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Ernst Peter Fischer: Niels Bohr : Der Zen-Meister der Quantenphysik

Niels Bohr Bild: Verlag

Ein Meister des schönen Erschreckens über die moderne Physik: Ernst Peter Fischers Porträt des Physikers und Philosophen Niels Bohr.

          2 Min.

          Fällt der Name Niels Bohr, denkt man an die heroischen Jahre der Physik, als die Quantentheorie zu ihrer Gestalt fand. Ein Abenteuer, das mit der Einführung des Wirkungsquantums am Jahrhundertanfang recht unscheinbar begonnen hatte, um ein Vierteljahrhundert später in den Grundriss einer Physik zu münden, die mit der klassischen Theorie noch viel grundsätzlicher brach als die im selben Zeitraum formulierten beiden Relativitätstheorien.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Dieser Bruch stand allen Beteiligten deutlich vor Augen, selbst wenn sie recht verschieden auf ihn reagierten. Bohr war derjenige, der wohl am nachdrücklichsten herauszuarbeiten versuchte, aus welchen tiefliegenden Prinzipien heraus er zu verstehen sein sollte. Es war seine Weise, die von ihm und Heisenberg Mitte der zwanziger Jahre entwickelte „Kopenhagener Interpretation“ des gerade erst ausgearbeiteten quantentheoretischen Formalismus zu verteidigen. Für Bohr spielte dabei der Begriff der Komplementarität, der aus Überlegungen zu den verschiedenen - gleichwertigen und sich dabei gegenseitig beschränkenden - Darstellungsweisen eines quantenmechanischen Systems hervorging, eine wichtige Rolle.

          Komplementäre Perspektiven

          Aber er war eben nicht bloß eine etwas allgemeinere Formulierung dessen, was die Unschärferelationen auf den Punkt brachten. Er zielte auf jene „tiefen Wahrheiten“, als deren Ausweis Bohr ansah, dass sie einander - nimmt man verschiedene Perspektiven ein - durchaus widersprechen können, ohne deshalb ihre Angemessenheit zu verlieren.

          Eine ganze Menge von „Widersprüchen“ und Entgegensetzungen sollten letztlich bei Bohr unter dieses Konzept fallen - womit die Rede von der Komplementarität freilich an Kontur verlor. Ernst Peter Fischer zeigt sich in seinem Buch als enthusiastischer Interpret von Bohrs grundsätzlichen, wenn auch berüchtigt unübersichtlichen Überlegungen, die eher um angemessene Formen von Fragen kreisen, als definitive Antworten anzuvisieren. Rekonstruktion kam man nicht nennen, was Fischer damit anbietet, eher schon Beschwörung eines Gestus des Nachdenkens über Wissenschaft, dem sich der Autor selbst verpflichtet weiß.

          Ein Anstoß für die Molekularbiologie

          Selbst wenn etwas weniger Empathie für den „nicht ruhenden Meister des Fragens“ (C. F. v. Weizsäcker) manchmal gar nicht geschadet hätte: Man bekommt eine ganz untechnisch gehaltene Annäherung an eine bedeutende Figur der jüngeren Wissenschaftsgeschichte. Einschließlich des Hinweises, dass dabei - selbst wenn man den Fokus wieder auf die Disziplinen verengt - durchaus nicht nur an die Physik zu denken ist.

          Denn als ein anderer berühmter Physiker mit philosophischen Neigungen, Erwin Schrödinger nämlich, Ende der vierziger Jahre seine hellsichtigen Überlegungen über die Struktur der Gene veröffentlicht, stützte er sich auf die Arbeiten von Max Delbrück. Diesem aber hatte nach eigener Auskunft ein Vortrag Niels Bohrs von 1932 über „Licht und Leben“ entscheidende Winke gegeben, wie man zu einer experimentellen Biologie und ihren elementaren Gegenständen - analog zum analytisch zu lösenden Wasserstoffatom der Quantentheorie, selbst so etwas wie das Analogon zum klassischen Pendel - kommen könne.

          Womit Bohr sogar auch als Anreger der modernen Molekularbiologie gelten kann. Einen seiner letzten Vorträge hielt er bei der Eröffnung des mit Delbrücks Hilfe an der Universität Köln gegründeten Instituts für Genetik: „Licht und Leben - noch einmal“. Das war wenige Monate vor seinem Tod, der sich an diesem Sonntag zum fünfzigsten Mal jährt.

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