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: Es häselt, und der Zug ist verspätet

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Helmut Schmidt hatte seinen Hausphilosophen: Karl R. Popper. Gerhard Schröder könnte seinen in Willard Van Orman Quine finden. Der eignet sich wie kein zweiter zum Schutzpatron der Agenda 2010. Durch strenge Maßhalteappelle. So sollen wir "unseren . . . Gürtel um einige Löcher enger schnallen", und niemand soll "über seine Verhältnisse leben".

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          Helmut Schmidt hatte seinen Hausphilosophen: Karl R. Popper. Gerhard Schröder könnte seinen in Willard Van Orman Quine finden. Der eignet sich wie kein zweiter zum Schutzpatron der Agenda 2010. Durch strenge Maßhalteappelle. So sollen wir "unseren . . . Gürtel um einige Löcher enger schnallen", und niemand soll "über seine Verhältnisse leben". Seine geforderten "Entsagungsleistungen" gelten zwar zuvörderst einer aufgeblähten Ontologie, müssen aber auch Politiker nicht hindern, sich auf den Schlankmacher zu berufen, auf seinen Sparkurs, wonach nur erlaubt ist, was man zum Leben braucht. In der Philosophie und anderswo.

          Die von H. G. Callaway erstmals ins Deutsche übersetzten "Immanuel Kant Lectures" von Quine - bislang existiert nur eine italienische Fassung, das englische Original wurde nicht publiziert - sollen gleich doppelt "nützlich" sein. Als Einführung in Quines Philosophie und zugleich als deren Zusammenfassung. Letzteres eigens "für Spezialisten und für hartnäckige Studenten". So der Übersetzer. Der, damit nur ja nichts schiefgeht, seinerseits noch eine Einleitung zur Einführung und Zusammenfassung beisteuert. Das alles auf knapp hundertvierunddreißig Seiten, von denen auf Quines Text selbst rund hundert entfallen. Wer ihn erst kennenlernen möchte, wählt besser seine "Konzise Einleitung in die Theoretische Philosophie" mit dem Obertitel "Unterwegs zur Wahrheit". Die in der Tat auch eine gelungene Zusammenfassung bietet und sich selbst in ihrer deutschen Fassung gut liest. Was für die "Kant Lectures" nur bedingt gilt. Noch schwächer ist die Einleitung. Zum Glück aber kann der Leser selbst hier noch mitbekommen, wie Quine gedacht hat. Kreativ ohnehin. Aber auch mit einer so nirgends anzutreffenden pfiffigen Nonchalance und heiter-gelassenen Souveränität. Einen Stolperstein zu bemerken, dies eigens als besonders wichtig zu betonen, ihn dann aber nicht etwa aus dem Wege zu räumen, sondern ihm elegant aus dem Wege zu gehen, auch das ist eine Art von Pragmatismus. Tupfgenau auf Quine selbst paßt deshalb, was er einst über einen Linguisten sagte: "Wer alles bedenkt, bringt es zu nichts."

          Wer aber denkt, was die anderen nicht bedenken, bringt es am Ende recht weit. Wie Quine. Zu seinen lebenslang gedachten Fragen gehören die vertrackten Probleme der Referenz. Und Quine-Kenner denken dabei sofort: "Gavagai". So jedenfalls nennen die Eingeborenen eines gerade auch linguistisch noch fremden Stammes ein Tier, das wir als Hasen kennen. Wie aber, falls die Fremden, anders als es unsere vergegenständlichte Sprache suggeriert, mit "Gavagai" gerade nicht auf einen Hasen referieren, sondern nichts anderes damit sagen als "es häselt". Ähnlich, wie wir in anderen Fällen davon sprechen, daß "es nieselt". Da hilft es gar nichts, mit Tucholsky zu stöhnen: "Meine Probleme möchte ich haben." Sie quälen uns wirklich. Spätestens dann, wenn es um den Gebrauch mentalistischer Terme geht.

          Die läßt der auf den Physikalismus eingeschworene Quine dennoch großzügig gelten. Fordert indessen ausdrücklich bereits in der ersten seiner insgesamt vier 1980 gehaltenen "Kant Lectures" "ein gutes Maß an behavioristischer Disziplin, um diese Terme unter Kontrolle zu halten". Das aber muß sein, wenn wir zum Beispiel sicher sein wollen, ob die von einem anderen behaupteten Überzeugungen denn auch "echt" sind. Dabei sind sogar Zweifel erlaubt, ob wir wenigstens uns selbst trauen dürfen, wenn es um die eigenen Überzeugungen geht. Gibt es sie als psychische Daten, die man in sich finden könnte? Tugendhat hat einmal, von seinen Studenten zur Introspektion aufgefordert, mit gekonnter Naivität gekontert: "Also ich für meinen Teil kann da gar nichts sehen." Offenkundig bedarf auch ein "angenommener mentaler Zustand oder ein mentales Ereignis" äußerer Kriterien.

          Deshalb Quines Empfehlung, solche mentalistischen Terme zu "bevorzugen . . ., die häufiger einen behavioralen Beweis zulassen". Wie, wenn nicht durch das Benehmen anderer und unser eigenes sollten wir sie auch erlernen. Insoweit hilft selbst der von Quine propagierte Physikalismus für sich allein nicht weiter, denn: "Die neuralen Einzelheiten bleiben weitgehend unbekannt." Wir tummeln uns deshalb nicht auf seelischen Spielwiesen, sondern munter im Freien. Dort lernen wir Beobachtungssätze durch Ostension. Was freilich komplizierter ist, als es sich anhört. Erst recht, wenn wir "Beobachtungssätze aus Beobachtungssätzen erzeugen". Und später theoretische Sätze. Nur: Der jedem Mehdorngeschädigten vertraute Satz "Der Zug hat Verspätung" ist niemals das Ergebnis reiner Beobachtung, verlangt vielmehr die "Beherrschung (eines) ausgeklügelten Diskurses". Und das ist nur der Anfang eines langen Aufstiegs, an dessen Ende so etwas steht wie eine Großtheorie.

          Auf einigen Schritten dorthin nimmt Quine den Leser mit. Fürwahr kein leichter Spaziergang. Zumal der Autor mit der spannendsten aller Fragen bis zum Schluß zurückhält. So lautet die letzte Vorlesung entwaffnend naiv: "Worum geht es eigentlich?" Hier zeigt sich noch einmal der Pragmatiker Quine, wenn er rät: ". . . wir sollen die Probleme von morgen für morgen lassen." Eines wird uns freilich immer je nachdem plagen oder erfreuen. Denn das Gesamt der Sätze, der Beobachtungssätze und der durch sie implizierten theoretischen Sätze bilden "ein verwirrendes Netzwerk, und natürlich ist es niemals genau untersucht worden". Zumindest nicht genauer als von Quine.

          WALTER GRASNICK

          Willard Van Orman Quine: "Wissenschaft und Empfindung". Die Immanuel Kant Lectures. Übersetzt und eingeleitet von H. G. Callaway. Verlag Fromann-Holzboog, Stuttgart 2003. 134 S., br., 25,- [Euro].

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