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Eugen Sorg: Die Lust am Bösen : Im Bösen verdampfen alle Gründe

Bild: Nagel & Kimche Verlag

Eugen Sorg will zwar von Erklärungen menschlicher Grausamkeiten nichts wissen, kennt aber im Fall des radikalen Islamismus dann doch Ursachen.

          Beginnen wir die Kritik zu Eugen Sorgs Streitschrift "Die Lust am Bösen. Warum Gewalt nicht heilbar ist" mit dem Positiven - also ganz so, wie es in der Feedbackkultur der aufgeklärten Gesellschaften des Westens, die Sorg allesamt für Weicheier hält, üblich ist. Zunächst einmal ist Sorgs durchaus anregendes Buch erfahrungsgesättigt; als Kriegsreporter und einstiger Delegierter des "Internationalen Komitees vom Roten Kreuz" hat er mit dem Guten und mehr noch mit dem Bösen zur Genüge Bekanntschaft gemacht. Das gereicht ihm so lange zum Vorteil, wie er bei der Wiedergabe der Erfahrung bleibt und stets packend aus allen möglichen Weltgegenden - Ruanda, Balkan, Schweiz - darüber berichtet, was Menschen Menschen antun können. Jedes Mal drängen sich dem Westler dann dieselben Fragen auf: Wo fing es an? Was ist passiert? Was hat sie bloß so ruiniert?

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Die einzig richtige Antwort auf diese nach Sorg eigentlich schon falschen Fragen laute: Nichts hat sie so ruiniert. Warum die Vollidioten dann töten, foltern, vergewaltigen? Weil sie es können; weil sich ihnen die Gelegenheit bot; vor allem aber: weil sie es, so Sorg, geil finden. Die "äußeren Umstände" seien als Ursache nicht relevant, sie bildeten lediglich den "Rahmen, der dem Einzelnen den Reaktionsspielraum offen lässt". Es stehe also jedem jederzeit frei, sich für oder gegen das Böse zu entscheiden. Somit diene die Historisierung und Ideologisierung eines Gemetzels nicht der Wahrheitsfindung, sondern als Feigenblatt sowohl für die Täter als auch für die westlichen Beobachter, denen die aufgeklärte Moderne beigebracht habe, dass es für alles einen Grund geben muss.

          Das Rätsel des Bösen

          Auf den ersten hundert Seiten seines Buches hebt Sorg noch die Allgegenwart des Bösen hervor: Überall kann es lauern, bei den ganz Schlauen und den ganz Dummen, zwischen Völkern, die eine lange Geschichte gegenseitiger Abneigung trennt, und zwischen ganz normalen miteinander Kaffee trinkenden Menschen, von denen schon Thomas Bernhard sagte: "Auf den ersten Eindruck haben Sie den Eindruck: lauter brave Leute. Hören Sie aber zu, entdecken Sie, dass sie nur von Ausrottung und Gaskammern träumen." Sorg schreibt von Eichmann, von S-Bahn-Schlägern, Massakern und Massenmördern, um sodann ganz genüsslich die - tatsächlich - hilflosen Versuche "der aufgeklärten Eliten" zu zitieren, das Grauen zu erklären und so ihr Weltbild vor der Konfrontation mit dem Bösen zu bewahren. Sorg war einst Psychotherapeut. Mag sein, dass er deshalb zu wissen glaubt, es bringe nichts, mit den Bösen zu sprechen, sie zu bilden, ihnen Entwicklungshilfe in den Rachen zu stopfen. Das Böse sei keine Krankheit, und die Bösen seien in aller Regel keine Psychopathen. Also könnten sie auch nicht geheilt, sondern lediglich bekämpft werden. Das Problem sei nur, dass wir keinen Begriff mehr vom Bösen haben, dass wir es nicht mehr erkennen, wenn es vor uns steht, und deshalb versäumen, ihm im Bedarfsfall eins auf die Fresse zu geben.

          Spätestens hier müssen wir mit dem Negativen beginnen. Sorg nämlich versucht erst gar nicht, das Böse zu definieren. Es sei letztlich ein Rätsel, was aber zur Folge haben muss, dass man es - wenn überhaupt - erst dann erkennen kann, wenn man seiner ansichtig wird. Wie also soll sich der Westler unter diesen Voraussetzungen auf das Böse vorbereiten? Laut Sorg reicht es nicht, nur aufmerksam zu sein, vielmehr müssen wir unsere Wehrhaftigkeit steigern. Der einzige Weg, einen Krieg abzuwenden, so schreibt er mit dem Kriegstheoretiker Sun Tzu, bestehe darin, sich auf ihn vorzubereiten.

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