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Ernst Horst: Nur keine Sentimentalitäten! : Darf in keinem gebildeten Haus fehlen

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Bild: Blessing

Frau Doktor wusste schon, wie man deutschen Kindern den korrekten Konjunktiv beibringt: Der Münchner Donaldist Ernst Horst entschlüsselt Geistesblitze und Mutterwitze der Disney-Comic-Übersetzerin Erika Fuchs.

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          Als ich im Jahr 1973 das erste Mal die Vereinigten Staaten bereiste, staunte ich, was ich alles schon kannte: die öffentlichen Parks im ersten Planquadrat der Stadt, mit dem Standbild des Pioniers und Städtegründers geziert. Die Art-déco-Leuchten in solchen Parks. Drehbare Türknöpfe statt Türklinken, Briefkästen, auf einem Pfahl am Straßenrand angeschraubt, mit einem Fähnchen, das anzeigte, ob Post darin lag. Dampfloks mit bauchigen Schornsteinen und Kuhfängern. Scheunen mit gerundeten Dächern. Häuser ohne Flure, aber mit Veranden, und Fenster, die man zum Öffnen nach oben schob. Schritt für Schritt musste der Reisende erkennen, dass er - nun endlich - in Entenhausen angekommen war.

          Es waren diese kleinen Einzelheiten des täglichen Lebens, die, da sie bildlich festgehalten waren, sich dem Übertragungselan von Erika Fuchs entzogen. Denn wo sie etwas durch sprachliche Merkmale eindeutschen konnte, hatte die langjährige Alleinübersetzerin der als Lizenzen des Disney-Konzerns entstandenen Mickymaus-Hefte und Donald-Duck-Geschichten ganze Arbeit geleistet.

          Der kulturelle Antiamerikanismus der Europäer

          Vermutlich ging es allen Kindern, die während der fünfziger Jahre in der Bundesrepublik aufwuchsen und die Micky-maus-Hefte lesen durften, ähnlich. Sie werden zunächst nicht über die geographische Lokalisierung Entenhausens nachgedacht, nur vielleicht nach einigen Jahren darüber gestaunt haben, dass es Donald möglich war, seine drei Neffen durch eine simple Autofahrt auf dem Rücksitz seines Roadsters ins Land der Indianer, Goldminen und menschengroßen Kakteen zu befördern, er für eine Reise nach Griechenland aber das Schiff benutzen musste. Erst später ließen sie sich von Eltern, die die Geschichten anfangs noch hatten vorlesen müssen, darüber aufklären, dass Donald und Gustav Gans in Amerika zu denken seien.

          Diese Generationserfahrung hat auch Ernst Horst, geboren 1951, im ersten Jahr der deutschen Mickymaus-Hefte, mitgemacht, und sie ist ihm zum Anlass für ein ganzes Buch geworden. Andeutungsweise nimmt er dazu Stellung, was die Motive der als „Chefredakteurin“ titulierten Übersetzerin gewesen sein dürften, so rigide alles zu tilgen, was als Hinweis auf den amerikanischen Ursprung der Geschichten hätte dienen können. Da ist an den damals noch lange nicht überwundenen kulturellen Antiamerikanismus der Europäer zu denken, an die mangelhaften Englischkenntnisse des Publikums, schließlich auch an die Tatsache, dass die Übersetzerin selbst bis dahin noch nie in den Vereinigten Staaten gewesen war. Warum also hätte sie nicht uniformierte Boyscout-Führer in Studienräte verwandeln sollen?

          Dem Ingenieur ist nichts zu schwere

          Der Verlag hatte nicht ohne Grund den Doktorgrad seiner „Chefredakteurin“ herausgestellt: So sollten die Zweifel von Eltern zerstreut werden, die keine „Schundheftchen“ kaufen wollten. Es war eine günstige Konstellation, in der Erika Fuchs ihre historische Rolle entfaltete, die darin bestand, den Bildergeschichten lesenden Kindern ausgerechnet am amerikanischen Exempel vernünftiges Deutsch beizubringen. Denn wenn Ernst Horst auch meint, dies sei zu viel der Ehre und man solle den trivialen Charakter der Heftchen doch bitte nicht vergessen, so wage ich zu behaupten, dass die Fuchsschen Texte ganz zwanglos und ohne dass die Texterin ihre Phantasie hätte drosseln müssen, zu diesem Resultat geführt haben.

          Dem Fuchs-Forscher stand mit der Internetsuchmaschine eine Hilfe zu Gebote, die Erika Fuchs nicht besaß, aber auch nicht brauchte, weil sie sich beim Formulieren und Erfinden auf ihr Gedächtnis und einige in ihrer eigenen Umgebung aufgeschnappte Orts- und Gewässernamen verlassen konnte. Das Erfinden war leicht, das Nachvollziehen wäre ohne das Internet mühselig gewesen. Ernst Horst muss ausführlich in die Biographie seiner Heldin eintreten, um manche dieser Erfindungen verständlich zu machen.

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