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F. W. Graf / K. Wiegandt (Hrsg.): Die Anfänge des Christentums : Hat Augustinus die Religion vermasselt?

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Bild: Fischer Taschenbuch Verlag

Ein lesenswerter und leicht zugänglicher Sammelband über das frühe Christentum führt die Vorzüge und auch die Problematik der Enttheologisierung der Kirchengeschichte vor Augen.

          2 Min.

          Die Spannungen bei der Darstellung der Geschichte des frühen Christentums sind hier mit Händen zu greifen. Dabei verlaufen die Bruchlinien der Interpretation allerdings nicht mehr entlang der Konfessionsgrenzen. Vielmehr wird man die Differenzen auf individuell unterschiedliche Affinitäten der Beiträger zum Christentum zurückführen dürfen. Dies wird deutlich, wenn man etwa vergleicht, was der Münchner katholische Patrologe Roland Kany und der Bochumer Philosoph Kurt Flasch zu Augustin zu sagen haben. Kany macht in behutsamer Gedankenführung deutlich, dass die Vorstellung der kirchlichen Autorität bei dem afrikanischen Kirchenvater austariert wird von dem Vertrauen in die Bedeutung der Bibel und die Kraft der Rationalität, und sieht darin einen Grund dafür, „dass das Christentum nach den ersten vierhundert Jahren nicht am Ende war“.

          Flasch hingegen zeichnet die Auseinandersetzung zwischen Luther und Erasmus in die von Augustin und Origenes ausgehenden Fluchtlinien ein, wobei er Augustin einen Rückfall in theologische „Archaismen“ wie die Erbsünde und den Kampf zwischen Gott und Teufel bescheinigt, die der (ältere) Origenes bereits überwunden gehabt habe. Luther habe diese Archaismen „radikalisiert“ und die „antirationale Exklusivität“, nämlich die Behauptung einer Scheidung der Menschheit in Erwählte und Verworfene, „ins Extrem gesteigert“ – mit fatalen Folgen, wie Flasch nicht ohne Süffisanz konstatiert: „Erasmus sah Kriege voraus; der Glaubensstreit hat sie bald tatsächlich gebracht.“

          In leicht lesbarer Form

          VVon vereinzelten Provokationen wie dieser abgesehen, ist vieles in diesem Buch Einleitungswissen, das in essayistischer, leicht lesbarer Form ohne großen Anmerkungsapparat dargeboten wird; insofern eignet sich der Band gut als Einführung in das weitverzweigte Forschungsfeld (wobei die Brauchbarkeit durch die Hinzufügung eines Registers noch hätte erhöht werden können).

          Allerdings weist die Konzeption des Bandes, der auf ein Kolloquium des „Forums für Verantwortung“ zurückgeht, auch gravierende Lücken auf, die durchaus symptomatisch sind für die reduzierte Wahrnehmung des Christentums in der Öffentlichkeit, aber leider auch in Teilen der theologischen Wissenschaft. Das gilt nicht nur für die weitgehende Außerachtlassung von christlicher Archäologie und Kunst; schwerer wiegt noch, dass das Herzstück altkirchlicher Identität, der Gottesdienst, in seiner historischen Bedingtheit nirgendwo genauer beschrieben wird. Der damit vielfach verbundene Prozess der Entstehung intellektuell leistungsfähiger theologischer Normen („Dogmen“) wird zwar in seinen Anfängen (bei Udo Schnelle), aber dann nur noch am Rande, nämlich unter dem Aspekt der „Hellenisierung der Christentums“ (bei Christoph Markschies), behandelt.

          Enttheologisierung der Kirchengeschichte

          Die nicht nur in diesem Band konzeptionell wie inhaltlich zu beobachtende Annäherung an die Literatur-, die Sozial- und die Institutionengeschichte, wiewohl an sich durchaus verdienstvoll, wird dann bedenklich, wenn sie im Ergebnis zu einer Enttheologisierung der Kirchengeschichtsschreibung führt. Das hat nichts mit einem Mangel an Distanz und einer vorschnellen „identifikatorischen Hermeneutik“ zu tun, wie sie Friedrich Wilhelm Graf den Theologen in der Einleitung unterstellt, sondern mit der genuin historischen Einsicht, dass man die Kirchen in ihrer konkreten Vorfindlichkeit ohne den Kampf um die Trinitätslehre und das Glaubensbekenntnis auch über die Antike hinaus nicht adäquat wird begreifen können. Denn die Resultate der Überlegungen zum Wesen und Wirken Gottes haben die christliche Liturgie, die Predigt und das Sakramentsverständnis geprägt und so – in je unterschiedlicher Weise – das Selbstverständnis fast aller christlicher Kirchen bis heute bestimmt.

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