt aber, dass eine Theologie des Dialogs nicht nur möglich ist, sondern auch für beide Seiten fruchtbar. Körner ist einer der kreativsten und originellsten christlichen Theologen, die sich mit dem Islam und dem Dialog mit den Muslimen beschäftigen. Dass er in Rom Gehör findet und dass er weiter mit einem Bein in der islamischen Welt steht, wünschen sich seine muslimischen und nichtmuslimischen Freunde.

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