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: Es grünt so grün ...

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Wie isset nur immer möglich?" läßt Walter Kempowski in "Tadellöser und Wolf" die Mutter unentwegt jammern. Sie ist eine tapfere Frau, erträgt Hunger und langjährige Haft in DDR-Gefängnissen, aber kann irgendwie das Böse in der Welt nicht begreifen. Wie isset nur immer möglich - das scheint sich auch Claudia ...

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          Wie isset nur immer möglich?" läßt Walter Kempowski in "Tadellöser und Wolf" die Mutter unentwegt jammern. Sie ist eine tapfere Frau, erträgt Hunger und langjährige Haft in DDR-Gefängnissen, aber kann irgendwie das Böse in der Welt nicht begreifen. Wie isset nur immer möglich - das scheint sich auch Claudia Roth häufig zu fragen, sieht man ihre großen Kulleraugen bei zahlreichen Fernsehauftritten. Wie kann die Welt nur so böse sein, wo wir doch alle das Gute wollen? Die Grünen-Politikerin polarisiert mit dieser Haltung ganz außerordentlich: Zum einen findet sie begeisterte Anhänger, zum anderen erntet sie oft Kopfschütteln wegen vermeintlicher Naivität.

          Man sollte sie nicht unterschätzen. Wer es zweimal geschafft hat, Vorsitzende einer so heterogenen Partei wie die Grünen zu werden, in der Fundis und Realos in ständiger Auseinandersetzung leben, der muß schon aus hartem Holz geschnitzt sein. Frau Roth ist grünes Urgestein, und ihr jüngstes Buch mit dem bezeichnenden Untertitel "Erinnerungen für die Zukunft" zeigt, daß sie das auch bleiben will. 1955 in Ulm geboren, wuchs sie in der bayrisch-schwäbischen Provinz auf - und ein liberales Elternhaus trug wohl dazu bei, daß sie schon früh mit ihren Ansichten zu Politik und Gesellschaft eine Außenseiterin wurde. Sie geriet in die Nachwehen der 68er Jahre, studierte in München, lebte in WGs und akzeptierte dabei gern, eine "Spontifrau" zu sein. Am Dortmunder Theater arbeitete sie ab 1975 als Dramaturgieassistentin, um dann für mehrere Jahre tief in der norddeutschen Provinz Managerin der Rockband "Ton-Steine-Scherben" zu werden. 1985 wurde sie Pressesprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, vier Jahre später kam sie für die Grünen ins Europa-Parlament. Seit 1998 ist sie Mitglied des Bundestages, in den letzten Jahren von Rot-Grün war sie Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechte und humanitäre Hilfe.

          Die Autobiographie reicht für das erste Drittel des Buches. Danach plädiert sie mit Verve für großzügige Einwandererregelungen und für unbedingtes Asylrecht, setzt sich vehement für einen EU-Beitritt der Türkei ein, sieht Deutschland aufgrund seiner Vergangenheit heute in einer "Vorreiterrolle" bei der Durchsetzung von Menschenrechten weltweit, wünscht einen gleichberechtigten, von Toleranz und Geduld bestimmten Dialog mit dem Islam, verdammt den Irak-Krieg in Grund und Boden, ebenso natürlich alle Bemühungen, durch die Hintertür doch wieder die Atomtechnik zur Sicherung der Energieversorgung einzusetzen. Das Buch wirkt ungemein lebendig, weil die Autorin durchweg im Ich-Ton erzählt und ihre Thesen durch zahllose persönliche Erlebnisse, teils deprimierend, teils ermutigend, untermauert. Aus linker und grüner Position verficht sie das Ziel einer "multikulturellen Demokratie". Sie sieht Erfolge in der Menschenrechtspolitik, freut sich, daß gleichgeschlechtliche Liebe nicht mehr kriminalisiert wird und daß gegen den zähen Widerstand der Industrie schärfere Umweltbestimmungen erlassen wurden. Politik, so ihr Credo, bleibt nur glaubwürdig, solange man selbst als Person glaubwürdig bleibt. Das nimmt sie ganz für sich in Anspruch. Auf Familie und Kinder habe sie verzichtet, weil sie gemerkt habe, daß man dann nicht mehr das für die Politik erforderliche Engagement aufbringen könne.

          So wurde Politik und Privates für sie mehr und mehr eins. Die Unbedingtheit, die sie sich abverlangt, wird zur Elle des Maßstabs auch an andere. Wohl von daher erklärt sich die polemische, ja böse Haltung gegenüber den Unionsparteien und der FDP. Da erleben wir "scheinchristliche Politiker wie CSU-Chef Stoiber, die bei jeder Muslimhatz dabei sind"; da wollen Merz und Kollegen den vielfältigen Formen der Alltagskultur eine deutsche Leitkultur "aufzwingen"; da fühlen sich Wirtschaftsliberale vor allem "der Würde der Tresore" verpflichtet, insbesondere die "neoliberale, merkantil-kapitalistische FDP". Der Union wird ein "letztlich völkischer Familienbegriff" unterstellt; Otto Schily habe bewiesen, daß er "zu Recht" nicht mehr bei den Grünen ist, und "waschechte Reaktionäre wie Koch und Stoiber" stehen immer wieder einem modernen Einwanderungs- und Flüchtlingsrecht im Wege.

          Starker Tobak, der zeigt, wofür dieses Buch vielleicht am deutlichsten steht: Es ist - in der Person Claudia Roth - so etwas wie eine Sozialgeschichte der Grünen. Einen ähnlichen Lebenslauf kennen wir von Fischer und Trittin: In jungen Jahren stand man in schroffem Gegensatz zu Staat und Gesellschaft. Dann begann der lange, gar nicht einmal allzu hindernisreiche Marsch durch die Institutionen bis an die Schalthebel der Macht, ohne daß man seinen Grundprinzipien untreu wurde. Daraus rührt wohl bis heute die Polarisierung, die die Grünen nach wie vor hervorrufen (und schwarz-grüne Koalitionen auf Landes- oder gar Bundesebene wohl noch lange undenkbar erscheinen lassen).

          Auch wenn man mit vielen Aussagen Roths nicht übereinstimmt, insbesondere bedauert, daß den gutgemeinten Allgemeinplätzen meist zu wenig konkrete Details folgen, mag man der Courage, Privates als Politik und Politik als Privates zu leben, seinen Respekt nicht versagen.

          Claudia Roth: Das Politische ist privat. Erinnerungen für die Zukunft. Aufbau-Verlag, Berlin 2006. 275 S., 19,90 [Euro].

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