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: Es kann immer noch schlimmer kommen

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Aus dem Busfenster besichtigt Rashid das weite, fast menschenleere Land. Er fährt mit dem Onkel nach Iskenderun, eine Hafenstadt tief im Südosten der Türkei, wo die Großeltern leben, deren einer Sohn, Rashids Vater, aus Beirut nach Berlin floh. Der andere Teil der arabischen Kurdenfamilie zog in die Türkei.

          Aus dem Busfenster besichtigt Rashid das weite, fast menschenleere Land. Er fährt mit dem Onkel nach Iskenderun, eine Hafenstadt tief im Südosten der Türkei, wo die Großeltern leben, deren einer Sohn, Rashids Vater, aus Beirut nach Berlin floh. Der andere Teil der arabischen Kurdenfamilie zog in die Türkei. Rashid versteht kein Türkisch, dem Arabisch des Onkels kann er nur mühsam folgen, Deutsch spricht hier kaum jemand mehr. Er fährt durch ein fremdes Land. Das einzige, was ihm vertraut vorkommt, sind die kleinen Dörfer, die sie durchqueren, mit Männern, die vor Teestuben hocken und Wasserpfeife rauchen, wie zu Hause, in Berlin-Neukölln.

          Dem Familiensinn seines Großvaters hatte Rashid diese Abschiebung nach verbüßter Haft zu verdanken. Der Großvater ließ ihn und seine Geschwister ins türkische Familienregister eintragen, als er Staatsbürger seines Gastlandes wurde. Die Berliner Familie ist sogar erleichtert, den Sohn loszuwerden, der eine Schande ist und für den man im Viertel keine Braut mehr fände. Die Familie des vom Vater ausgesuchten Mädchens im Libanon hat den Brautpreis auf 30 000 Euro erhöht, seit sie erfuhr, dass Rashid drogensüchtig ist. Mit Drogen handelt man, die nimmt man nicht. Dass Rashid ein Zuhältergehilfe, ein Räuber, Schläger, Vergewaltiger und Dieb ist, das alles ist zwar schlimm. Aber die Drogen machen ehrlos, nicht nur ihn, sondern die ganze Familie.

          Das kurze, erschütternd tragische Leben des libanesischen Flüchtlingsjungen Rashid beginnt in Berlin-Neukölln, im "Araberhaus" in der Kopfstraße, das jeder im Viertel so nennt, weil dort die palästinensischen und libanesischen Kriegsflüchtlinge leben. Es ist ein Ort, der in der offiziellen Topographie der Stadt nicht vorkommt, eine Enklave mit rechtsfreien Räumen, in der allerhand Geschäfte - auch mit minderjährigen Bräuten - abgewickelt werden, für die es keinen Gewerbeschein gibt. Man lebt nach archaischen Traditionen, deren Folgen draußen, in der Stadt, lange ignoriert werden. Die Stadt beginnt das alles erst zur Kenntnis zu nehmen, als es für viele der Kinder, vor allem der Jungen, die im Araberhaus und später im Neuköllner Rollbergviertel aufwachsen, bereits zu spät ist.

          Für Rashid zum Beispiel, dessen Schulkarriere eine Aneinanderreihung von Katastrophen ist, dessen verborgene Intelligenz sich in einer kriminellen Karriere erschöpft, die noch in Kindertagen beginnt und die zu unterbrechen es anderer Interventionen bedurft hätte, als sie der fürsorgliche Staat in Verkennung der Realität vorsah. Rashid ist einer der jungen Intensivtäter, über deren Taten die Zeitungen inzwischen durchaus berichten. Über ihr Leben, ihre unsichtbaren Eltern, ihre Erziehung ohne Liebe, dafür mit umso mehr Prügel und nach kruden Ehrbegriffen aber dringt kaum etwas in die Öffentlichkeit. Sie sind, wie ihre Familien, Bewohner einer unbekannten Insel, mitten unter uns.

          Diese Parallelwelt leuchtet Güner Yasemin Balci mit ihrem ersten Buch aus; es ist ein harter Tatsachenbericht aus dem Inneren der Misere. Sie erzählt lakonisch und präzise, mit viel Emphatie für ihre Protagonisten, was sie genau kennt. Wer sich darauf einlässt, begreift, warum diese verlorenen Söhne und Töchter kaum zu einer Vorstellung davon gelangen können, wie ein anderes, ein selbstverantwortetes Leben zu erringen wäre. Balcis Geschichten spielen auf der Hinterbühne unserer Gesellschaft, die sich ja durchaus müht, Angebote zu machen. Sprachförderung, Chancengleichheit, Aufstieg durch Bildung - wenn man diese wie ein Mantra wiederholten Begriffe der Diskussionen um Integration mit dem Alltag vergleicht, den Balci beschreibt, wird nur deutlich, warum sie dort kaum Spuren hinterlassen.

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