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Die Gedankenwelt der Esoterik : Entdecke deine gesunden Emotionen

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Der Affekt gegen die „Schulmedizin“ ist schon sehr alt: Medikamente in einer homöopathischen Apotheke Bild: picture-alliance / ZB

Was steht uns an Entwissenschaftlichung und Verdummung wohl bevor, wenn die Weltwirtschaft einknicken sollte? Pia Lamberty und Katharina Nocun sehen sich auf dem Esoterikmarkt um.

          4 Min.

          Als die Industrialisierung den Menschen Angst einjagte, entstand die Lebensreformbewegung. Eine der Reaktionen auf den Vietnamkrieg war der New-Age-Spiritualismus. Während der Corona-Pandemie liefen viele Impfkritiker Verschwörungstheoretikern in die Armen, bis hin zu QAnon-Sektierern. „In Krisenzeiten entfaltet Esoterik als Welterklärungsmodell offenbar eine besondere Anziehungskraft“, schreiben Pia Lamberty und Katharina Nocun in ihrem neuen, an die Vorgänger „Fake Facts“ und „True Facts“ inhaltlich anschließenden Buch.

          Was uns an Entwissenschaftlichung und entschiedener Verdummung wohl bevorsteht, wenn die Weltwirtschaft nun tatsächlich einknickt und gleichzeitig der Klimawandel zuschlägt? In groben Zügen wird das in diesem profund recherchierten Buch erahnbar. Und da ist es lediglich eine letzte Pointe, wenn die Autorinnen angesichts der gegenwärtigen Nuklearbedrohung abschließend aus esoterischen Ratgebern zitieren, die erste Hilfe beim Atomschlag versprechen. Reiki (Handauflegen) wird da ebenso empfohlen wie eine „Darmsanierung“. Es genüge aber auch, der Radioaktivität „mit gesunden Emotionen“ zu begegnen, denn krank werde nur, wer sich den Naturgesetzen widersetze. Weil jedes Atom nur eine „Ausprägung von Bewusstsein“ sei, könne Strahlung durch Ausstrahlung neutralisiert werden.

          Zu Zynismus lassen die Autorinnen sich aber nicht hinreißen. Sie zitieren sachlich, auch wenn es sich um den größten Schmarrn handelt, denn der – das ist das zentrale Motiv – könne schlimme Auswirkungen haben. Um steile Thesen oder gut abgehangene Theorien – „Dialektik der Aufklärung“ – geht es hier so wenig wie um wissenschaftliche Systematisierungen. Anschaulichkeit ist die leitende Maßgabe, was sich in der weitgespannten Perspektive niederschlägt. Sie reicht von „ganzheitlicher Medizin“ über Geschäfte mit „belebtem“ Wasser, eine befremdliche Astrologie-Industrie (Aura-Fotografie, Engelkarten), teures Life-Coaching („Achtsamkeit in Kombination mit Magie verkauft sich gut“), obskuren „biodynamischen“ Demeter-Landbau (vergrabene Kuhhörner), Homöopathie in der Tiermast und Bauernfängerei in sozialen Medien („Instagram wurde als Ort für die Verbreitung von Falschinformationen bisher viel seltener in den Blick genommen als andere Plattformen – dabei ist das Problem auch dort gewaltig“) bis hin zu „brauner Esoterik“.

          Im Extremfall steht die Gesundheit auf dem Spiel

          Die Kapitel warten ihrerseits fast bis zur Überfülle mit konkreten Beispielen auf. Das Buch ist damit eine Mischung aus Kompendium, Ratgeber („Wie erkenne ich eine Sekte?“) und Reportage (Besuch einer Esoterik-Messe), das im besten Sinne journalistisch vorgeht. Dass vieles ganz ähnlich schon an anderer Stelle zu finden ist – stets werden die zitierten Autoren genannt –, stört nicht, denn die große Leistung besteht in der schlüssigen Zusammenschau. In seltener Klarheit zeigt sich auf diese Weise, wie tief sich das „alternative Denken“ in der Gesellschaft festgesetzt hat.

