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: Erpicht auf Männer mit Autos

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Das erhebliche Lesevergnügen, das Stephanie Peters "Alphabet der polnischen Wunder" bereiten kann, ist nicht leicht zu erklären und noch schwerer zu verteidigen. Denn von einem Wörterbuch kann kaum die Rede sein, wo die Stichworte Wurstmenschen, Ente, Schöne Frauen oder Nieprzysiadalnosc heißen. In diesem Wörterbuch wird niemand nachschlagen.

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          Das erhebliche Lesevergnügen, das Stephanie Peters "Alphabet der polnischen Wunder" bereiten kann, ist nicht leicht zu erklären und noch schwerer zu verteidigen. Denn von einem Wörterbuch kann kaum die Rede sein, wo die Stichworte Wurstmenschen, Ente, Schöne Frauen oder Nieprzysiadalnosc heißen. In diesem Wörterbuch wird niemand nachschlagen. Auch ein bloßes Blättern würde man aber bald einstellen, weil die Augen im schnellen Wechsel zwischen Fernsichten auf die polnische Nationalgeschichte und den detaillierten Erklärungen unbekannter Namen und Begriffe wie Hans Kloss oder Lumpex ermüdeten. Allenfalls würde solch ein Blätterer etwas bei den tatsächlich sehr gelungenen Zeichnungen von Maciej Sienczyk verweilen, die im Stile von Rosa Loy und Neo Rauch Versatzstücke von sozialistisch-realistisch naiver Bildlichkeit zu beklemmend humoristischen Rätseln montieren.

          Nur, welchen Zweck kann es haben, das in der Kunst vielleicht ganz ersprießliche Prinzip der Montage auf Sachtexte zu übertragen? Ist es nicht, als hätte da jemand einen Sammelband zu Polen in unterschiedlich große Stücke zerrissen und einen Teil dieser Stücke in beliebiger Reihenfolge aneinandergeklebt? Doch eben das hat, liest man das Wörterbuch gemächlich von Abtreibung bis Zwillinge, eine eigene Wirkung, die der Sammelband nur schwerlich hätte.

          Politik des dicken Strichs?

          Natürlich gibt es auch schlechtere Beiträger. Martin Pollack zum Beispiel. Gleich unter dem ersten Stichwort "1968" berichtet er von der "beispiellosen" antisemitischen Kampagne, die, ja, man versteht es gar nicht genau, Studentenproteste als jüdisch gesteuert diskreditieren sollte und mit der zugleich - aber wie? - der Innenminister den Parteivorsitzenden zu diskreditieren beabsichtigte. Da heißt es dann einerseits, dass die Bevölkerung proisraelisch gesinnt war und die Partei mit ihrem Schmutzfeldzug den "letzten Rest an Glaubwürdigkeit" verlor. Andererseits soll die Kampagne auf "fruchtbaren Boden" gefallen und der Antisemitismus auch im kommunistischen Polen keine neue Erscheinung gewesen sein. Offenbar will Pollack gegen den Antisemitismus, aber nicht gegen die Polen schreiben. Ein solcher Eifer nach korrekter Gesinnung drückt sich auch aus, wenn er, ohne jede Erwägung von Gegenargumenten, die Politik des dicken Strichs ein zweifelloses Versäumnis nennt. "Der sorglose Umgang mit der Vergangenheit führte zu einer Vergiftung des Klimas und einem zunehmenden Verfall der politischen Kultur. Und ein Ende ist nicht abzusehen." Zeigt das nicht genau den deutschen Paternalismus, dem sonst in dem Buch viel Kritik gilt? Vielleicht ist es deshalb nicht nur dem beispiellos sorglosen Formulieren zuzuschreiben, wenn Pollack Polens Nationalcharakter durch ein adliges Wertesystem geprägt sieht, in dem "sogenannte bürgerliche Tugenden wie Sparsamkeit, Fleiß, Arbeitseifer, Ordnungsliebe nicht viel galten". Polnische Wirtschaft hatte Seume das vor zweihundert Jahren genannt.

          Aber wie viel beredte Details bei anderen Autoren! Cord Riechelmann erzählt vom polnischen Wappenadler, der seit je nach links, also nach Westen blickt. Oder von den polnischen Saatkrähen, die im Winter entlang der Bahnstrecke St. Petersburg-Paris nach Berlin fliegen (und dann über der Berlinale kreisen), aber wegen der Erwärmung immer öfter in Polen bleiben. Oder den Störchen, die bedroht sein könnten, wenn die Kleinbauern fehlen, die Wiesen storchgerecht kurz zu halten. Von den Kleinbauern selbst handelt Helmut Höge, von Arbeitslosen, die aufs Land gehen und Subsistenzwirtschaft betreiben, von Milchziegen, die akademisch betreut in der Nähe von Breslau Bedürftigen zur Verfügung gestellt worden seien, von Städtern, die viel Land kaufen und es ohne Vertrag verpachten, um nämlich selbst die EU-Prämien zu kassieren.

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