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Neue Käthe-Kollwitz-Biographie : Ein Engel für Bert Brecht

  • -Aktualisiert am

Käthe Kollwitz, damals noch Käthe Schmidt, um 1889 in der Münchner Damen-Akademie Bild: Münchner Stadtmuseum

Liebesgewaltig und allen Konflikten gewachsen: Die erste umfassende Biographie der Malerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz hinterfragt ihre häufig verklärte Mütterlichkeit.

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          Dunkle Augen von einer seltsamen Kraft. Schlichte Gewänder, unkonventionell, in Grau, Schwarz, Natur (handgewebt aus ungebleichter Wolle). Auch wenn sie sich „still auf ihren Platz in der Mitte des Saales setzte“, so eine zeitgenössische Schilderung, „war sie in einer merkwürdigen Weise in ganz kurzer Zeit der eigentliche Mittelpunkt der ganzen Gesellschaft, die sich in fast magischem Kreis um sie herum gruppierte“. Vermutlich wusste sie um ihre Wirkung; mehr als hundert Selbstbildnisse sind überliefert. Ernst Barlach hat seinem Ehrenmal für die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs, dem schwebenden Engel des Güstrower Doms, ihre Gesichtszüge gegeben. Und Brecht, im Religiösen eher fremdelnd, bekannte, „überwältigt“ zu sein, zeige der doch „das Gesicht der unvergesslichen Käthe Kollwitz. Solche Engel gefallen mir.“

          Yury und Sonya Winterberg haben eine erste umfassende Biographie von Käthe Kollwitz (geboren 1867 in Königsberg, gestorben 1945 in Moritzburg bei Dresden) vorgelegt. Neben minutiösen Archivrecherchen konnten sie mit den drei überlebenden Enkeln sprechen. Auf einem Dachboden entdeckten sie bislang unbekannte Handzeichnungen und das vermutlich früheste Selbstporträt der Künstlerin als junger Frau. Es ist in diesem schön gestalteten, materialreichen Band wiedergegeben.

          Die Prosa braucht einen längeren Atem

          Neben die ernste, priesterhafte Gestalterin („Ihre schweigenden Linien dringen ins Mark wie ein Schmerzensschrei“, Gerhart Hauptmann) tritt eine durchsetzungsfähige Frau: lebenshungrig, sinnlich, sich unerschrocken zur Bisexualität bekennend. Und ahnbar wird, wie hinter dem bestaunten „Wunder einer großen Mütterlichkeit“ (Werner Held) ihre ans Missbräuchliche grenzende Liebesgewalt tritt, die das Leben ihrer Söhne prägte.

          Fotografie von Käthe Kollwitz um 1925
          Fotografie von Käthe Kollwitz um 1925 : Bild: Picture-Alliance

          Die Biographie der Winterbergs arbeitet mit Überblendungstechniken des Films, die die Chronologie unterlaufen. Doch anders als der Film braucht die Prosa einen längeren Atem, um dokumentarische Erlebnisqualität zu vermitteln. Großzügig zitieren die Autoren aus Briefen und Tagebüchern und zeigen, dass Kollwitz neben Ernst Jünger die literarische Chronistin des Ersten Weltkriegs war. Doch manchmal hätte man gerne unmittelbarer gewusst, wo man gerade ist.

          Irritationen im Nachvollzug von Entwicklungen und Beziehungen

          So beginnt die Biographie mit „Notturno I“, den Jahren 1937 bis 1943, als sich die siebzigjährige Kollwitz aus dem verdunkelten Berlin der „Luftschutzwochen“ in das Haus der Bildhauerin Margarete Böning nach Nordhausen in Thüringen rettet. Danach führen drei Kapitel zurück, zunächst in die mit der Lieblingsschwester durchstromerte Kinderzeit auf die Insel Lomse, „zwischen zwei Armen des Pregel, der hinter Königsberg ins Frische Haff mündet“. Unsichere Ausbildungsjahre. Käthe wird vom Vater unterstützt, darf in Königsberg, dann in Berlin lernen, wird nach Königsberg zurückgerufen. Ständig muss sie darum bangen, wie lange der Vater noch an sie glaubt und bezahlt.

          Sie genießt die wilde Zeit der „Malweiber“ in der Münchner Boheme, kommt bis nach Paris (1904), wo sie die Halbwelt in den Hallen skizziert, auf dem Montmartre unter Prostituierten tanzt und den alten Rodin kennenlernt. Kollwitz ist um diese Zeit bereits Mutter von zwei Söhnen und seit ihrer bahnbrechenden graphischen Serie „Ein Weberaufstand“ (gezeigt bei der Großen Berliner Kunstausstellung 1898) berühmt. Wenn nun das nächste Kapitel wieder 1891 in Berlin einsetzt, wo Käthe Schmidt ihren Jugendfreund Karl Kollwitz heiratet, ergeben sich Irritationen im Nachvollzug von Entwicklungen und Beziehungen. Doch im Fortlauf des mit stilistischem Takt geschriebenen Buches wird die Orientierung leichter. (Für die nächste Auflage wünschen wir uns eine schlichte Zeittafel im Anhang.)

