https://www.faz.net/-gr3-9iojn

Verehrt und verteufelt: Rosa Luxemburg auf einer um 1907/08 entstandenen Fotografie Bild: akg-images / Archive Photos

Biographie von Rosa Luxemburg : Die Massen konnte sie niemals gewinnen

  • -Aktualisiert am

Heute vor hundert Jahren wurde Rosa Luxemburg ermordet: Eine neue Biographie von Ernst Piper bemüht sich um eine ausgewogene Darstellung der Revolutionärin – und versäumt dabei etwas.

          4 Min.

          „Sei ruhig, werde nicht nervös und zeige keine falsche Bescheidenheit: tritt mit aller Brutalität für unsere Sache ein.“ Diesen Rat gab die zweiunddreißigjährige Rosa Luxemburg 1903 einem ihrer polnischen Kameraden mit auf den Weg zu einer der vielen damals abgehaltenen und stets kontroversen Parteikonferenzen. Er verrät viel über das Selbstbild und Politikverständnis der bis heute umstrittenen Revolutionärin. Rosa Luxemburg lebte für den von Karl Marx entworfenen Versuch einer totalen Verschmelzung von politischer Theorie und Praxis. Über drei Jahrzehnte hinweg – ihr gesamtes Erwachsenenleben lang – engagierte sich die 1871 im polnischen Zamość geborene Tochter eines jüdischen Kaufmanns in Deutschland wie im Zarenreich für die Umsetzung des „wissenschaftlichen Sozialismus“ in eine sozialistische Revolution.

          In einer umfangreichen neuen Biografie zeichnet der Historiker Ernst Piper nun das turbulente Lebensbild einer Frau nach, die die Geschichte der deutschen und europäischen Linken im zwanzigsten Jahrhundert prägte wie keine andere vor oder nach ihr. Wie die meisten Biographen, auf deren Arbeiten er zurückgreift, bekennt Piper sich dazu, von Luxemburg fasziniert zu sein, aber er sei „deshalb noch lange kein Anhänger der Idee der Diktatur des Proletariats“. Das ist eine angemessene Ausgangslage, um sich einer Figur zu nähern, die eine äußerst polarisierende Wirkung entfaltet hat und immer noch entfaltet.

          Grundsätzlich wohlwollend

          Das grundsätzlich wohlwollende Licht, in das Piper die täglichen politischen, publizistischen und privaten Mühen dieser rastlosen und letztlich glücklosen Frau taucht, wird der Lebensgeschichte durchaus gerecht. Doch in seiner um Ausgewogenheit bemühten Würdigung ihrer politischen Bedeutung und damit ihres historischen Vermächtnisses – nicht nur für die Sozialdemokratie, sondern die (deutsche) Demokratiegeschichte insgesamt – versäumt es Piper, sich mit den antidemokratischen und unfreiheitlichen Aspekten ihres Denkens und Handelns in der gebotenen Weise auseinanderzusetzen.

          Ernst Piper: „Rosa  Luxemburg“. Ein Leben.
          Ernst Piper: „Rosa Luxemburg“. Ein Leben. : Bild: Blessing Verlag

          Auch wenn dieses Lebensbild im Einzelnen wenig Neues bringt, gelingt es dem Autor dank seiner umfassenden Kenntnis der Quellen und Sekundärliteratur und nicht zuletzt einer großen Erzählkunst, Rosa Luxemburgs Weg anschaulich nachzuzeichnen: von der polnisch-jüdischen Kindheit über das Studium und die Promotion in Zürich, die ersten politischen Aktivitäten in der polnisch-russischen Sozialistenbewegung bis hin zur Übersiedlung nach Berlin, wo 1898 ihr steiler Aufstieg in der deutschen Sozialdemokratie seinen Anfang und 1919 sein jähes Ende nehmen sollte.

          Seit John Peter Nettls maßgeblicher zweibändiger Biografie ist Piper der erste, der es exzellent versteht, Luxemburgs umfangreiche Korrespondenz als kritische Quelle neben anderen für ihr politisches Wirken heranzuziehen und zugleich ihre intimsten darin enthaltenen Gedanken – etwa im Zusammenhang mit ihrer Kinderlosigkeit – angemessen zu berücksichtigen. Detailreich schildert er Luxemburgs Aktivitäten in der polnisch-russischen Arbeiterbewegung, die 1905/06 während der ersten Russischen Revolution einen Höhepunkt erreichen, als sie nach Warschau reist, die Ereignisse hautnah miterlebt und erstmals in Haft kommt. Rückblickend sah sie diese Monate als die „glücklichsten“ ihre Lebens.

          Weitere Themen

          Wo nimmt die Frau bloß diese Töne her?

          Bayreuther Festspiele : Wo nimmt die Frau bloß diese Töne her?

          Katharina Wagner ist es gelungen, die Bayreuther Festspiele musikalisch und szenisch auf hohem Niveau zu konsolidieren. Die Wiederaufnahmen von „Die Meistersinger von Nürnberg“ und „Tannhäuser“ beweisen es.

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Topmeldungen

          Ein völlig zerstörtes Haus am Ortseingang von Altenahr am 27. Juli 2021

          Offener Brief : Altenahr beschwert sich bitter bei Merkel

          In einem Brief an Kanzlerin Merkel und die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Dreyer fordern Betroffene eine Perspektive für das Ahrtal. Die bisherigen Hilfen würden nicht ansatzweise ausreichen.
          Alles so schön bunt hier: eine Gasse in Basel. In der Schweizer Stadt fanden im vorigen Jahr Demonstrationen der Black-Lives-Matter-Bewegung statt, die Martin R. Dean ermutigten, über seine Erfahrungen als „nichtweißer“ Autor zu sprechen.

          Was die Sprache verändert : Ade, du weiße Selbstverständlichkeit

          Der Schriftsteller Matthias Politycki hat kürzlich begründet, warum er Deutschland verlassen hat: Politisch korrekte Sprachregelungen mache ihm das Schreiben unmöglich. Ihm antwortet nun ein Freund und Kollege.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.