          Pia Lamberty und Katharina Nocun: „Gefährlicher Glaube“. Die radikale Gedankenwelt der Esoterik.
          Pia Lamberty und Katharina Nocun: „Gefährlicher Glaube“. Die radikale Gedankenwelt der Esoterik. : Bild: Quadriga Verlag

          Die sozialgeschichtliche Bedeutung dieser Einsicht lässt sich so besser erahnen als in reinen Zahlen, die Lamberty und Nocun natürlich auch kennen. So hat die jüngste Leipziger „Autoritarismus-Studie“ (2020) ergeben, dass etwa ein Drittel der Deutschen glaubt, Glücksbringer oder Sternzeichen hätten „wahrscheinlich“ oder sogar „sicher“ einen Einfluss auf unser Leben.

          Was im Falle von Horoskopen oder der Angst vor Barcodes (die bis heute, so ergibt ein kleiner Praxistest, von manchen Biowaren-Anbietern „entstört“ werden) harmlos wirkt, werde schnell gefährlich, wenn Menschen, zumal solche in psychischen Notsituationen, sich auf eine geschlossene, jede Selbstkritik ausblendende Weltanschauung einlassen, in deren Wirkungskreis sie sich immer weiter von der Logik und Realität entfernen und nicht selten Freunde, Vermögen und im Ex­trem­fall ihre Gesundheit verlieren.

          „Wer Globuli sät, wird Impfgegnertum ernten“

          Besonders ausführlich betrachtet das Buch das Gebaren der alternativen Medizin, etwa die windigen Verfahren selbst ernannter Heilpraktiker. Die Autorinnen führen aus, wie alt der Affekt gegen die „Schulmedizin“ ist und im Nationalsozialismus antisemitisch aufgeladen wurde, rekapitulieren die lange Schlacht um die Homöopathie („Die Vorstellungen Hahnemanns widersprechen diversen Naturgesetzen“) und widerlegen das Argument, eine begleitende spirituelle Therapie könne nicht schaden.

          Allzu oft werde Patienten in der esoterischen ‚Medizin‘ nämlich eingeredet, sie selbst seien an ihrer Erkrankung schuld, weil das Außen immer ein Spiegel des Innen sei (ganz so, wie Hochwasseropfer auf einer spirituellen Website zu hören bekommen, sie seien nur betroffen, weil sie die „weibliche Energie“ in sich blockiert hätten). Kriminell wird es, wenn man Schwerkranken zugunsten wirkungslosen Hokuspokus von einer echten Therapie abrät. Die Autorinnen führen hier Fälle rund um die „Germanische Neue Medizin“ an, eine „esoterische Pseudo-Heilslehre“, die von dem deutschen Arzt Ryke Geerd Hamer erfunden wurde.

          Für diesen Fokus auf die ‚heilende Esoterik‘ gibt es einen guten, aktuellen Grund, denn den Hallraum dieser Untersuchung bildet die im Pandemieumfeld geradezu explodierte Querdenkerei. „Wer Globuli sät, wird Impfgegnertum ernten“, zitieren die Autorinnen die Homöopathiekritikerin Natalie Grams-Nobmann und zeigen, wie verbreitet Impfskepsis bereits unter den Nationalsozialisten war. Das führt zur zweiten argumentativen Großlinie des Buchs, der bedrohlichen Wahlverwandtschaft zwischen esoterischem und völkischem Denken, die nicht nur im Antifeminismus zusammenfinden: „Ein esoterischer Sozialdarwinismus, der Hang zu Verschwörungserzählungen und ein antimodernes Weltbild können in Kombination mit der Sehnsucht nach autoritären Führern und einer Selbstüberhöhung zu Türöffnern für rechtsextreme Mobilisierung werden.“ Diese Gefahr sei lange unterschätzt worden. Und tatsächlich vermischten sich ja die Milieus zuletzt immer stärker, wie sich nicht nur am Büffelhorn-Schamanen unter den Erstürmern des Kapitols zeigt.

          So locker dieses Buch geschrieben ist, es erweist sich als formidables Vademecum gegen eine immer schamloser um sich greifende Wissenschaftsskepsis, die die Gesellschaft gerade angesichts der auf sie zu rollenden Krisen noch teuer zu stehen kommen könnte.

          Pia Lamberty und Katharina Nocun: „Gefährlicher Glaube“. Die radikale Gedankenwelt der Esoterik. Quadriga Verlag, Köln 2022. 303 S., geb., 22,– €.

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