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Eva Rieger: Friedelind Wagner : So bekämpfte die aufmuckende Maus den bösen Familiengeist

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Bild: Verlag

Bayreuths rebellischste Enkelin: Die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger porträtiert Friedelind Wagner, die keinem Konflikt mit ihrer Verwandtschaft aus dem Wege ging.

          Sie war eine schöne, mutige, anstrengende Frau: Friedelind Wagner, 1918 als zweites Kind von Winifred und Siegfried Wagner in Bayreuth geboren, äußerlich ein Abbild ihres Großvaters Richard Wagner. „Sie sagt manchmal etwas dumme und freche Sachen, aber irgend etwas ist natürlich ganz knorke und bestrickend an ihr“, schrieb Klaus Mann, der sie 1942 in New York kennengelernt hatte. Heute ist Friedelind Wagner wegen ihrer frühen Emigration aus dem nationalsozialistischen Deutschland und ihrer kritischen Einlassungen zur Herkunftsfamilie bekannt. Zeitlebens engagierte sie sich aber auch für die Musik ihres Vaters und ihres Großvaters, sie pflegte ein weitgespanntes Netz von Künstlerfreundschaften und machte sich durch Vortragsreisen und als Förderin des musikalischen Nachwuchses einen Namen.

          Schon die Jugendliche, zu Hause „Maus“ oder „Mausi“ genannt, galt als schwarzes Schaf der Familie. Nach dem Tod des geliebten Vaters im Jahr 1930 musste sie zahlreiche Kämpfe mit der Mutter ausfechten. Nachdem Friedelind mit Erreichen der Volljährigkeit Deutschland verlassen und über die Schweiz, England und Argentinien schließlich die Vereinigten Staaten erreicht hatte, veröffentlichte sie 1945 die ihren „beiden Vätern Siegfried Wagner und Arturo Toscanini“ gewidmete Autobiographie „Heritage of Fire“, die noch im selben Jahr unter dem Titel „Nacht über Bayreuth“ auch in Bern herauskam. Darin berichtet sie, wie Hitler lange vor der sogenannten Machtergreifung Einzug in Bayreuth hielt und wie groß seine Nähe zur Familie und den Festspielen tatsächlich war.

          Die Gründerin der Bayreuther Meisterklassen

          Die wenigen falsch dargestellten Vorgänge am Hügel, auch die Selbststilisierung zur früh informierten, eigenständigen Heroine unbenommen: „Nacht über Bayreuth“, seinerzeit mit Hilfe einer professionellen Autorin auf den Weg gebracht, bietet ein faszinierend detailreiches Bild der Bayreuther Jahre zwischen 1918 und 1939. Der Bericht endet mit dem vergeblichen Versuch der Mutter, Friedelind in der Schweiz zum Einlenken zu bewegen; nach dem Abschied fühlte sich die Tochter im Gedanken an den Großvater beruhigt, der wie sie „als Emigrant nach Zürich gekommen war“.

          Das Leben der Friedelind Wagner bis zu ihrem Tod 1991 im westfälischen Herdecke schildert eine neue Biographie der Musikwissenschaftlerin Eva Rieger. Zu den Stationen zählen die Internatsjahre des übergewichtigen, oft aufmüpfigen Kindes; die enge Beziehung zu den Tanten Eva Chamberlain und Daniela Thode; das Ineinander von Festspielkultur und Nationalsozialismus (das Rieger freilich nicht immer auf angemessener Höhe diskutiert); die Wandlung Friedelinds zur Gegnerin der nationalsozialistischen Ideologie und ihre Jahre im Ausland; die Unterstützung, die sie den Angehörigen von dort aus zukommen ließ; die hoffnungsvolle Rückkunft nach Bayreuth als politisch Unbelastete und die Aneignung der Festspiele durch die Brüder; die problematischen Versuche als Produzentin, Regisseurin und Gründerin der Bayreuther Meisterklassen.

          Der Protagonistin wohlgesinnt

          Riegers Darstellung orientiert sich mit Blick auf Quellen, Auskunftgeber und dem Anzweifeln etwaiger Ergebnisse an den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis. Kaum greift sie auf die Autobiographie zurück, eher prüft sie diese und reiht sie ein in den Reigen weiterer Quellen, zu denen neben den üblichen Texten auch Unterredungen mit Zöglingen, Freunden und Freundinnen Friedelinds gehören: Rieger sprach mit der jüngeren Schwester Verena Lafferentz, mit Friedelinds Nichten Eva Wagner-Pasquier und Nike Wagner und dem Neffen Gottfried Wagner. Auch Konvolute aus dem Nachlass von Friedelind Wagner und Wieland Wagner konnte Rieger heranziehen.

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