          Geburt, Tod, Eros

          Das Rückgrat des Buchs ist das Kapitel „Begeisterung. Heldentod“. Der achtzehnjährige Sohn Peter, der sich - antibürgerlich wandervogelgeprägt - als Freiwilliger zum Krieg melden will, braucht die Erlaubnis des Vaters. Käthes Mann, ein herzensguter Arzt und dienender Ehegatte, möchte sie auf keinen Fall geben. Schließlich wendet sich der Sohn an die ebenfalls anwesende Mutter: „Mutter, als du mich umarmtest, sagtest du: glaube nicht, dass ich feige bin, wir sind bereit.“ Kollwitz erzählt diese Szene mit Stolz; der arme Vater wird überredet. Wenige Wochen später fällt der Junge in Flandern. Für sie eine „Hingabe“, von der sie sich eine läuternde, längst erwartete Erfrischung ihres Schaffens verspricht. Schmerz ist Kreativität. Siebzehn Jahre wird sie am Denkmal des Sohnes arbeiten, als Kommunion mit dem Toten: „Es ist ein wundervolles Ziel.“ Anfänglich denkt sie an einen Jünglingsakt und imaginiert: „Aus dem feuchten Ton sprießen kleine Keime - aus seinem Zeugungsteil.“

          Touristen an der Skulptur „Mutter mit totem Sohn“ von Käthe Kollwitz. Die Skulptur an der Neuen Wache in Berlin ist Teil der Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.
          Touristen an der Skulptur „Mutter mit totem Sohn“ von Käthe Kollwitz. Die Skulptur an der Neuen Wache in Berlin ist Teil der Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. : Bild: dapd

          Der Themenkomplex Geburt-Tod-Eros beschäftigte die Künstlerin, die an der Seite einer um drei Kinder trauernden Mutter aufwuchs, lange vor Peters Tod. 1903 arbeitet sie an einer ersten Version von „Mutter mit totem Kind“. Sie zeichnet sich selbst, ihren siebenjährigen Peter im Arm haltend, vor dem Spiegel. Beide sind nackt. „Das war sehr anstrengend, und ich musste stöhnen. Da sagte sein Kinderstimmchen tröstend: Sei man still, Mutter, es wird auch sehr schön.“ Eine Freundin kommentierte das verstörende Ergebnis: „Eine Mutter, tierhaft, nackt, den lichtfarbenen Leib ihres toten Kindes zwischen Schenkeln und Armen, sucht mit den Augen, mit den Lippen, mit dem Atem das entwichene Leben wieder in sich zurückzuschlingen, das einstmals ihrem Schoße angehörte.“

          Eine sozial engagierte Künstlerin

          Yury und Sonya Winterberg erwähnen diese Szene nicht, wohl aber, wie Kollwitz 1910 an einer plastischen Version mit Modellen arbeitete: „Dem Jungen gefiel es sehr wohl bei ihrer Nacktheit, wie ein kleines Tier, wie ein Faunchen benahm er sich mit ihr. Und sie auch voll animalischer gutmütiger Lust.“ Nach dem Tod von Peter träumt sie, schwanger zu sein und bei der Geburt zu sterben. Das Kind würde Peter heißen. Im letzten Moment wird sie verhindern, dass ihr Sohn Hans mit seiner Freundin zu einem Abtreibungstermin fährt. Das Paar heiratet. Sie bittet Hans, das Kind, sollte es ein Junge sein, Peter zu taufen. Hans versucht, sich zu wehren; er möchte das nicht. Ihr Enkel Peter fällt im Zweiten Weltkrieg.

          Käthe Kollwitz am Modell ihrer 1937 vollendeten „Großen Muttergruppe“
          Käthe Kollwitz am Modell ihrer 1937 vollendeten „Großen Muttergruppe“ : Bild: Nachlass

          Käthe Kollwitz wird als sozial engagierte Künstlerin betrachtet. Ihre agitierenden Plakate waren Auftragsarbeiten, oft klagte sie, mit ihnen wieder in die Politik hineingezogen worden zu sein. Als Tochter, Schwester und Frau von überzeugten Sozialdemokraten handelte sie im Familienbund; 1933 hat sie riskante Aufrufe zum Zusammenschluss der Linken gegen die Nationalsozialisten unterschrieben. Sie blieb bürgerlich, patriotisch, auch wenn sie spät - „Saatgut soll nicht vermahlen werden“ - Mühe hatte, an den Opfertod der Kinder im Krieg zu glauben. Am Ende kommandierte sie auf dem Landsitz eines Adligen bei Dresden mit einer Trillerpfeife ihre junge Pflegerin, die später als Dr. Jutta Bohnke-Kollwitz die Tagebücher ihrer Großmutter herausgeben sollte.

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          Unser Autor: Martin Benninghoff

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