https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/faust-eine-kapitalistische-verbrecherkarriere-1379274.html

: Faust - eine kapitalistische Verbrecherkarriere

  • Aktualisiert am

Kann man sich Faust auch als KZ-Kommandanten vorstellen? Oskar Negt kann und hält dem skrupellosen Kapitalakkumulator und "Baumeister des Totalitären" mitleidlos ein reichhaltiges Sündenregister vor. Ich bearbeite Goethes ,Faust'." Das bekommt der Deutschlehrer zu hören, der seinen fünfzehnjährigen Schüler beim Herummalen in einer Faust-Taschenausgabe beobachtet.

          4 Min.

          Kann man sich Faust auch als KZ-Kommandanten vorstellen? Oskar Negt kann und hält dem skrupellosen Kapitalakkumulator und "Baumeister des Totalitären" mitleidlos ein reichhaltiges Sündenregister vor. Ich bearbeite Goethes ,Faust'." Das bekommt der Deutschlehrer zu hören, der seinen fünfzehnjährigen Schüler beim Herummalen in einer Faust-Taschenausgabe beobachtet. Der kecke Spruch hat auch heute noch seine Richtigkeit, wenn Oskar Negt sich einen Jugendtraum in Gestalt eines eigensinnigen "Faust"-Buchs erfüllt. Hübsch sind die Schulgeschichten, mit denen er gewissermaßen sein Menschenrecht auf Goethe herleitet - wie der Junge aus dem bäuerlichen Milieu gegen Naturalien nach und nach an eine über vierzigbändige Gesamtausgabe Goethes herankommt und sie verschlingt, wie er dann an der Oldenburger Hindenburgschule durch verblüffende Kenntnisse der "Farbenlehre" einen rauhen Mathematiklehrer für sich einnimmt und zu schulischem Ruhm gelangt.

          Mühsam erobert und deshalb fest im Leben sitzend, soll die Parole "Mein Goethe" vor allem eine ganz besondere Art von Störenfrieden auf Abstand halten, die "Germanisten", wozu gleich auch schon jene Zeitgenossen zählen, derentwegen Goethe das "Faust"-Manuskript versiegelte. Gelten läßt Negt immerhin einen Hannoveraner Kollegen sowie Erich Trunz (dessen Kommentar allerdings schon 1949 und nicht erst 1986 zuerst erscheint) und, Gott sei Dank, Albrecht Schöne (dessen Kommentar seit 1994 freilich mehrfach überarbeitet wurde). Ebenso unwirsch wie eigensinnig betreibt Negt sonst jedoch Erkenntnisverweigerung auch gegenüber Arbeiten, die ihn nicht langweilen sollten, die, von Gottlieb Schuchards Abhandlung zu Juli-Revolution und Saint-Simonismus (1935) bis Michael Jaegers "Fausts Kolonie" (zweite Auflage 2005), historische Bezugsfelder ins Auge fassen, auf die sich der zweite "Faust" einläßt. Goethe "hantiere" mit "historischen Materialien", heißt es hingegen salopp und ohne nähere Interessen bei Negt.

          Womöglich noch erstaunlicher als die weitgehende literaturwissenschaftlich-germanistische Abstinenz ist das Schweigen über den Ort, den Negts Buch in der Geschichte der marxistischen "Faust"-Auslegung einnimmt. Kein Wort über Georg Lukács' "Faust-Studien", obwohl die noch immer Pate stehen, keines über Gerhard Scholz' "Faust-Gespräche". Und da wäre es doch erst richtig spannend geworden. Denn im schroffen Unterschied zu solchen Marx-Schülern gibt Negt den Faust und dessen fortschrittliche Potentiale mehr oder weniger umstandslos preis. Und das ist in diesem Kontext keine Kleinigkeit.

          Wohl beteuert auch Negt, er halte sich an die "absolute philosophische Tragödie", die schon die "Jenaische Weisheit" (so der Historiker Luden zu Goethe) und Hegel im "Faust" erblicken wollten. Doch führt diese Rede diesmal nicht, auf welchen Umwegen auch immer, den jäh zum Repräsentanten der Menschengattung aufgestiegenen Faust in utopische Gefilde oder doch deren Vorschein. Denn nicht länger gibt es ein metaphysisches oder geschichtsphilosophisches Schema, das Negts Faust vor dem Verhängnis schützen könnte, das seine "Karriere" steuert. Es heißt Geist des Kapitalismus, zehrt von Mandeville und Marx, Max Weber und Schumpeter und hält Faust fest im Griff, vom "Prolog im Himmel" bis zum irdischen Finale des Großunternehmers. Das himmlische Finale, "Bergschluchten", kommt bei Negt nicht vor, wie er denn auch sonst vieles, ja beinahe alles (beispielsweise Gretchen und Helena) übergeht, um ungestört ausgewählte Partien im vierten und fünften Akt von "Faust II" zur Geltung bringen zu können.

          Weitere Themen

          Nomen est Omen

          Fraktur : Nomen est Omen

          Sind Namen Schall und Rauch – oder prägen sie unser Leben? Viel spricht für Letzteres. Daher ist es gut, dass die Koalition das Namensrecht liberalisieren will.

          Topmeldungen

          Die im Bau befindliche Bahnsteighalle des Durchgangsbahnhofs. Die markanten Kelchstützen tragen die Dachkonstruktion und lassen Tageslicht hinein

          So wird „Stuttgart 21“ : Abfahrtshalle in Richtung Zukunft

          Nach fast einem Vierteljahrhundert ist jetzt das Gebäude im Rohbau fertig, das Massenproteste provozierte und die Figur des „Wutbürgers“ entstehen ließ. Ein erster Besuch im Riesenbahnhof „Stuttgart 21“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.