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Die Zeit war gekommen, in der weibliche Popstars ihre Marke aufbauen konnten: Debbie Harry in Andy Warhols „Bad“-T-Shirt, London 1979. Bild: ddp/Camera Press

Popmusik der Siebziger : Die bunte Ich-Dekade

Songs, die im Gedächtnis blieben, ob man das nun wollte oder nicht: In „Die 70er – Der Sound eines Jahrzehnts“ führt der Musikjournalist Ernst Hofacker durch den facettenreichen Pop der siebziger Jahre.

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          Das Jahrzehnt, das sich popkulturell am tiefsten ins Gedächtnis eingeschrieben hat, sind die achtziger Jahre. Sie waren das Zeitalter der Superstars, der Bildgewalt von MTV und der griffigen Popsongs, die bis heute – ob freiwillig oder nicht – jeder kennt. Hitradiostationen, das Fernsehen, Musikclubs sind voll davon. Das vielfältigere, experimentellere und in der Breite aufregendere Jahrzehnt aber waren die Siebziger. Man braucht nur die Albumtitel aufzulisten und bekommt eine Ahnung davon, wie abwechslungsreich sie klangen: „Tago Mago“, „Dark Side Of The Moon“, „What’s Going On“. „Natty Dread“, „London Calling“ oder „Saturday Night Fever“. Sie wurden zur „vielleicht fruchtbarsten Phase der modernen Popmusik“, schreibt der Musikjournalist Ernst Hofacker in seinem Buch über „Die 70er. Der Sound eines Jahrzehnts“.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Aus dem Vorhaben, die sozialen, politischen, wirtschaftlichen, technischen und kulturellen Hintergründe der popmusikalischen Entwicklung zu beleuchten, ist eine mitreißend geschriebene Chronik dieser Epoche geworden. „Als das Jahrzehnt begann, waren die hochfliegenden Träume der Sixties geplatzt, an die Stelle ihres bilderstürmenden Optimismus war weitgehende Desillusionierung getreten“, schreibt Hofacker. Anders als zu Sergeant-Pepper-Zeiten sei der Ton aggressiver geworden, Fortschrittsskepsis und Umweltschutz, die Demokratisierung der Bildungschancen waren prägende Themen des Zeitalters, für dessen Charakterisierung Tom Wolfes Zitat von „The Me Decade“ herhält. „Pop spiegelte all das wider“, so Hofacker, „nicht immer konkret und in Songtexten, meistens reichte es auch, wenn er die emotionale Textur um sich herum aufnahm.“

          Hofacker, der seit rund zwanzig Jahren etwa für „Soundcheck“, „Bravo“ und „Musikexpress“ schreibt und mehrere Bücher veröffentlicht hat, zeichnet in der Tradition des erzählerischen, soziologisch erklärenden Musikjournalismus, der nahezu ausgestorben ist, Entwicklungen anhand ihrer Protagonisten nach. Bewusst grenzt er sich von Verklärungen in oberflächlichen Rundfunkformaten ab. „Ihre spirituelle Kraft, ihre Faszination, ihren historischen Impuls“ könne Musik nur in ihrem zeitlichen Kontext entfalten.

          Für jedes Jahr eine Besonderheit

          Sein Kunstgriff, der ihn durch die Epoche führt, ist es, für jedes Jahr eine Aufnahme, ein Ereignis oder eine Figur herauszugreifen und an ihr die musikalische Dynamik zu erklären. Dabei gräbt er tief in der Geschichte, um die Wurzeln eines Stils (Reggae, Glam, Disco) zu ergründen. En passant dokumentiert er, wie Los Angeles mit seinen „archetypischen L.A.-Cowboys, die ihr goldenes Koks-Löffelchen am Goldkettchen um den Hals trugen“, London als globale Popmetropole ablöst. Aus dem „break on through“, das Jim Morrison in den Sechzigern herausposaunt hatte, oder dem „tear down the walls, motherfucker“ der Jefferson Airplane ist ein anderes Motiv geworden: Zu Beginn der siebziger Jahre tat sich ein neues Terrain auf. „Das Leitmotiv hieß jetzt: Unbekannte Welten erkunden!“ So machten sich Fans mit Led Zeppelin, Deep Purple, Pink Floyd, Yes auf zehn- bis zwanzigminütige Reisen in Phantasiewelten.

          Die Begeisterung für diese Pioniere ist in den Ausführungen spürbar. Doch mit allzu eindeutigen Bewertungen hält Hofacker sich zurück. Viel Sympathie für Bowie, Queen und Led Zeppelin ist unverkennbar. Dass er einige wichtige Formationen des Zeitalters wie Genesis, Steely Dan oder 10cc beinahe oder nahezu ignoriert, ist bei publizistischen Vorhaben dieser Art unvermeidlich. Ansonsten ist der nüchtern-analytische Stil nützlich, um vergleichsweise agnostisch Entwicklungen nachzuzeichnen. Viele Rockfans der ersten Jahre standen dem Schwenk ab Mitte der Siebziger zu Disco und Elektronik ablehnend gegenüber. Doch Hofacker begleitet alle Beteiligten, ob Giorgio Moroder, die Bee Gees, Chic oder die Village People, mit Respekt. Erst recht die begnadeten Songschreiber von Abba.

          Weibliche Rockstars wurden zur eigenen Marke

          Mit genauem Blick beobachtet er, wie sich in den Siebzigern das Frauenbild verändert. Eine der Pionierinnen war die Funk-Sängerin Betty Davis, die eine Persona der hyperpotenten schwarzen Superamazone erfand und nach nur drei Platten an den Ansprüchen der Industrie scheiterte, die softe Kätzchen vermarkten wollte. Oder die Stars der New Yorker Punk-Ära: Debbie Harry und Patti Smith. Chrissie Hynde, Musikjournalistin und Pretenders-Sängerin, wird mit der Aussage zitiert, Punk habe sich dadurch ausgezeichnet, „dass sexuelle Diskriminierung in dieser Szene nicht existierte“. So wurde möglich, dass weibliche Rockstars ihre eigene Marke kreierten: „Debbie Harry und Patti Smith aber sangen nun davon, was sie tun würden.“

          „Die 70er“ hebt sich von der verbreiteten selbstverliebten oder semiotischen Popbeschreibung ab. Punk ist bei Hofacker ein Phänomen, das sich zwischen grassierender Inflation, dem Aufstieg Margaret Thatchers und dem Vermarktungsgeschick Malcolm McLarens bewegt. Krautrock deutet er als Versuch der Selbstbehauptung zwischen internationaler Bewunderung und einheimischer Ignoranz. Und Hiphop ist eine neue Ausdrucksform diskriminierter Bevölkerungsgruppen, in der erstmals schon geschaffene Musik zum Material wird. Hofackers Geschichtsschreibung ist das Gegenmodell zu kontextlosen Nostalgieshows in Radio und Fernsehen. Sie zeigt, welche Schätze im Pop verborgen sind. Es ist ein bewährtes Modell. Vielleicht haben Autor und Verlag ja Lust, auch die anderen Jahrzehnte seit der Geburt des Pop zu traktieren.

          Ernst Hofacker: „Die 70er“. Der Sound eines Jahrzehnts. Reclam Verlag, Ditzingen 2020. 350 S., Abb., geb., 28,– €.

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