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: Exzerpierte Größe, edle Originalität

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Winckelmann führte sein Leben lang Exzerpthefte, in die er Passagen aus den von ihm gelesenen Büchern eintrug. Diese Hefte wuchsen im Lauf der Zeit zu einem Umfang von siebentausendfünfhundert Seiten an: seine persönliche, transportable Bibliothek. Er betrachtete diese Zitatensammlung als seinen kostbarsten Besitz, behandelte sie wie eigenständige Werke.

          Winckelmann führte sein Leben lang Exzerpthefte, in die er Passagen aus den von ihm gelesenen Büchern eintrug. Diese Hefte wuchsen im Lauf der Zeit zu einem Umfang von siebentausendfünfhundert Seiten an: seine persönliche, transportable Bibliothek. Er betrachtete diese Zitatensammlung als seinen kostbarsten Besitz, behandelte sie wie eigenständige Werke. Winckelmann sammelte seine Exzerpte nicht nur in seinen frühen Jahren in Deutschland, sondern führte sie auch in Rom fort, wo er sich stärker auf Kunstgeschichte und Archäologie konzentrierte. Während die Exzerpte zunächst der Aneignung, Lagerung und Ordnung des Gelesenen gedient hatten, bezog Winckelmann sie in Rom stärker in die Konzeption seines eigenen Schreibens ein.

          Winckelmanns Verfahren entsprach dem Polyhistors seiner Zeit, eines Gelehrtentypus, von dem er sich energisch zu lösen und den er immer wieder lächerlich zu machen suchte. Winckelmann wollte kein Polyhistor, kein Eklektiker und Abschreiber von Stellen sein. Er bemühte sich mit aller Kraft um eine persönlichere Auswertung und Anordnung seiner Schätze, indem er sie schon im Stadium des Sammelns auf seine künftigen Werke bezog. In Wahrheit steckte Winckelmann aber viel tiefer in der Welt der alten Gelehrsamkeit, von der er sich mit aller Gewalt lösen wollte, als er selbst ahnte. Sein Originalitätspathos verschleierte seine Verwicklung mit seinen Quellen. Die von ihm angestoßene Griechenverehrung folgte ihm darin und sah ihn ganz im Zeichen der Originalität, die Winckelmann für sich selbst und für die Griechen in Anspruch nahm.

          Dies ist nur ein Aspekt der vielen aufregenden Einsichten, die Élisabeth Décultot in einem Buch ausbreitet, das die Winckelmann-Forschung auf eine neue Grundlage stellt (Élisabeth Décultot: "Untersuchungen zu Winckelmanns Exzerptheften". Ein Beitrag zur Genealogie der Kunstgeschichte im 18. Jahrhundert. Aus dem Französischen von Wolfgang von Wangenheim und René Mathias Hofter. Stendaler Winckelmann-Forschungen, Band 2. Verlag Franz Philipp Rutzen, Ruhpolding 2005. 208 S., br., 24,- [Euro]). Zu Recht ist im Untertitel von "Genealogie" die Rede, im doppelten Sinn: als Genese des Winckelmannschen Werks aus den Exzerptheften und als Nachweis seiner "unreinen" Ursprünge. Das meiste von dem, was Winckelmann als etwas Neues vortrug, war von anderen Autoren schon gesagt worden und findet sich in seinen Exzerpten. Sie werden dadurch zu einem Wegweiser durch Winckelmanns zerklüfete Schriften, die immer wieder neu ansetzen, den Bogen zur Originalität immer wieder spannen.

          Gerade die am meisten bewunderten Formulierungen Winckelmanns haben eine solche Genealogie. Sein berühmter Satz: "Der einzige Weg für uns, groß, ja wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten" findet sich wörtlich, wie schon früher entdeckt wurde, bei La Bruyère. Der bei Winckelmann unmittelbar folgende Gedanke: "Wenn jemand von Homer gesagt, daß derjenige ihn bewundern lernet, der ihn wohl verstehen gelernet, gilt auch von den Kunst-Werken der Alten, sonderlich der Griechen", stammt aus Alexander Popes "Theory of Criticism", die Winckelmann nach einer französischen Übersetzung exzerpierte. Und auch der anschließende Satz nimmt eine fremde Anregung, diesmal von der französischen Homer-Übersetzerin Madame Dacier, auf: "Man muß mit ihnen, wie mit seinem Freund, bekannt geworden sein, um den Laocoon eben so unnachahmlich als den Homer zu finden." Die Dichte der Fremdtexte frappiert. Sogar die berühmte "Edle Einfalt und stille Größe" stammt aus den Schätzen seiner Exzerpte.

          Weil Winckelmanns Werk so eng an seine Lesemethode gekettet sei, meint Élisabeth Décultot, sperre es sich gegen eine endgültige Festlegung. Winckelmann hat in immer neuen Anläufen (die leider nicht in einer Gesamtausgabe zugänglich sind) offenbar ein einziges Buch geschrieben, das er nie vollenden konnte. Jedes seiner fertigen Bücher ließ die Arbeit gleich noch einmal aufnehmen. Wie die Autorin deutlich macht, ging es immer auch darum, für die noch nicht verbrauchten Exzerpte ein Unterkommen zu finden. Mit der Zeit bezog diese Arbeitsweise auch seine eigenen Werke mit ein. Ganz unklassisch kennt Winckelmanns Schriftstellerei keine Vollendung. Sie trägt überall, wie Élisabeth Décultot meint, die Züge des Barock, den Winckelmann haßte.

          Wird also der wegweisende Interpret der griechischen Kunst durch die Aufdeckung seiner "Exzerpierwirtschaft" entmythologisiert? Die Autorin verkennt nicht, daß neben der lautstark verkündeten Originalität ein stilleres Bemühen um ursprüngliche Einsichten am Werk ist. Die eigentliche Originalität Winckelmanns liegt in seiner Werkstrategie, in den unermüdlichen Neuanfängen, im Feinschliff des Erborgten. Während bei La Bruyère von dem Vollkommenen die Rede war, das es zu nachzuahmen gelte, sprach Winckelmann von der Nachahmung des Unnachahmlichen. Damit gab er der Sentenz einen völlig neuen Akzent. Dies war Sprengstoff. Denn gerade durch die Verherrlichung des Prinzips der Nachahmung bereitete er dessen Verabschiedung vor.

          Mit der Wünschelrute der Exzerpthefte durchstreift die Verfasserin das gesamte Werk Winckelmanns. Man wird es neu lesen müssen und erkennen, daß es nicht jenes klassische Bild mit klaren Konturen zeigt, das von seinem Gegenstand suggeriert wird, sondern ein bewegliches Gebilde ist: das Argonautenschiff, das während der Fahrt ständig erneuert wird.

          HENNING RITTER

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