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Evgeny Morozovs „Smarte neue Welt“ : Ist Ingenieur sein denn glamourös?

Durch die Augen einer BinCam? Der letzte Schrei aus der Welt digitaler Nachhaltigkeit ist es, das Wegwerfverhalten der Menschen mit Smartphones zu dokumentieren. Ein Beispiel für „Solutionisms“. Bild: dpa

Elektronisches Gerät an, gesunder Menschenverstand aus? Evgeny Morozov wirft den Technikenthusiasten in seinem Buch „Smarte neue Welt“ vor, die soziale Urteilskraft allzu leicht über Bord zu werfen.

          Dieses Buch ist zu umfangreich, es hat zu viele Themen, und sein Autor regt sich zu sehr auf. Und dieses Buch ist fabelhaft, eine unglaubliche Fundgrube. Geschrieben hat es der neunundzwanzigjährige Evgeny Morozov, der gerade am Fachbereich für Wissenschaftsgeschichte der Harvard University promoviert. Hier legt er unter dem Titel „Smarte neue Welt“ eine Zeitdiagnose vor. Wie andere Zeitdiagnosen hält auch sie sich an die neueste Technologie, um zu beschreiben, in welcher Gesellschaft wir leben.

          Die neueste Technologie ist die digitale. Morozov erörtert, was mit der Nutzung von Smartphones, Suchmaschinen und elektronischen Bekanntschaftsnetzwerken alles einhergeht: an Nutzen, an Schaden, an unbeabsichtigten Folgen. Dabei bezieht Morozov seine Motive weniger aus der Technik selbst. Es geht ihm vielmehr vorrangig um die Versprechungen, die an sie geknüpft werden, die Phantasie, die sie entbindet, den Denkstil ihrer Enthusiasten. Denn es gibt kein gesellschaftliches Gebiet mehr, auf dem nicht digitale Technologien die Verbesserung des öffentlichen wie privaten Universums in Aussicht stellen.

          Transparent oder vorschnell?

          Beispiele? Die Website hunch.com verspricht jedem Nutzer, aus seinen Antworten auf Testfragen, seinem Verhalten im Netz und den Präferenzen seiner „Freunde“ optimale Kaufempfehlungen für alles zu errechnen. Die Logik, die dahintersteckt: Männer um die vierzig, die abends grünen Tee trinken, lesen auch gerne Micky Maus. Oder das Beispiel, mit dem Morozov einsteigt: BinCam. Das ist ein Projekt, bei dem Smartphones auf der Innenseite von Müllereimerdeckeln fotografieren, was weggeworfen wird, um die Bilder auswerten zu lassen und auf Facebook hochzuladen, wo dann ein Wettbewerb um das nachhaltigste Wegwerfverhalten einsetzen soll.

          Oder nehmen wir die Webseite eines Argentiniers aus Bahía Blanca, die öffentliche Ausgaben der Stadt in leicht verständliche Grafiken umsetzt. Ist das im Sinne der Transparenz und Bürgerbeteiligung nicht vorbildlich? Und war der Aufschrei, als die Stadtverwaltung zwar nach wie vor alle Zahlen im Netz veröffentlichte, aber Algorithmen wie denen des jungen Programmierers den Zugriff auf sie versperrte, nicht berechtigt?

          Problemlösung mit orwellschen Zügen

          Morozov zweifelt. Denn für ihn sind das alles Beispiele einer Ideologie, die er „Solutionisms“ nennt. Damit bezeichnet er die Neigung, gesellschaftliche Probleme - zum Beispiel Klimawandel, Politikverdrossenheit, ungesunde Ernährung, die Verteilung von Geldern - lösen zu wollen, bevor man sie verstanden hat. Oder etwas - Was soll ich lesen? - zu einem technischen Problem zu erklären, weil man im Besitz einer universellen Lösungstechnik ist. Wie würde man beispielsweise „Transparenz“ beurteilen, wenn es nicht um öffentliche Ausgaben, sondern um Planungsdiskussionen in Verwaltungen ginge? Webcams in jedes Sitzungszimmer? In Amerika wird, seit die Protokolle von Treffen der Notenbanker öffentlich sind, in den Sitzungen nachweislich weniger kontrovers diskutiert. Und seit dort die Anwesenheit von Politikern bei Abstimmungen veröffentlicht wird, sind die Sitzungssäle auch dann voll, wenn es um unwichtige Abstimmungen geht und viele die Zeit besser nutzen könnten.

          Ob Transparenz nützlich ist oder nur dazu führt, dass bestimmte Interessenten Lärm machen, woraufhin sich das Verhalten der Beobachteten ändert, ist eine fallweise zu klärende Frage. Doch, so Morozov, wenn faszinierende Technologien zuhanden sind, wird die technische Lösung auch ohne ein soziales Problemverständnis favorisiert. Die Leute werfen Nahrungsmittel weg? Lasst uns Fotos von ihren Mülleimern posten. Aber wenn sie dann die Nahrungsmittel in einen anderen werfen? Steht am Ende die Komplettüberwachung aller Haushalte?

          Nicht die Technik ist das Problem, sondern die Projektionen

          Es ist also der Verzicht auf soziale Urteilskraft, die Morozov den Technikenthusiasten vorhält. Während Unsummen in „Open Access“ zu wissenschaftlichen Aufsätzen gesteckt werden, liegt deren Durchschnittsleserzahl bei ungefähr 1 und wissen Romanisten im sechsten Semester nicht, wer Flaubert ist. Das spricht nicht gegen die Digitalisierung, aber gegen die „solutionistischen“ Erwartungen. Die größten Gewinne der technologischen Versprechen fallen meist nicht dort an, wo die Probleme liegen, sondern bei den Ausrüstern.

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