https://www.faz.net/-gr3-agtxn

Ökonomie und Sexualität : Gibt es also neoliberalen Sex?

  • -Aktualisiert am

„Fifty Shades“ lässt grüßen: Eva Illouz und Dana Kaplan zufolge ist Sadomasochismus inzwischen ein „Mittelklassehobby“. Bild: picture alliance / ZB

Wie man Selbstwert und Resilienz am besten kultiviert: Eva Illouz und Dana Kaplan spekulieren über die Wirkung eines entspannten Liebeslebens auf Berufsaussichten.

          4 Min.

          Vor zwei Jahren fanden Ökonomen der Universität von Oregon heraus, dass Angestellte, die am Vorabend ehelichen Geschlechtsverkehr hatten, am folgenden Tag eine fünfprozentige Verbesserung ihrer Stimmung am Arbeitsplatz verspürten. Das ließe sich von einer ordentlichen Nachtruhe und einem reichhaltigen Frühstück sicher auch sagen, aber für Eva Illouz und Dana Kaplan ist das ein äußerst wichtiger Befund, weil es so ziemlich der einzige empirische Befund ist für die These ihres Buches. Was ist sexuelles Kapital, fragen die beiden Soziologinnen darin, und das Verständnis ihrer Antwort setzt beim Leser voraus, dass er zunächst versteht, was sexuelles Kapital alles nicht ist.

          Es meint nicht, wie im üblichen soziologischen Sprachgebrauch, die sexuelle Attraktivität eines Menschen, die vielleicht auch noch durch kapitalintensive Investitionen etwa in plastische Chirurgie oder sportliche Aktivitäten als „Investitionen im sexuellen Konkurrenzkampf“ gesteigert werden kann. Natürlich sind manche Menschen in solchen Arenen wie dem Heiratsmarkt erfolgreicher als andere und verfügen damit über ein größeres sexuelles Kapital im geläufigen Sinne.

          In einer Welt scheinbaren sexuellen Überflusses

          Und umgekehrt steigert auch der Besitz tatsächlichen Kapitals die Chance auf sexuelle Erfüllung. Das ist alles hinreichend erforscht, insbesondere natürlich unter den Aspekten der sozialen Ungleichheit der Geschlechter. Illouz und Kaplan würdigen diese Forschung, kritisieren aber daran die implizite Verengung des Begriffs auf die Genderkritik. Sie wollen viel grundsätzlicher vorgehen und die von ihnen gemeinte Form von sexuellem Kapital auf Klassenzugehörigkeit und Klassenverhältnisse hin befragen.

          Eva Illouz und Dana Kaplan: „Was ist sexuelles Kapital?“
          Eva Illouz und Dana Kaplan: „Was ist sexuelles Kapital?“ : Bild: Suhrkamp Verlag

          Die einschlägige Frage hier ist die nach der Reproduktion geschlechtsspezifischer Ungleichheit durch die Wirtschaftsordnung. Etwa schlechtere Aufstiegschancen von Frauen oder deren geringere Entlohnung. Doch Illouz und Kaplan drehen diese Frage um, wollen umgekehrt herausfinden, wie „die neoliberale Sexualität zur Reproduktion des Kapitalismus“ beiträgt. Könnte es sein, dass in einer Welt „scheinbaren sexuellen Überflusses, in der alle jede Menge guten, lustvollen Sex haben sollen“, manche ihren Sex dazu benutzen, ihren eigenen Wert zu steigern?

          Alles eine Frage des Körpers

          Die Autorinnen räumen ein, dass ihre Behauptung, man könne die eigentlich ganz private Erlebnisqualität von Sex für Erfolg am eigenen Arbeitsplatz nutzen, zunächst absurd erscheint. Schließlich geht es ihnen nicht um unprofessionelles Verhalten oder um Schlüpfrigkeiten und Anzüglichkeiten, und einen Ratgeber zum Einsatz des Beischlafs zwecks Aufstieg in der Betriebshierarchie haben sie schon gar nicht geschrieben. Aber worin besteht dann diese von ihnen unterstellte Verbindung zwischen der Privatsphäre der sexuellen Erfahrung und der öffentlichen Sphäre des Berufs?

          Man tut Illouz und Kaplan sicher nicht unrecht, wenn man ihr Buch als eine Ergänzung zu einem Kapitel in Andreas Reckwitz’ „Die Gesellschaft der Singularitäten“ liest. Dort, wo Reckwitz über die Bausteine der „singularistischen Lebensführung“ schreibt, also über die Selbstwertsteigerungen der Subjekte jenseits der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, findet sich zwar ein Abschnitt über den Körper, aber vom Sex schweigt Reckwitz beharrlich. Dabei mache die Mittelklasse ihren Körper zu einem Gegenstand bewusster Gestaltung und Erfahrung und begebe sich mit ihm in die „unerbittlichen Prozesse der kulturellen Valorisierung“ – die gesunden und gewandten Körper stünden den ungesunden, übergewichtigen und unbeweglichen Körpern gegenüber, heißt es bei Reckwitz. Illouz und Kaplan ergänzen: Gegenüber stünden sich auch die Körper ohne und die mit Sex.

          Weitere Themen

          Der fabelhafte Mister B.

          Beau Bridges wird 80 : Der fabelhafte Mister B.

          Der Schauspieler Beau Bridges war immer ein Held oder Schurke für den zweiten Blick. Und im Kino der Repräsentant der normalen Leute. Heute wird er achtzig. Ein Glückwunsch

          Mann des Vergleichs

          Klaus von Beyme gestorben : Mann des Vergleichs

          Polemiken und Liebeserklärungen begleiteten seine wissenschaftliche Karriere: Zum Tod des Heidelberger Politikwissenschaftlers Klaus von Beyme

          Topmeldungen

          Jetzt sind alle ernannt: Kanzler Olaf Scholz und sein Kabinett beim Bundespräsidenten.

          Scholz-Regierung : Der Auftrag der Ampel

          Das Virus hat der neuen Bundesregierung vor dem Start eine wichtige Lektion erteilt. Sie sollte sie beherzigen.
          Klare Sache: Thomas Müller und der FC Bayern München besiegen den FC Barcelona.

          Champions League : Barcelona erlebt Debakel beim FC Bayern

          In München geht der einstige Spitzenklub mit 0:3 unter. Weil parallel Benfica Lissabon souverän gewinnt, scheidet der FC Barcelona aus der Champions League aus. Die Bayern bejubeln ein Tor-Jubiläum von Thomas Müller.
          Was hat Wladimir Putin in der Ukraine vor?

          Ukraine-Krise : Russlands wunde Punkte

          Neue westliche Sanktionen könnten Russland hart treffen – aber auch in Ländern wie Deutschland Schaden anrichten, das von russischem Gas abhängig ist.