https://www.faz.net/-gr3-136be

Evolutionstheorie : Was, wenn der Konflikt ausbleibt?

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Ist die Theorie der sexuellen Auslese falsch? Muss sie durch eine Theorie der kooperativen sozialen Auslese ersetzt werden? Genau das ist die These der Stanford-Professorin Joan Roughgarden, die für eine komplexe Erklärungsweise evolutiver Prozesse eintritt.

          Im Markt für populärwissenschaftliche Bücher gilt oft die Regel: Je markiger und eindimensionaler die Thesen, desto mehr Aufmerksamkeit darf der Autor erhoffen. Dies gilt besonders für Werke, die sich an der Grenze zwischen Psychologie und Biologie bewegen und uns beispielsweise erklären wollen, warum Frauen angeblich nicht einparken können. Die auf Darwin zurückgehende und als unantastbar betrachtete Theorie der sexuellen Auslese mit ihren promiskuösen Männchen und zurückhaltenden Weibchen bietet oft die Rechtfertigung für die Deutungen und Schlussfolgerung dieser Werke.

          Doch Darwins Theorie der sexuellen Auslese ist nicht sakrosankt. Vor drei Jahren erschien im Wissenschaftsmagazin „Science“ eine Arbeit unter der Federführung der Stanford-Professorin Joan Roughgarden, die argumentierte, die Theorie der sexuellen Auslese sei grundlegend falsch und müsse von einer Theorie der kooperativen sozialen Auslese ersetzt werden. In der gleichen Ausgabe reagierten mehr als vierzig namhafte Biologen in Leserbriefen mit nahezu einhelliger Ablehnung. Ihr Tenor war, Roughgardens Theorie biete nichts wirklich Neues und sei nur ein Spiel mit Formulierungen, die die Substanz der Theorie der sexuellen Auslese im Kern unangetastet ließen.

          Eine Theorie der sozialen Auslese

          Roughgarden war offenbar unbeeindruckt, publizierte in Fachzeitschriften munter weiter und legt im Darwin-Jahr mit einem an eine breite Leserschaft gerichteten Buch über liebenswürdige Gene nach. Die Theorie der sexuellen Auslese geht davon aus, dass der genetische Beitrag eines Individuums zur nächsten Generation nicht nur von seiner Überlebensfähigkeit abhängt, sondern auch davon, wie erfolgreich es bei Sexualpartnern ist. Diese Theorie beruht weiterhin auf der Annahme, die Interessen der beiden Geschlechter seien nicht identisch, und benutzt vor allem die nichtkooperative Spieltheorie, um ihre Vorhersagen herzuleiten. Ein Elternpaar wird in den entsprechenden Modellen beispielsweise als temporäre Koalition zweier grundlegend egoistischer Individuen verstanden.

          Roughgarden behauptet nun, diese Annahme sei falsch: Eltern hätten in der Regel gemeinsame Interessen und könnten auf gemeinsame Ziele hinarbeiten. Er benutzt die kooperative Spieltheorie zur Grundlegung einer Theorie der sozialen Auslese, die die Koordination reproduktiver und anderer sozialer Handlungen erklären soll.

          Keine abstrakten Modelle

          Roughgardens Angriff auf einen wesentlichen Baustein der modernen Evolutionsbiologie kommt mit eindrucksvollem Theoriewerkzeug daher, hat aber auch einen persönlichen Hintergrund. Denn Joan hieß bis 1996 Jonathan und war (und blieb) einer der talentiertesten theoretischen Ökologen und Evolutionsbiologen seiner Generation. 1996 ließ er eine Geschlechtsumwandlung durchführen und sorgte damit für einen handfesten Skandal an der Stanford University. Gerüchte besagen, nur ein direkter Eingriff von Condoleezza Rice, damals akademische Verwaltungschefin der Universität, habe dafür gesorgt, dass Roughgarden ihre Professur behalten durfte.

          Ist diese persönliche Geschichte ein Grund, Roughgardens Hypothese der sozialen Auslese zu misstrauen? Oder ist der Vorwurf berechtigt, ihre Theorie sei nur eine Umformulierung der etablierten Vorstellungen? Beides wäre zu einfach. Denn anders als die Mehrheit ihrer Kritiker ist Roughgarden sich bewusst, dass die beiden konkurrierenden Theorien nicht rein abstrakte Modelle sind, sondern Geschichten erzählen, deren narrative Strategien sich einer direkten empirischen Überprüfung weitgehend entziehen.

          Zinsen auf eine gemeinsame Investition

          Die dominante Theorie der sexuellen Auslese erzählt Geschichten, in denen die Protagonisten - Eier und Spermien, Männchen und Weibchen - weitgehend unvereinbare Interessen haben und Kooperation ein seltenes oder sporadisches Phänomen ist. Roughgarden geht hingegen davon aus, dass die Protagonisten sich von Beginn an der Zusammenarbeit verschrieben haben. Der Nachwuchs repräsentiert die Zinsen auf eine gemeinsame Investition. Konflikt ist eine sekundäre Erscheinung, die auftritt, wenn keine Verhandlungslösung zur Arbeits- und Lastenteilung gefunden wird.

          Roughgarden stützt ihre Theorie mit einer Vielzahl von Beispielen, die zeigen sollen, dass die Theorie der sexuellen Auslese auf einer völlig falschen Rahmenerzählung basiert. So schwelgt zum Beispiel ein klassisches Modell zur Evolution der Anisogamie (kleine und viele Spermien im Gegensatz zu großen und wenigen Eiern) in der Rhetorik von Konflikt und Ausbeutung. Roughgarden zeigt, dass die mathematische Formulierung des Modells sich viel überzeugender kooperativ deuten lässt und es darüber hinaus bei Volvox-Algen empirische Unterstützung für diese Deutung gibt. Die ursprüngliche Konfliktrhetorik ist daher für Roughgarden rein ideologisch motiviert und ohne empirische Grundlage.

          Plädoyer für eine offene Evolutionswissenschaft

          Roughgardens Einwände lassen sich nicht als die einer verbohrten Außenseiterin abtun. Sie nutzt virtuos die seit Jahrzehnten etablierten und akzeptierten theoretischen Werkzeuge der evolutionären Populationsgenetik und Spieltheorie und entlarvt geschickt die tendenziösen Beschreibungen, wie sie abstrakten Modellen bisher auferlegt worden sind. Roughgardens Buch ist bei aller Nüchternheit und Anforderungen, die es an den Leser stellt, damit ein wirkungsvolles Plädoyer für eine darwinistische Biologie, die sich alternativen Erklärungsmöglichkeiten und damit der Vielfalt sexueller und sozialer Erscheinungen genuiner als bisher öffnet.

          Weitere Themen

          Neues Edel-Entree für Berliner Museumsinsel Video-Seite öffnen

          Architektonische Kunstwerk : Neues Edel-Entree für Berliner Museumsinsel

          Die James-Simon-Galerie ist fertiggestellt und soll im Sommer 2019 eröffnet werden. Das Haus soll zentrales Empfangsgebäude sein und mehrere Museen miteinander verbinden. Die Pläne stammen aus dem Berliner Büro des renommierten britischen Architekten David Chipperfield.

          Topmeldungen

          EuGH-Urteil zu Fahrverboten : Hatz auf die Autofahrer

          Städte wie Paris dürfen möglicherweise selbst nagelneuen Autos die Einfahrt künftig verbieten. Umweltaktivisten jubeln, für die große Mehrheit der Bevölkerung aber wären so umfassende Fahrverbote eine Katastrophe. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.