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Essays von Teju Cole : Welcome home, Mr. President

„Keine Generation kann ihr Gewissen ignorieren“: Teju Cole, in Nigeria aufgewachsen, sieht viele Dinge in Amerika aus einer etwas anderen Perspektive. Bild: AP

Besser als Barack Obama wird so schnell kein amerikanischer Präsident sein – aber das angemessene Verhältnis zu Obama ist Gegnerschaft. So sieht das Teju Cole, Schriftsteller, Publizist, Afroamerikaner. Auch in Deutschland sollte man Coles Essays lesen.

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          Die Geschichte lässt uns nicht los. Wir sind ihr ausgeliefert“, schreibt Teju Cole. Er schreibt es am Ende eines Berichts von seiner Reise nach Selma in Alabama, wo ein halbes Jahrhundert zuvor die von Martin Luther King angeführten Protestmärsche von der Polizei brutal niedergeknüppelt wurden. Die Erde Alabamas sei rot wie die Westafrikas, staubig, wenig verheißungsvoll. Man traue ihr nicht zu, überhaupt etwas hervorzubringen, aber hier wachse alles. Der Boden sei fruchtbar. Cole zitiert den afroamerikanischen Schriftsteller James Baldwin: „Mir drängte sich die Vorstellung auf, dass die Erde ihre Farbe von dem Blut bekam, das hier von den Bäumen rann.“ Und er fragt: „Wie sollte man keine Verbindungen sehen? Selma und Ferguson, New York und Cleveland, die Folterpraktiken der CIA und der Massenmord im Gazastreifen, Polizei und Sklavenpatrouillen; keine Generation kann ihr Gewissen ignorieren, keine Zivilgesellschaft sich der Verantwortung entziehen, vom Staat Rechenschaft für den Missbrauch der Macht zu verlangen.“

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Teju Cole, 1975 in Kalamazoo im US-Bundesstaat Michigan geboren, Sohn nigerianischer Eltern, in Lagos aufgewachsen und mit 17 in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt, ist berühmt für seine Romane „Open City“ und „Jeder Tag gehört dem Dieb“. Auch als Fotograf ist er bekannt, in Berlin ist gerade eine Ausstellung seiner Bilder zu sehen: „A Room with a View“. Am beeindruckendsten aber sind seine Essays, die er für das „New York Times Magazine“ und für den „New Yorker“ schreibt und die in der deutschen Übersetzung jetzt als Buch erschienen sind: „Vertraute Dinge, fremde Dinge“.

          Ein Traum, der in der Schweiz beginnt

          Es sind Texte, die vier Wochen vor der Präsidentenwahl zum Besten gehören, was man überhaupt lesen kann, wenn man die immer gleichen Kommentare über Trump und Hillary Clinton nicht mehr hören kann und bei der Ausweidung jeder der durch sie hervorgebrachten Sätze nur noch wider Willen dabei ist: Eben weil Teju Cole den Umweg über die Vergangenheit sucht, lässt sich an seinen Texten der Blick auf die Gegenwart schärfen. Was auf uns zukommt, lässt sich besser einschätzen, wenn wir wissen, in welcher Situation wir eben noch waren. Der „unsystematische Historiker“ Cole, den die Geschichte nicht loslässt, wo immer er Gegenwart betrachtet, lässt die Welt in neuem Licht erscheinen – was auch daran liegt, dass seine Einschätzungen fast immer von der gängigen Meinung abweichen und er Ereignisse und Dinge verknüpft, von denen man eben noch glaubte, dass sie absolut nichts miteinander zu tun hätten.

          „Umschreiben“ heißt einer der Essays, der vom 4. November handelt, dem Tag, an dem Barack Obama 2008 zum Präsidenten gewählt wurde. Cole beschreibt den Wahltag als Traum, der in der Schweiz beginnt, in einem kleinen Ort in Süddeutschland weitergeht, bis er, immer noch im Traum, plötzlich in einem dunklen Zimmer in Brooklyn aufwacht, so leise aufsteht, dass er seine Frau nicht weckt, zum Wahllokal in die nächste Highschool geht, gerührt von den vielen Menschen aus seiner Nachbarschaft, die er dort zu so früher Stunde antrifft: „Wann sonst versammelten sich freiwillig so viele Menschen, dachte ich, ohne dass Unterhaltung, Religion oder Geld geboten wurden?“

          „Guantánamo. Die Drohnen. Ich habe viel zu kritisieren. Aber er war um so vieles besser als alles, was nach Obama kommen wird“, sagt Teju Cole.

          Er begegnet Leuten, die, wie er, mit Ende dreißig zum ersten Mal wählen gehen, weil sie ihr Leben lang darauf gewartet haben, so stimmen zu können wie an diesem Tag. Er trägt wie alle anderen die Gewissheit mit sich herum, dass sich im kollektiven Bewusstsein ein paar Augenblicke später für immer etwas verändern wird. Im Kopf aber bleibt er absolut klar und lässt sich nicht betören: „Meine Stimme für Obama trotz erheblicher Einwände gegen manche seiner Positionen wie auch gegen fast das komplette System, in dem er agierte, war eine Deklaration vor allem an meine eigene Adresse, dass wir nicht deshalb partizipieren, weil alles gut ist, sondern gerade, weil es das nicht ist.“

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