https://www.faz.net/-gr3-omo9

: Erst lesen, dann weinen

  • Aktualisiert am

In ihrer Münchner Dissertation widmet sich Julia Schreiner Phänomenen, die wir mittlerweile zur Nachtseite der Aufklärung zu zählen gewohnt sind: dem Selbstmord, der Hypochondrie, der Melancholie.

          4 Min.

          In ihrer Münchner Dissertation widmet sich Julia Schreiner Phänomenen, die wir mittlerweile zur Nachtseite der Aufklärung zu zählen gewohnt sind: dem Selbstmord, der Hypochondrie, der Melancholie. So gut erforscht das achtzehnte Jahrhundert bezüglich seiner schwarzen Züge auch scheint, so moniert die Autorin doch das Fehlen gründlicher Studien, die Querverbindungen zwischen ihnen aufzeigten. Ihre auf den deutschen Sprachraum bezogene, von Foucaults Diskursanalyse inspirierte Arbeit versteht sich als ein solcher Versuch. Nicht eine neue Großthese zum Epochenwandel "um 1800" will sie aufstellen, sondern der wechselseitigen Beeinflussung von Disziplinen und dem Bedeutungswandel althergebrachter Phänomene im Detail nachgehen. Eine solche interdisziplinäre Herangehensweise wandelt auf den verschlungenen Pfaden zwischen der sich rasch entwickelnden Medizin, Theologie, Philosophie, Jurisprudenz, Anthropologie und Diätetik und legt den Verzicht auf schematische Konfrontationen der Blöcke Vernunft und Wahn, Aufklärung und Theologie nahe.

          Schreiners spätes achtzehntes Jahrhundert präsentiert sich vornehmlich unter somatischen Vorzeichen. Das ist bemerkenswert, denn die Verfasserin gibt der "Erfahrungsseelenkunde", empfindsamer Romanlektüre, der Kultur des Gefühls und des Individuums, also dem ganzen Aufschwung von Psychologie, Seele und Selbstbeobachtung, breiten Raum. Doch läßt sie etwa die Melancholie als Modekrankheit des Zeitalters auffällig hinter der Hypochondrie zurücktreten. (Kenner der Melancholiegeschichte von "Saturn und Melancholie" bis Wolf Lepenies werden zu diesem speziellen Punkt hier wenig Neues finden.) Der Grund: Wurde die Melancholie bereits weitgehend als geistiges Phänomen verstanden, so umfaßte die Hypochondrie noch ein diffuses Bündel von Erklärungsmöglichkeiten, die von der alten Säftelehre über den Einfluß der Einbildungskraft bis hin zu der bedeutsamen Entdeckung des Nervensystems reichten. Sie war mithin anschlußfähiger für neue medizinische Theorien. Indem die Autorin diesen sich im letzten Jahrhundertdrittel enorm ausweitenden medizinischen und diätetischen Diskurs permanent mitlaufen läßt, kommt es zur Konzentration auf somatische Perspektiven.

          Beispielsweise wandelt sich der Zweck der Sektion von Hingerichteten und Selbstmördern: Nicht mehr strafende Entehrung durch die Versehrung des Körpers steht im Vordergrund, sondern die Suche nach körperlichen Anomalien, welche die sträfliche Handlung verursacht haben könnten. Gerichtsmediziner beginnen mitzureden, wenn es um den Gemütszustand des Toten geht, und drucken ihre Gutachten in Zeitschriften wie dem "Archiv der medicinischen Polizey und der gemeinnützigen Arzneikunde". Daß der anatomischen Publizität durchaus auch eine sensationslüsterne Neugier entsprach, belegen nicht nur die "sieben Geribbe von so viel kleinen Kindern, welche allerhand zur Music gehörige Instrumente in Händen haben", die nach einem Verzeichnis von 1750 im "Anatomischen Theater" in Berlin zu sehen waren.

          Vielfältig belegt die Untersuchung die Mehrdeutigkeit der historischen Bemühungen, Geistiges auf körperliche Grundlagen zurückzuführen. Eine boomende Diätetik etwa hielt die Menschen an, auf gesunde, lebensverlängernde Lebensführung zu achten, nachdem immer mehr Krankheiten mit körperlichen Ursachen korreliert werden konnten und nicht mehr als Schicksalsschläge oder göttliche Strafe hingenommen werden mußten. Doch förderte und forderte sie nun die Verantwortung des einzelnen für seine Gesundheit, für die Orientierung an neu aufgestellten Normen. So wurden die Kranken zu pathologischen Fällen und die Gesunden unter medizinische Dauer(selbst)beobachtung gestellt. Die moralische Bewertung von Krankheit und abweichendem Verhalten hörte also nicht auf, sie entglitt nur der Zuständigkeit der Theologen.

          Weitere Themen

          Klima-Kunst am Strand Video-Seite öffnen

          Mega-Stau in Miami : Klima-Kunst am Strand

          Kurz vor dem Start der Kunstmesse Art Basel in Miami hat der argentinische Künstler Leandro Erlich am Strand einen Stau mit Autos aus Sand nachgebildet. Damit will er auf das Thema Kimawandel aufmerksam machen.

          Topmeldungen

          Nobelinsel Martha’s Vineyard : Ein neues Haus für die Obamas

          Martha’s Vineyard ist eine der exklusivsten Wohnadressen in den Vereinigten Staaten. Jetzt darf sich die illustre Reihe Prominenter dort über neue Nachbarn freuen – sofern man die Obamas auf ihrem riesigen Anwesen zu Gesicht bekommt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.