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Ernst-Wolfgang Böckenförde: Wissenschaft, Politik : Unverlierbar bleibt, was als Seelendrama ausgefochten wurde

Bild: Verlag

Das eigene Lebenswerk im Modus eines Interviews zu kommentieren ist ein Wagnis. Das Gespräch, das Dieter Gosewinkel mit dem Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde führte, hat dieses Wagnis gelohnt

          Dieter Gosewinkel möchte in seinem wissenschaftlich-biographischen Interview mit dem Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde „Knotenpunkte und Problemverdichtungen in der politischen und intellektuellen Zeitgeschichte der Bundesrepublik“ sichtbar machen. Das ist, vorab gesagt, im Übermaß gelungen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Zumal Gosewinkel, der in den achtziger Jahren Mitarbeiter am Freiburger Lehrstuhl Böckenfördes war, aus der methodischen Einschränkung, die sein Gespräch aufweist, keinen Hehl macht, sie nachvollziehbar gar als Stärke deutet: „Quellenkritisch muss man gewiss in Rechnung stellen, dass es das Interview eines Wissenschaftlers mit seinem akademischen Lehrer ist. Dieser Umstand vermindert möglicherweise die Distanz, erzeugt Empathie, vielleicht unbewusst Befangenheit in der Anlage der Fragen. Aber er schließt Kritik und Dissens in der Sache nicht aus. Das war eine zentrale Lehre der Freiburger Lehrstuhlrunde. Und schließlich: Weniger Distanz fördert die Offenheit des Gesprächs. Ich verbinde daher mit diesem Interviewtext die Hoffnung, dass er auch Informationen und Zusammenhänge vermittelt, die ohne dieses Interview nicht sichtbar oder in Vergessenheit geraten würden.“

          Was ist eigentlich ein Meisterschüler?

          Dem Suhrkamp Verlag kommt das Verdienst zu, den dokumentarisch-analytischen Rang dieses bislang nicht veröffentlichten Interviews erkannt und es zusammen mit bereits publizierten Aufsätzen Böckenfördes in dem Buch „Wissenschaft, Politik, Verfassungsgericht“ herausgegeben zu haben. Allein die sechzig Seiten zu den akademischen Lehrern und intellektuellen Weggefährten sind eine geistesgeschichtliche Goldgrube; in plaudernder Präzision werden hier Netzwerke und wichtige Debatten der Nachkriegszeit erhellt.

          Das Gespräch kreist um politisch-philosophische Köpfe wie Joachim Ritter, Franz Schnabel, Otto Brunner, Robert Spaemann, Reinhard Koselleck - und immer wieder um Carl Schmitt, als dessen „Meisterschüler“ Böckenförde vom Schmitt-Biographen Reinhard Mehring bezeichnet wird - eine Qualifizierung, die Böckenförde, der stets freimütig über Schmitts Einfluss auf sein staatsrechtliches Denken berichtet, wie folgt kommentiert: „Ich weiß nicht, was heißt Meisterschüler? Eine meiner geistigen Wurzeln liegt auch bei Hermann Heller. Schüler kann man schon sagen, dafür war der Kontakt sehr eng, aber Meisterschüler? Wenn das so diesen Akzent hat, der hat ihn voll rezipiert, dann würde ich sagen, nein, da war ich kein Meisterschüler.“

          Das Platzen des Karlsruher Judizierens

          Im Übrigen sagt Böckenförde zu Mehrings 2009 erschienenem Schmitt-Buch: „Es mag noch Einzelerörterungen geben, aber als biographische Darstellung ist Mehring nicht mehr überholbar.“ Er gehöre nicht zu Schmitts Hagiographen, erklärt Böckenförde. Aber dass er viel von Schmitt gelernt habe, merke jeder, der seine, Böckenfördes, Schriften lese. „Da hat Mehring wohl recht: Die liberale Rezeption der Staatsrechtslehre nach 1945 ist zu einem Teil von mir ausgegangen. Seine Kritik der Demokratie oder des Parlamentarismus, die finden Sie bei mir nicht. Aber die Analyse, was bedeutet Repräsentation, oder die Unterscheidung von pouvoir constituant und pouvoir constitué und die vielen Begriffsprägungen im Verfassungsrecht, die waren für mich einflussreich.“ Was soll man dazu sagen, wenn Böckenförde über die „antisemitischen Ausfälle Carl Schmitts“ heute nur sagt: „Was soll man dazu sagen? Es gibt in jedem Leben dunkle, vielleicht auch sehr dunkle Seiten und Flecken, ich bin nicht sein Richter. Wieso sollte ich ihn zur Rechenschaft ziehen und ein nachgeholtes Spruchkammerverfahren machen?“ So kann man fragen. Man könnte aber auch anders fragen. Nämlich so, dass die moralische Katastrophe nicht vom rhetorischen Extrem verdeckt wird.

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