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: Erst mal hinsetzen und gar nichts tun

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Keine Angst! In diesem Buch geht es nicht um die Bekenntnisse einer wieder fromm gewordenen Seele. Gewiss, man kann mit der persönlichen Geschichte der Verfasserin ein bisschen Trommelwirbel machen: Andrea Fischer, prominente Grüne, Mitglied des Deutschen Bundestags, Bundesministerin für Gesundheit von 1998 bis 2001 (Rücktritt wg.

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          Keine Angst! In diesem Buch geht es nicht um die Bekenntnisse einer wieder fromm gewordenen Seele. Gewiss, man kann mit der persönlichen Geschichte der Verfasserin ein bisschen Trommelwirbel machen: Andrea Fischer, prominente Grüne, Mitglied des Deutschen Bundestags, Bundesministerin für Gesundheit von 1998 bis 2001 (Rücktritt wg. BSE), seitdem Tätigkeit in Wirtschaft und Journalismus. Dass so jemand wie sie nach dem milieuüblichen Kirchenaustritt wieder zur katholischen Kirche zurückkehrt und dann noch ein Buch über Religion schreibt, ist schon eine Schlagzeile wert.

          Aber das Buch will keine spirituelle Autobiographie sein, und es gehört auch nicht zur Sorte der kirchennahen Broschüren unter der Überschrift "Kein Scherz - ich bin noch Katholik". Auf ihren Weg zurück zur Kirche geht die Autorin eingangs kurz ein - auf die Parteipolitik gar nicht. Sie macht ihre Motivationen klar. Sie ist subjektiv, ohne konfessorisch zu sein. Sie vertritt Positionen, ohne zu missionieren. Und sie hat weiterhin Kritik an ihrer Kirche, besonders an deren Haltung zur Empfängnisverhütung und zur Homosexualität. Johannes Paul II. wird gelegentlich zustimmend zitiert, dazu wiederholt Benedikts XVI. Besuch in der Türkei in seiner Ambivalenz herangezogen.

          Es herrscht ein angenehm ruhiger Ton, der vorwiegend informieren will, wiederholt argumentiert und nur gelegentlich appelliert. Ich könnte mir denken, dass Andrea Fischers Art gerade beim jugendlichen Leser Vertrauen weckt, weil sie sich nicht anbiedert. Empathisch ihre Beschreibung des postmodernen Dilemmas: Viele Möglichkeiten, kaum Hilfen zur Entscheidung, die Qual der Wahl. Fischer empfiehlt Demut. Gelegentlich begegnen sachliche Schnitzer, etwa zur Entstehung der hebräischen Bibel ("4000 Jahre" sind doch ein bisschen hoch gegriffen) oder zur Privatbeichte in der evangelischen Kirche (kurz gesagt: Es gibt sie!). Aber es gibt religiöse Bestseller, die viel öfter falsch liegen als Andrea Fischer.

          Was für die Autorin die besondere Attraktivität des Katholizismus ausmacht, wird nur eben angedeutet: Die Tradition, in der man aufgewachsen ist, einzelne klare Positionen (wie in der Abtreibungsfrage oder in der Hochschätzung der Ehe), eine gewisse Bodenständigkeit. Dagegen, man hört das Bedauern, "sind Protestanten ziemlich karnevalsresistent". Es geht voran, möchte man als Protestant erwidern.

          Das Buch will aufklären, und es verfolgt damit eine erkennbare gesellschaftspolitische Absicht: Es will die großen Weltreligionen in ihrer Geschichte wie ihrer gegenwärtigen Praxis in Grundzügen vorstellen, um so Verstehen und Respekt hier und jetzt zu fördern. Es geht um den andersgläubigen Nachbarn. Gewiss ist Fischers Sicht auf die Welt und die Gesellschaft, auch ihre Hoffnung für ein friedliches Miteinander der Religionen und Menschen, nicht ohne eine Anmutung von dem, was man hierzulande oft viel zu schnell "Gutmenschentum" nennt. Aber naiv ist die Autorin darum nicht, und so findet sie in allen von ihr im Grundsatz wohlwollend beschriebenen Religionen nicht nur zu Befürwortendes; gelegentlich wird Kritik laut: am indischen Kastenwesen, an der Innenschau des Buddhismus, an Aspekten der Christentumsgeschichte, an manchem Umgang mit Frauen in den Religionen. Kein Zweifel: Die Menschenrechte und Demokratie stehen höher als die religiösen Regeln.

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