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: Erst die Klugheit macht die Schönheit schön

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Sein wichtigstes Werk veröffentlichte er 1998 unter Pseudonym, und so ist heute der nom de plume Hans Stilett allgemein bekannt, obwohl er erst von 1974 an Verwendung fand, während das sonstige Leben und Schaffen des 1922 geborenen und in Königswinter lebenden Hans Adolf Stiehl weitgehend im Dunkeln liegt.

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          Sein wichtigstes Werk veröffentlichte er 1998 unter Pseudonym, und so ist heute der nom de plume Hans Stilett allgemein bekannt, obwohl er erst von 1974 an Verwendung fand, während das sonstige Leben und Schaffen des 1922 geborenen und in Königswinter lebenden Hans Adolf Stiehl weitgehend im Dunkeln liegt. Doch auch als Stilett brauchte Stiehl fast ein Vierteljahrhundert, um den Durchbruch zu schaffen. Der frühere Journalist hatte sich den Kunstnamen zunächst als Poet zugelegt, aber schließlich war es vor zehn Jahren ein Sonderband von Hans Magnus Enzensbergers "Anderer Bibliothek", der ihn berühmt machte.

          Dieses Buch enthielt die von Stilett übersetzten Essais des Michel de Montaigne. Das wäre für sich noch keine große Sensation gewesen, denn seit Johann Daniel Tietzes erster Übertragung ins Deutsche aus der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts hatte es bis 1998 bereits nicht weniger als sieben weitere gegeben, darunter die bis dato beste von Herbert Lüthy für den Zürcher Manesse Verlag. Allerdings boten ausgerechnet nur die zwei ältesten Ausgaben sämtliche 107 Essais, die Montaigne von 1572 bis zu seinem Tod 1592 geschrieben hatte, und so konnte Stilett seine Version geschickt, aber berechtigt als "erste moderne Gesamtübersetzung" bezeichnen. Trotzdem hätte wohl niemand damit gerechnet, dass der überformatige und nicht eben preiswerte Band sich mehr als sechzigtausend Mal verkaufen würde.

          Das ist selbst (oder gerade) bei einem Werk der philosophischen Weltliteratur bemerkenswert viel. Dieser Erfolg trieb Stilett voran, machte ihn in hohem Alter verspätet noch zum Nestor der deutschen Montaigne-Forschung und begründete im Herbst eines publizistischen Lebens eine zehnjährige Erntezeit, in der erst seine Übersetzung von Montaignes Reisetagebüchern herauskam, dann Auswahlbände mit thematisch verwandten Essais erschienen (unter anderem für Lehrer, Mediziner und Juristen) und schließlich in diesem Herbst eine eigene Deutung folgt: "Von der Lust, auf dieser Erde zu leben".

          Der Titel verdankt sich Nietzsches "Unzeitgemäßen Betrachtungen", einer der zahlreichen Liebeserklärungen aus deutscher Feder an Montaigne. Doch wo der Philosoph dem Kollegen lediglich ein paar begeisterte Zeilen widmete, sind es beim Übersetzer mehr als 270 Seiten. Herausgekommen ist dabei eine bemerkenswerte Mischung aus Biographie und - ja - aus Essay, auch wenn Stilett dieses Wort fürs eigene Schreiben geradezu impertinent vermeidet und seine neunzehn jeweils selbständigen Kapitel als "Wanderungen" bezeichnet. Und um den Unterschied zur durch Montaigne erst begründeten Gattung des Essays noch deutlicher zu machen, beginnt jede dieser Wanderungen nicht mit einem schlichten Zitat, sondern mit einem "Treffpunkt" - dem Ort im Werk nämlich, von dem der Interpret seinen Ausgang in die weite Denklandschaft des französischen Edelmannes nimmt.

          Als deren Grundzug erkennt Stilett "ein vorbehaltloses Ja zum Leben". Montaigne, der immer wieder betont hat, dass die Essais allein der Augenblicksaufnahme seines Ichs dienten, wird vom Übersetzer mit den eigenen Worten korrigiert - hin zu einem Analytiker des allgemein Menschlichen, der gerade aus der akribischen Selbstbeobachtung eine Suchbewegung beginnen lässt, die in jeder Hinsicht des Wortes aufs Ganze geht.

          Dafür ist paradoxerweise die essayistische Form entscheidend, denn sie bildet gerade in ihrer thematischen Spezialisierung dieses Verfahren genau ab: "Kein Gegenstand ist so geringfügig, dass er nicht mit Fug und Recht in diese bunte Folge aufgenommen würde", heißt es bescheiden und herausfordernd zugleich im dreizehnten Essai, der sich allerdings nichts Kleinem, sondern "Förmlichkeiten bei der Begegnung von Königen" widmet (Montaigne wusste genau, wovon er sprach; er diente drei französischen Monarchen als Berater und Unterhändler). Doch man muss diesen Beginn des Textes als bösen Spott aufs Hofzeremoniell lesen, denn später spricht Montaigne von der "Sklaverei", der er dort zu glücklich entkommen sei, als dass man etwas davon "bis in den eigenen Schlupfwinkel mitschleppen" sollte.

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