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: Faust - eine kapitalistische Verbrecherkarriere

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So muß man hören, daß Tätigkeit und Streben schlichtweg für kapitalistisch-unternehmerische Dynamik stehen; daß der "Herr", der "im Herrschaftsgepränge eines Feudalherren auftretende Bürger-Gott", von Anfang an die Zeichen aufs Unternehmerische stellt; daß die Wette in Wahrheit "eine Art calvinistisch geprägter Dienstvertrag" ist; daß sich Faust mit der Forderung nach "Herrschaft" und "Eigentum" fürs Unternehmertum entscheidet; daß mithin alle seine Neben- und Umwege, seine Rollen als "Staatsmann, Kriegsherr, Dichter, Allegorieproduzent", "vielfältige Prüfstationen" darstellen mit dem Ziel, "innerweltliche Askese" hervorzubringen und damit die "Berufsqualifikation als Unternehmer". Aufs Unternehmerische jedenfalls läuft alles hinaus, und schon dies von Grund auf garstige Wort macht Faust den ideologischen Garaus.

Da hilft auch keine Trauer über seine letzte Rede - "wunderbare und eindringliche Worte, die jeden Menschen mit visionärem Blick und der überschüssigen Kraft für Gesellschaftsutopien erfreuen müssen". Trifft doch diese Rede doppelt ins Leere. Denn sie hat, so Negt, keine "kritische Öffentlichkeit" (wie immer das sein könnte), und sie steht in krassem Widerspruch zur Verbrecherkarriere Fausts. Keine Dialektik, nirgends, statt dessen ein Sündenregister von durchschlagender Aktualität: keine Verantwortung, keine "lernende Reifung", Kälte und Gewalt, wie das bei der "ursprünglichen Akkumulation" des Kapitals üblich ist. Kommt hinzu der skurrile Vorhalt, der Großunternehmer Faust habe seine Nachfolge nicht geregelt. Daran hat wohl noch keiner der neueren Faust-Destrukteure gedacht. Deutlich überboten werden sie auch durch die Schärfe, mit der Negt im Zeichen der nachbarlichen Doppelung Weimar-Buchenwald den Vorwurf des Totalitarismus in Stellung bringt: Faust sei nicht nur ein "Baumeister des Totalitären", sondern verdiene auch die "fixe Idee", daß er "ein Konzentrationslager aufbaut": "Kann man sich Faust als KZ-Kommandanten vorstellen? Ich glaube, ja."

Fragt sich nur, ob man das muß, ob, mit anderen Worten, jeder schnelle Einfall und jede fixe Idee gleich auch alle kritischen Kontrollen passieren darf. Doch Negt hat schon zu Beginn vorgesorgt. Die "Faust"-Philologie (freilich nur die "im engeren Sinn") werde keinen Gewinn aus seinen Erörterungen verbuchen. Dem ist nicht zu widersprechen. "So ist in diesen Tagen mahnende und erinnernde Reflexion nötig" - Negts Diskurs ist in Regionen angesiedelt, wo jenseits der Wissenschaft sozial-philosophische Rhetorik regiert.

Oskar Negt: "Die Faust-Karriere". Vom verzweifelten Intellektuellen zum gescheiterten Unternehmer. Steidl Verlag, Göttingen 2006. 304 S., geb., 16,80 [Euro].

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