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Facebook-Initiative gegen Hass : Im Sturm der Empörung

Wie umgehen mit Hasskommentaren bei Facebook? Bild: Reuters

Feindseliger Ton, drohende Nutzer: Der Gründer des Facebook-Projekts #ichbinhier berichtet über Erfahrungen mit Trollen und Infokriegern. Und gibt Erste-Hilfe-Tipps beim Umgang mit Hasskommentaren.

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          Eine dieser Diskussionen im Netz: Die Stimmung ist aufgeladen, der Ton feindselig, ein Nutzer beginnt zu beleidigen und zu drohen. Wie das gemeint sei, schreibt der andere. Es gehe doch darum, sich konstruktiv miteinander auszutauschen. Ob er das etwa ernst meine? Er dauert nur einen kurzen Moment, dann steht der Satz in der Kommentarspalte: „Ich würde Selbstjustiz üben, sofern mir die Zeit bliebe.“

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Begegnungen wie diese hat Hannes Ley bei seinem Kampf gegen die Verfügungsgewalt der Trolle im Internet zusammengetragen und den Kapiteln seines Buches vorangestellt. Sie zu lesen erzeugt Gänsehaut, aber Ley, der in Hamburg als Kommunikationsberater arbeitet, entscheidet sich dann gegen den effektvollen Grusel. Eindringlich beschreibt er, wie sein Facebook-Projekt #ichbinhier seit mehr als einem Jahr gegen Lügen und Hass im Internet vorgeht. Das Vorbild für die Gruppe, deren Mitglieder menschenfeindliche Kommentare und Falschaussagen auf Facebook entkräften, entlarven oder melden, stammt aus Schweden. Dort gründete die Journalistin Mina Dennert #jagärhär, ein Netzwerk von Aktivisten gegen „Hate-Speech“.

          Die Wiedergeburt Elvis Presleys

          „#ichbinhier“ liest sich wie eine Anleitung zum Umgang mit zerstörerischen Dynamiken im Netz. Der Autor beginnt bei den Ursprüngen des Hasses im Internet, beim Glauben an einen rechtsfreien Raum, in dem alles erlaubt war, vom heimlichen Download bis zur expliziten Darstellung von Gewalt. Er widmet sich der Entstehung von Filterblasen, dem Phänomen der sich viral verbreitenden Memes und dem fließenden Übergang von phantasievollen Spekulationen über eine Wiedergeburt Elvis Presleys zu gefährlich präsenten Theorien über eine Weltverschwörung.

          2017 gewann die Initiative #ichbinhier den Grimme Online Award. Inzwischen hat sie 37 000 Abonnenten.

          Vieles davon ist bekannt. Im Kontext der Erfahrungen der aufklärenden Facebook-Gruppe gewinnen die Betrachtungen jedoch an Aktualität und Brisanz. Da sind die Begegnungen mit sogenannten Infokriegern, die systematisch manipulierende Meldungen und Kommentare erzeugen, mit russischen Trollen, die in Tausende Kilometer entfernten Bürogebäuden die Kommentarspalten westlicher Medien füllen, oder mit Leuten wie dem wegen Volksverhetzung verurteilten Schriftsteller Akif Pirinçci. Dem richtigen Umgang mit Angriffen aus diesem weiten Spektrum der „Hate-Speech“ widmet Ley ein nutzerfreundliches Erste-Hilfe-Kapitel.

          Schuld gibt der Autor auch einzelnen Medien, die mit kontroversen Themen einen Dauerzustand der Empörung erzeugen und die Reaktionen nicht ausreichend moderieren. Vor allem aber kritisiert er die Plattform Facebook selbst, die unentwegt gegen eigene Gemeinschaftsstandards verstoße. Damit ist seine Zustandsbeschreibung der schwarzen Löcher und falschen Befindlichkeiten bei Facebook mitten im Wirbel um die unerlaubte Nutzung der Daten von fünfzig Millionen Nutzern für den Wahlkampf Donald Trumps gerade wieder tagesaktuell geworden. Einige Monate nach dem Start des Projekts lud Facebook Ley und seine Mitstreiter zum Training für „Counterspeech“, den Umgang mit Hasskommentaren. Etwas Neues habe er nicht gelernt, schreibt er, auch keine Antwort darauf erhalten, warum nur so wenige Beiträge gelöscht würden und was konkret geplant sei, um Hass und Lügen zu reduzieren.

          Hannes Ley gründete die Facebook-Gruppe #ichbinhier gegen Hass und Hetze im Netz.

          Das Projekt, das 2017 den Grimme Online Award gewann, hat inzwischen 37.000 Abonnenten. Im Netz brandet immer wieder Kritik auf. Die Online-Aktivisten seien Ideologen, Blockwarte des Internets. Den persönlichen Angriffen und Drohungen wird innerhalb der Gruppe mit Warnhinweisen begegnet. Nach außen argumentiert Ley, dass #ichbinhier sich bewusst nicht politisch positioniere, um auch andere Meinungen zuzulassen und für eine offene Diskussionskultur zu sorgen. Das funktioniert natürlich nur bedingt. Oft genug muss das Team mitansehen, wie sich falsche Behauptungen in rasender Geschwindigkeit verbreiten. Denn die große Aufgabe, für die dem Projekt die Ressourcen fehlen, läge eigentlich bei den Netzkonzernen und der Politik.

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