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Ernst Kris: Erstarrte Lebendigkeit : Der Beitrag der Schlangen zur Kunst

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Bevor der Wiener Kunsthistoriker Ernst Kris sich ganz der Ausübung der Psychoanalyse widmete, schrieb er gemeinsam mit Otto Kurz das Buch „Die Legende vom Künstler“. Die beiden Autoren konnten zeigen, dass es sich bei den Lebensbeschreibungen bekannter Künstler oftmals nicht um biographische Fakten, sondern um Versatzstücke literarisch tradierter Künstlermythen handelte. Mit dem Vorwort von Ernst Gombrich ist das Buch längst zum Klassiker geworden und hat zugleich die früheren Forschungen von Kris in den Hintergrund treten lassen.

          Deshalb ist es erfreulich, dass jetzt zwei frühere Texte des Autors noch einmal samt einem instruktiven Nachwort erscheinen. Der erste Beitrag gilt dem Antwerpener Maler Georg Hoefnagel, dessen Studien von Pflanzen, Insekten und Seetieren Kris als Ausdruck eines im 16. Jahrhundert einsetzenden wissenschaftlichen Naturalismus deutet. Als Hoefnagel 1577 in Begleitung des Geographen Abraham Ortelius Italien bereiste, galt sein Interesse weniger den antiken Denkmälern als den Schwefelquellen bei Pozzuoli und dem Kratersee von Agnano. Es sei eben nicht die Erlebniskraft des Künstlers, die Hoefnagel umgetrieben habe, folgert Kris, sondern der Geist eines Forschungsreisenden.

          Notwendigkeit des erweiterten Blicks

          Kris versteht diese Haltung als Ausdruck eines Zeitstils des 16. Jahrhunderts, der eine Intellektualisierung und Verwissenschaftlichung der Kunst mit sich bringe. „Bei aller Meisterschaft der Darstellung sind diese Blätter gewiss nicht als ,Kunstwerke’ aufzufassen.“ Die scheinbare Strenge, mit der Kris hier urteilt, kann leicht täuschen. Denn seine Absicht ist es gerade nicht, den Miniaturen Hoefnagels den Eintritt in die Kunstgeschichte zu versagen, sondern ihnen ganz im Gegenteil dort ein Bleiberecht zu gewähren.

          Die von Kris festgestellte „Kunstlosigkeit“ der Miniaturen soll sie nicht aus der kunstgeschichtlichen Betrachtung ausschließen, sondern genau umgekehrt die Kategorien des Fachs erweitern. Wie Bettina Uppenkamp in ihrem Kommentar hervorhebt, argumentiert Kris hier in der Tradition der Wiener Schule der Kunstgeschichte und ihrer Abkehr von einer normativen Geschichtsschreibung, die vor allem Werke der Hochkunst kennt. Mitunter hat es den Anschein, als müsse Kris auch sich selbst noch von der Notwendigkeit dieses erweiterten Blicks überzeugen. Möglicherweise, so räumt er ein, laufe seine Studie Gefahr, am Ende gar kein kunstgeschichtlicher, sondern ein kulturgeschichtlicher Beitrag zu sein.

          Die ein Jahr später erschienene Studie zur Verwendung des Naturabgusses in der Kunst des sechzehnten Jahrhunderts formuliert schon in den ersten Sätzen ungleich offensiver. Es seien die Wertmaßstäbe der eigenen Gegenwart, die das Vergangene wahlweise als Blüte oder Verfall erscheinen ließen und ihren Ausdruck oftmals in begrifflichen Unschärfen und den „völlig untauglichen Stilnamen der Kunstgeschichte“ fänden.

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