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: Es ist schwer, den Menschen ganz abzulegen

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Der große Gegenwartsroman, von dem es immer heißt, keiner warte mehr auf ihn, ist nun überraschend als ein Sachbuch erschienen. Michael Hagners Buch "Geniale Gehirne" kommt als ein Geschichtsbuch daher, als ein Buch über diese und jene Entgleisung in der zweihundertjährigen Geschichte der Hirnforschung. Aber ...

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          Der große Gegenwartsroman, von dem es immer heißt, keiner warte mehr auf ihn, ist nun überraschend als ein Sachbuch erschienen. Michael Hagners Buch "Geniale Gehirne" kommt als ein Geschichtsbuch daher, als ein Buch über diese und jene Entgleisung in der zweihundertjährigen Geschichte der Hirnforschung. Aber Hagners eigentliches Thema ist ein zentrales Thema unserer Gegenwart: der falsch vermessene Mensch, wie ein früher Bestseller Stephen Jay Goulds heißt. Es geht um den Betrug, den die Wissenschaft an der Lebenswelt immer dann verübt, wenn sie ihren Erklärungsanspruch überzieht und keck behauptet, zum Herzen aller Dinge vorgestoßen zu sein, zum Kern unseres Selbstverständnisses. Hagners Frage lautet: Wie meistern wir die Naturalisierung des Selbst, ohne Schaden zu nehmen an unserer Kultur? Jenseits einer vordergründigen Ideologiekritik will er wissen: Was sind die außerwissenschaftlichen Faktoren, durch die Wissenschaft ihr Wissen gewinnt?

          Sechs Jahre lang war Hagner am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin tätig, bevor er im vergangenen Jahr eine Professur für Wissenschaftsforschung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich annahm. Damit verfügt er über einen hervorragend ausgestatteten Lehrstuhl, wie es ihn für die Wissenschaftsgeschichte im deutschsprachigen Raum kein zweites Mal gibt. Daß Wissenschaftsgeschichte an den Universitäten normalerweise ein Schattendasein führt, ist für Hagner bereits ein Symptom dafür, daß die Naturwissenschaften ihre Außendarstellung am liebsten noch immer selbst bestimmen würden.

          Dem liege die verfehlte Vorstellung zugrunde, Naturwissenschaftler seien mit einer abstrakten Natur verbunden, die als robustes Wissen hervortritt, sobald die kulturellen Hüllen fallen. In Wirklichkeit stehen sich Natur und Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft aber nicht gegenüber, sondern gehen in jedem Forschungsprojekt eine Wechselwirkung ein. Das Genomprojekt etwa ist nur zu verstehen als ein komplexes Gebilde aus molekularbiologischen, computertechnologischen, ökonomischen und sozialen Elementen. Deren Zusammenwirken herauszuarbeiten ist aber, so hält ein energischer Hagner fest, nicht Aufgabe der Molekularbiologen, sondern der Wissenschaftsforscher.

          Daß sich neben bedeutenden Wissenschaftshistorikern wie Bruno Latour, Ian Hacking oder Lorraine Daston demnächst auch Michael Hagner einen Namen erwerben würde, zeichnete sich bereits 1997 ab. Damals legte Hagner das Buch "Homo cerebralis - Der Wandel vom Seelenorgan zum Gehirn" vor, ein Werk, das durch die neue Studie über "Geniale Gehirne" jetzt seinen Abschluß findet. Sie ist eine philosophisch angeleitete, methodisch ausgefeilte Geschichte einer Disziplin, die heute von der Neuro-Didaktik über die Neuro-Theologie bis zur Neuro-Ökonomie die Deutungshoheit über unser Denken, Fühlen, Handeln erstrebt.

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