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: Fehlgriffe nach der Deutungsmacht

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          3 Min.

          Zehn Doktorandinnen und Doktoranden des bekannten Berliner Zeithistorikers untersuchen anhand von zehn exemplarischen Fällen, wie man in bestimmten Epochen der deutschen Geschichte bestimmte andere Epochen der deutschen Geschichte betrachtet hat ("Griff nach der Deutungsmacht". Zur Geschichte der Geschichtspolitik in Deutschland. Herausgegeben von Heinrich August Winkler. Wallstein Verlag, Göttingen 2004. 272 S., br., 34,- [Euro]). Sie rekonstruieren populäre Geschichtsbilder, um aus ihnen Aufschlüsse über die politischen Ideologien der Akteure zu gewinnen. Solche Unternehmen sind derzeit, im Zuge des deutschen Enthusiasmus für "Erinnerung" und "Erinnerungsorte", beliebt. Als Themen akademischer Drittmittelprojekte haben sie den Vorteil, kaum schiefgehen zu können. Meist bestätigen sie das, was jeder Gutachter sich so vorgestellt hat - und deshalb für innovativ hält. Daß die Sozialdemokraten während des Kaiserreichs ein anderes Bild der Revolution von 1848 hegten als ihre konservativen Gegner - erstaunlich! Daß den meisten Zeitgenossen um 1930 zum 9. November nicht "Demokratie" einfiel, sondern die Dolchstoßlegende, und daß die Nazis bei "Revolution" kaum an 1848 dachten - hätte man das gedacht?

          Kurz: Spektakuläre Enthüllungen, wie Heinrich August Winkler sie mit seinem Griff nach dem Fritz-Fischer-Titel von 1961 verheißt, sind selten. Trotzdem lohnen viele Beiträge die Lektüre - diejenigen, in denen Paradoxien aufgedeckt werden. Verraten Fälle, in denen Ideologie und Geschichtsbild einer Partei, eines Regimes oder einer Regierung gerade nicht ineinander aufgingen, doch mehr über deren Mentalität, Funktionieren und Versagen als jedes laut verkündete Gesamtweltbild. Spannender als der "Griff nach der Deutungsmacht" ist der Fehlgriff danach.

          Kay Wenzel zeigt, daß es der wilhelminischen Propaganda gerade nicht gelang, die Befreiungskriege von 1813 als historisches Vorbild für die Heeresverstärkung von 1913 zu instrumentalisieren. Vielmehr entfachte dieser Versuch eine Debatte, in deren Verlauf die obrigkeitliche Lesart, 1813 sei eine Befreiung von der Fremdherrschaft gewesen, mit der liberalen These konfrontiert wurde, daß das deutsche Volk 1813 weniger gegen Napoleon als für demokratische Reformen gekämpft habe. Das sagt mehr über die Öffentlichkeit des Kaiserreichs als jeder neue "Beweis" für deren angeblich blinde Obrigkeitshörigkeit.

          Eine ebenso problematische, wenn nicht gar "ungeliebte Tradition" war die Revolution von 1848 - im Kaiserreich (Bettina Effner), aber auch in der Weimarer Republik (Daniel Bussenius). Daß die regierenden Sozialdemokraten die Farben Schwarz-Rot-Gold als Nationalflagge übernahmen, entfremdete jene Genossen, die ihre Ideale in der roten Fahne symbolisiert sahen. Die Niederlage des vom SPD-nahen "Reichsbanner" gestützten Wilhelm Marx bei den Präsidentenwahlen 1925 gegen Hindenburg, die Inkarnation "schwarz-weiß-roter" Werte, mußte so um so mehr als Menetekel wirken. Nach 1945 schaffte die Sozialdemokratie es trotz eifriger Werbungen nicht, 1848 als Symbol für Demokratie und liberalen Verfassungsstaat zu etablieren. Claudia Roths Beitrag macht das Verkrampfte des Achtundvierziger-Gedenkens in der Bundesrepublik einmal mehr verständlich.

          Der DDR gelang das Kunststück, sich nicht nur zur Vollenderin von 1848 zu stilisieren, sondern zur Erbin von Bismarcks "Realpolitik". In der Weimarer Republik war, wie Robert Gerwarth darlegt, die Erinnerung an den Eisernen Kanzler meist polemisch benutzt worden. Brüning hatte sich auf ihn berufen, um seine unpopuläre Politik als national zu verteidigen. Hitler hatte dies ironisch aufgegriffen, um die Regierung als kraftlos und machtvergessen zu denunzieren. Auch nach 1945 sorgten Debatten um Bismarck für pikante Konstellationen. Während Linke und katholische Konservative sein Andenken verdammten, während man 1965, anläßlich seines einhundertfünfzigsten Geburtstags, sein Göttinger Denkmal schleifte und Bundespräsident Heinemann 1971 in einer Fernsehansprache den Bann über alle Traditionen verhängte, die sich mit Bismarcks Namen verknüpften, hatte Willy Brandt keine Scheu, dessen "außenpolitisches Genie" zu loben und einen Kranz mit der Widmung "Dem Kanzler des Deutschen Reiches - Der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland" in Friedrichsruh niederlegen zu lassen. Sebastian Schubert zeigt, wie diese Debatten im Westen die DDR zu einer taktischen Volte veranlaßten. Hatte Ulbricht den Reichskanzler noch 1962 als Vordenker der "Nato-Imperialisten" bezeichnet, würdigte man ihn seit 1965 als vorbildlichen Realpolitiker. Zu verlockend schien die Chance, auf diese Weise sowohl den Wiedervereinigungsforderungen der westdeutschen CDU zu widersprechen als auch die Nationalstaatskritik der westlichen Linken zu konterkarieren und selbst als Hüterin moderner nationaler Traditionen aufzutreten.

          "Geschichtspolitik" also funktioniert in autoritären Regimen besser als in demokratischen, weil dort, wie Winkler bemerkt, "mehrere Geschichtsbilder miteinander zu konkurrieren" pflegen. Überall aber hat sie, so lehrt die Lektüre, mehr mit Strategie zu tun als mit Logik. Zu beobachten, mit welch schöner Pünktlichkeit taktische Kalküle Ideologien unterlaufen und damit entlarven, ist lehrreich und tröstlich. Denn der Überdruß an verordneten Geschichtsbildern führt zur Forschung, und diese ist, auch wenn kritische Köpfe sie für eine Fortsetzung der Geschichtspolitik mit anderen Mitteln halten, dann doch etwas anderes als jene. Zu diesem Thema wären noch andere Bücher zu schreiben. Wer aber einen soliden Rapport darüber sucht, wie heutige Historiker frühere Politiker nach der Deutungsmacht greifen sehen, ist mit diesem Band gewiß nicht schlecht beraten.

          GERRIT WALTHER

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